„Irrtum“, beharrte Ben. „Wir hätten erklären können, die ‚El León‘ sei ein verkappter französischer Freibeuter gewesen.“
Hasard stöhnte. „Hätte dir das nicht früher einfallen können?“
„Ist mir aber eben erst eingefallen“, sagte Ben. „Du hättest ja auch an so was denken können, aber du warst ja wie vernagelt, als Dan die ‚El León‘ in Sicht meldete.“
„Ja-ja! Immer drauf auf den Alten, der hat zu denken, zu reagieren, zu handeln, zu befehlen, zu machen, hinter die Kimm zu spähen …“
„Das ist Old Donegals Aufgabe“, unterbrach Ben Brighton und grinste weiter impertinent. „Aber reagiert hast du exzellent, als du merktest, daß dieser Schnauzbart den echten Don Julio kannte. Mein Gott, mir haben die Hosen geflattert. Der Neffe von Don Julio! Mir wär das in diesem Moment nicht eingefallen, ehrlich. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Und diese beiden Affen haben das gefressen.“
„Haben sie nicht.“ Hasard schüttelte den Kopf. „Hast du gesehen, wie dieser de Freitas Batuti gemustert hat? Als sei unser Mann eine Wanze! Und dem Jüngelchen sind die Knie weich geworden, als es unsere beiden Hakenmänner entdeckte. Bist du darüber informiert, ob Schwarze oder Schwerbeschädigte auf spanischen Kriegsschiffen geduldet werden?“
Don Juan de Alcazar schaltete sich ein. „Sind sie nicht, Schwarze schon gar nicht. Und Krüppel sind eine Beleidigung für die Krone, obwohl sie Ihre Knochen für den König hingehalten haben.“ Don Juan spuckte über Bord. „Zum Kotzen ist das.“
„Du sagst es.“ Hasard nickte. „Aber sie werden nach Cadiz segeln und melden, auf was sie gestoßen sind. Und dann haben wir die ganze Flotte auf den Fersen, die sich zur Zeit in Cadiz befindet. Ihr könnt euch ausmalen, was das bedeutet.“
„Halleluja“, sagte Ben Brighton.
In diesem Moment erstieg der Profos das Achterdeck, mußte aber aufpassen, daß ihm der Helm nicht vom Kopf fiel. Er hielt ihn mit beiden Händen fest. Das sah mal wieder flott aus. Dieser Profos hatte wirklich eine unnachahmliche Art, für Gelächter zu sorgen. Vor allem, wenn er sauer war, stinksauer. Alle trugen passende Helme, nur er nicht.
„Na, Ed?“ fragte Hasard glucksend.
„Ich halte es unter diesem Scheißding nicht mehr aus, Sir“, knurrte der Profos erbittert. „Bitte um Erlaubnis, diesen verdammten Nachttopf absetzen zu dürfen, Señor Capitán.“
„Genehmigt, Señor Carberrio!“ schnarrte Hasard nach Art der spanischen Kapitäne auf Schiffen Seiner Majestät.
Da überzog das zernarbte Gesicht Carberrys ein glückliches Grinsen. Er riß sich die Blechtüte vom gewaltigen Schädel und schleuderte sie mit mächtigem Schwung nach Lee über Bord. Das Ding kreiselte durch die Luft und klatschte ins Wasser, als sei dort eine Mörserkugel eingeschlagen.
„Schade, daß dort kein Don im Wasser schwamm“, sagte Ben Brighton.
„Ich schieße nicht auf Schiffbrüchige, Mister Brighton!“ bollerte der Profos und rieb sich die Stirn, über die ein rotes Band lief – Druckstelle des zu engen Helms. Der Profos mußte wirklich gelitten haben.
„Shane?“ rief Hasard und schaute sich um.
„Sir?“ Big Old Shane verließ die Kuhl und enterte aufs Achterdeck.
Hasard wies auf den Profos. „Ed braucht einen passenden Helm. Das ist wichtig. Dieser spanische Capitán hat ihn angeglotzt wie einen Affen, der zum erstenmal auf Menschen stößt. Das muß ja nicht sein, nicht wahr? Kannst du für Eds Kopfgröße einen spanischen Helm herstellen?“
„Hm, kann ich“, brummelte Old Shane, „kein Problem, nur muß dafür der Kutscher seinen größten Suppenkessel rausrücken, besser wär ’n Waschkessel oder ’ne Badewanne für Ladies, wenn du weißt, was ich meine.“
„Wo die ihren Popo drin waschen?“ fragte der Profos mißtrauisch.
Da brauste wieder das Gelächter aller Arwenacks über die Decks, und es schallte hinüber bis zur „Respeto“, die zu diesem Zeitpunkt passiert wurde. Capitán Pigatto schüttelte griesgrämig den Kopf. Daß die noch lachen konnten! Ihm war es längst vergangen. Er hatte bereits zehn seiner Kerle verhört wie einer dieser verdammten Inquisatoren, die wissen wollten, ob man mit einer Hexe gehurt habe oder gar selbst mit einer auf einem Besen durch die Luft geritten sei. Den Brandstifter hatte er noch nicht entlarvt, aber immerhin – schon jetzt betrachteten die Kerle einander, als habe der andere einen Dolch in der Faust, um Kehlen durchzuschneiden oder Herzen zu durchbohren.
Das Mißtrauen – wie Capitán de Vilches angekündigt hatte – ging um auf der „Respeto“ und vergiftete die Bordluft mehr als der Qualm, der über anderthalb Tage alles verseucht hatte. Fast war der Qualm angenehmer gewesen.
Und wenn der Capitán an die Ratten dachte, stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Er konnte es deutlich spüren, und da fröstelte es ihn noch mehr.
„Weiter auf Kurs bleiben!“ rief Capitán de Vilches zur „Respeto“ hinüber. „Wir schließen nur kurz zum Konvoi auf. Verstanden, Capitán?“
Pigatto zeigte klar und winkte dem Capitán der Schebecke zu. Es sah aus, als wolle er sagen: Laßt mich nicht im Stich!
Hasard winkte zurück, ballte dann die rechte Hand zur Faust und reckte den Daumen. Es sollte signalisieren, daß er an das Durchhalten der „Respetos“ glaube und immer für sie da sei.
Was für ein Mann, dachte Capitán Pigatto. Hätte er erfahren, daß er mit dem Seewolf segelte, auf den die spanische Krone ein Kopfgeld ausgesetzt hatte, wäre sein Urteil nicht anders ausgefallen.
Inzwischen war Big Old Shane mit dem Profos in die Kombüse zum Kutscher und zu Mac Pellew gezogen und hatte den beiden verklart, um was es ging.
Der Kutscher war mal wieder mißtrauisch. Er hatte den Verdacht, daß hier ein faules Ei ausgebrütet werden sollte.
„Ihr spinnt wohl“, sagte er entrüstet. „Ich opfere doch keinen meiner größten Suppenkessel, damit sich dieser Mister Carberry einen Blechhut aufsetzen kann. Soll ich die Suppe für euch Kerle vielleicht künftig in Fingerhüten kochen?“
„Befehl vom Kapitän“, knurrte Carberry erbost.
„Merkwürdiger Befehl“, befand der Kutscher kopfschüttelnd. „Wir haben genug Helme von den Dons an Bord. Da muß doch einer passen …“
„Die passen eben nicht, du lausiges Würstchen!“ brüllte der Profos wutschnaubend.
„Ich muß doch sehr bitten, Mister Carberry“, sagte der Kutscher indigniert. „Und wenn ich ein lausiges Würstchen bin, dann bist du ein gepökelter Elefantenarsch!“
Bevor hier eine Kombüsenschlacht entbrannte, griff Big Old Shane ein und sagte: „Es ist so, wie Ed erklärte. Ihm paßt keiner von den spanischen Helmen, auch der größte nicht, und wenn er so einen aufsetzt, muß er aufpassen, daß ihm das Ding nicht vom Kopf rutscht. Als der spanische Kapitän vorhin an Bord war, wäre das beinahe passiert. Ed kann nicht als einziger ohne Helm herumlaufen; das gefährdet unsere Tarnung. Ich empfahl Hasard, daß wir einen Suppenkessel nehmen, den ich zu einem spanischen Helm umforme. Er war einverstanden.“
„Aha, hm-hm.“ Der Kutscher zupfte an seiner Nase und schien unschlüssig zu sein.
Mac Pellew hingegen zeigte sich aufgeschlossener. Er öffnete ein Schapp und brummelte: „Mal sehen, ob wir was Passendes haben.“
Er wuchtete einen Stapel von Kesseln aus dem Schapp. Sie war ineinander gestellt, der größte zuunterst. Acht Kessel waren es. Die beiden ersten von oben nahm Mac gleich zur Seite. Die waren für Carberrys Schädel zu klein, das sah man schon auf Anhieb. Der vorletzte paßte, als Carberry ihn aufsetzte.
„Das ist genau der Kessel, in dem ich für alle die Suppe koche“, meckerte der Kutscher.
Mac Pellew ergriff Carberrys Partei. „Stell dich nicht so an wegen dieses dämlichen Kessels, Mann! Im nächsten Hafen besorge ich einen neuen. Außerdem haben wir noch den größeren Kessel zum Suppekochen – basta!“
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