Der Capitán knirschte mit den Zähnen. „Ich kann mir das nicht vorstellen, Señor Capitán.“
„Darüber sollten Sie nachdenken, Señor Pigatto“, sagte Hasard. „Vielleicht befindet sich unter Ihren Leuten einer, der ein persönliches Interesse daran hat, daß Ihre Schatzladung nicht dem König zugeführt wird, sondern in andere Hände fällt. Ich erinnere an die Signalwirkung Ihres qualmenden Schiffes. Können Sie sich für die Integrität jedes einzelnen Ihrer Männer verbürgen?“
Pigatto biß sich auf die Lippen. „Sie meinen, einer aus meiner Mannschaft könnte den Schwelbrand absichtlich gelegt haben?“
„Das meinte ich.“ Hasard grinste hart. „Wenn Sie es nicht waren, muß es einer Ihrer Leute gewesen sein, jedenfalls nach meiner Logik. Das heißt, Sie haben einen Mann an Bord, der bisher zweimal versucht hat – Sie hatten auf dieser Fahrt ja bereits schon einmal einen Schwelbrand –, Feuer zu legen, aus welchen Gründen auch immer. Nur hege ich allerdings den Verdacht, daß dieser Mann eigennützige Ziele damit verfolgt. Welche das sein können, deutete ich ja bereits an. Sie werden also damit rechnen müssen, daß der Mann auch einen dritten Versuch unternehmen wird. Das ist die Situation, wie ich sie sehe. Sie sind der Kapitän der ‚Respeto‘. Ich muß Sie bitten, alles zu tun, um den Mann zu entlarven und einen dritten Brand zu verhindern. Sonst sehe ich allerdings für Ihr Schiff schwarz, Señor Capitán.“
Pigatto wirkte wieder hilflos – und auch irgendwie entsetzt, was Hasard verstehen konnte. Einen Mann in der Crew zu haben, der im gewissen Sinne Sabotage übte, was möglicherweise die Vernichtung des Schiffes nach sich zog, das war für einen Kapitän kein sehr erfreulicher Gedanke.
Vielleicht war der Kerl ein Pyromane, also einer, der es furchtbar lustig fand, wenn es ordentlich knisterte und brannte, ein Verrückter mithin!
„Was soll ich denn tun?“ fragte der Capitán leise.
„Überprüfen Sie jeden einzelnen Mann“, empfahl Hasard. „Nehmen Sie sich Ihre Leute vor, hämmern Sie ihnen ein, daß jeder auf jeden aufpassen muß. Von jetzt an wird auf Ihrem Schiff das Mißtrauen mitsegeln – kein seht angenehmer Begleiter, ich weiß, aber Sie werden erst wieder frei atmen können, wenn der Mann gestellt ist. Das wär’s wohl. Lassen Sie bitte alle Segel setzen, wir müssen den Konvoi wieder einholen. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Señor Capitán.“
„Danke für die Hilfe“, murmelte Pigatto verlegen.
Hasard klopfte ihm nur auf die Schulter und setzte mit seinen Mannen auf die Schebecke über.
Kaum befanden sich die „Respeto“ und die Schebecke auf Nordkurs, um den Konvoi nachzusegeln, dessen Mastspitzen an der nördlichen Kimm noch zu sehen waren, da trat das ein, was Philip Hasard Killigrew befürchtet hatte.
Von Osten näherte sich ein Dreimaster, den Dan O’Flynn als spanische Kriegsgaleone identifizierte.
Es passierte selten, aber Hasard fluchte wie ein Grobschmied, und zwar sehr gekonnt. Carberry lauschte andächtig und fand seinen Kapitän schwer in Form. Und die Arwenacks grinsten verstohlen, obwohl sie allen Grund hatten, etwas die Ohren anzulegen. Na ja, eine spanische Kriegskaravelle, mit der sollten sie doch wohl fertig werden, aber gemischt wurde es, wenn da noch andere Dons herumtörnten, was gar nicht mal ausgeschlossen war.
Man erwartete spanischerseits den Konvoi, und es konnte durchaus sein, daß jemand der hohen Señores bei der Admiralität befunden hatte, die Viermast-Kriegsgaleone „Casco de la Cruz“ genüge nicht, den Konvoi abzusichern. Nein, da müsse alles aufgeboten werden, was Kanonen trage, um die kostbare Ladung unbeschadet nach Sevilla zu geleiten.
Der Seewolf schloß noch einmal zur „Respeto“ heran, befahl dem Capitán, zügig weiter dem Konvoi nachzusegeln, und ließ den Bug der Schebecke auf die Kriegskaravelle richten. Klar, daß sie an der Besangaffelrute die spanische Flagge gesetzt hatten, um nicht von vornherein mit Mißtrauen beäugt zu werden.
Im übrigen waren für Hasard neugierige Dons das letzte, was er zu treffen wünschte, ganz abgesehen von den dummen Fragen, die man stellen würde. Im übrigen war wohl klar, was die Dons angelockt hatte: die verdammte Qualmwolke der „Respeto“. Sie hatte lange genug an der Kimm gestanden, um eingepeilt zu werden. Der Kurs der Kriegskaravelle wies eindeutig auf die frühere Position dieser Sichtmarke.
„Klarschiff zum Gefecht, Sir?“ fragte Ben Brighton sachlich.
„Nein!“ fuhr ihn Hasard an. „Sollen wir uns noch in Sichtweite von der ‚Respeto‘ mit den Dons herumschießen, Mister Brighton?“
„War nur ’ne Frage, Sir“, erwiderte der Erste unbeeindruckt. „Außerdem bin ich nicht schwerhörig und ärgere mich genauso wie du über die bevorstehende Begegnung.“
„Entschuldige“, brummte Hasard. „Diese Karavelle paßt mir wie der Igel zum Abputzen des Hinterns.“
„Etwa so“, brummelte Ben Brighton und Verbiß sich das Grinsen, um seinen geladenen Kapitän nicht noch mehr zu reizen. „Du hast das sehr fein ausgedrückt.“
Da mußte Hasard selber lachen.
„Karavelle hat je acht Stücke auf beiden Seiten“, meldete Dan O’Flynn. „Außerdem jede Menge Drehbassen.“
„Danke, Dan“, sagte Hasard. „Bitte aufpassen, ob außerdem noch mehr von diesen Vögeln hier in der Gegend herumschwirren.“
„Ach ja?“ sagte Dan grinsend. „Was sonst tue ich wohl, wenn ich die ganze Kimm mit dem Spektiv absuche? Ich passe auf, richtig, und das nicht zum ersten Male, Señor Capitán. Aber bis jetzt ist nichts weiter in Sicht.“
„Sehr erfreulich“, murmelte Hasard. „Hoffentlich bleibt’s auch so.“ Er wandte sich zur Kuhl um und rief zum Profos hinunter: „Ed, sorg bitte dafür, daß unser Tierpark unter Deck verschwindet! Wir sind schließlich ein spanisches Kriegsschiff!“
Carberry zeigte klar und griff sich auch gleich seinen Sir John, bevor er von seiner Schulter flüchten konnte. Es war allgemein bekannt, daß die Krachente sehr eigensinnig werden konnte. Außerdem mußte vermieden werden, daß Sir John wieder mit englischen Kraftworten loslegte. Das konnte Mißtrauen hervorrufen.
Batuti brachte Arwenack unter Deck, die Zwillinge kümmerten sich um Plymmie, die Wolfshündin.
Sie waren längst verschwunden, als die beiden Schiffe aufeinander zusegelten.
„‚El León‘ heißt die Kiste“, meldete Dan O’Flynn, „und ihre Galion verziert auch ein solcher, und zwar springend und die Tatzen vorgereckt.“
„El Léon“ – „Der Löwe“.
„Aha“, sagte Hasard, und er hatte zu seiner alten Gelassenheit zurückgefunden. „Wirklich ein schöner Name für ein Schiff – und so sinnig, obwohl’s derlei Getier auf See nicht gibt. Dabei fällt mir ein, daß wir mit unserer Schebecke namenlos über die Ozeane fahren.“
„Schlage ‚El Tigre‘ vor“, sagte Ben Brighton prompt und hatte so ein gewisses Zucken um die Mundwinkel.
„Genehmigt!“ schmetterte Hasard und salutierte vor seinem Ersten.
Der salutierte auch. Die reinste Kasperei war das, aber damit überbrückten sie die Ungewißheit dieser Begegnung. Und die Dons würde beeindrucken, wie sich diese beiden Señores auf dem Achterdeck dieses sehr merkwürdigen Schiffes verhielten und einander Achtung bewiesen. Immer diese Formen, nicht wahr?
Und auf dem Achterdeck der „El León“ hatten sie Señores auch eifrig die Spektive vorm Auge und studierten das Schiff, das zumindest im Atlantik, außerhalb des Mittelmeeres, ein sehr seltenes Objekt war.
So schnarrte denn der Kommandant der „El León“, ein gewisser José de Freitas, unter seinem gesträubten Schnauzbart zu den um ihn versammelten drei Offizieren: „Höchst verdächtig dieses Schiff! Höchst verdächtig! Schiffe dieses Typs pflegen nordafrikanische Piraten zu benutzen – ähem! Höchst verdächtig!“
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