Oder die Reste eines toten Tieres, dachte Michael gerade noch, als der Hund erneut zu jaulen begann. Arko blieb wie erstarrt stehen, genauso Michael. Er konnte nicht glauben, was er vor sich sah. Ein eisiger Schauer erfasste sofort seinen gesamten Körper und ihm wurde augenblicklich kalt. Ein Grab mitten im Wald? Stumm blieb er stehen und suchte verzweifelt nach Worten: „Thea … Komm …! Da … ist … Das kann nicht … nicht … wahr sein …!“
Thea merkte sofort, dass etwas passiert sein musste und beeilte sich schnell bei ihrem Mann zu sein. Der Mund blieb ihr offen stehen, als sie sah, was Michael längst gesehen hatte. Zuerst schaute sie auf ihren Mann, dann mit langem Blick auf den ungewöhnlichen Fund. Ringsherum lag wüst herausgerissener Farn, der die Sicht auf die gesamte Fläche freigab. In der Mitte war ein Hügel angeschüttet worden, der den Eindruck einer Grabstelle vermittelte. Eine rechteckige Fläche in der Länge von etwa zwei Meter wurde geschaffen und alles ringsherum mit Farn bedeckt.
„Eine Frau? Ja …! Klar“, beantwortete sie sich selbst die Frage. „Schläft sie“, flüstert Thea leise ihrem Mann zu.
Michael traute sich etwas näher an die Grabstelle heran und sah in das Gesicht der Frau. Er konnte keinerlei Atembewegungen darin erkennen, stattdessen sah er ein blasses, lebloses Gesicht vor sich. Mehr brauchte er gar nicht sehen.
Thea konnte nicht anders, sie musste was sagen. Vor lauter Aufregung purzelten ihr jetzt im Gegensatz zu ihrem Mann andauernd die Worte nur so heraus. „Ein Grab mitten im Wald. Die geschlossenen Augen? Irgendwie sieht das hier fast liebevoll hergerichtet aus.“
„Unsinn!“ Michaels Ton wurde barsch. Er wollte nur noch diesen Schreckensort verlassen. Seine Frau sprach weiter als stünde sie unter Schock: „Und die weiße Calla? Könnte ja ein Symbol sein, aber für was?“ Diese Frage richtete sie mehr an sich selbst als an ihren Mann.
„Die Frau … Der Platz … Die Blume …? Sehr seltsam. Wie sie hingelegt wurde? Die reinste Inszenierung. Das ist blanker Wahnsinn.“ Theas Worte klangen inzwischen mehr verzerrt.
„So was …, das … macht doch kein normaler Mensch!“ Auch Michael brachte seine Worte jetzt nur noch bruchstückweise heraus. „Wie brutal muss jemand sein, erst eine Frau zu töten und sie dann so zu präsentieren! Aber vielleicht waren das mehrere durchgeknallte Typen?“
Wie erstarrt blieben beide eine gefühlte Ewigkeit am Fundort stehen. Thea war inzwischen so überdreht, dass aus ihr nur noch wirre Ideen heraussprudelten: „Die Tat muss aus langer Hand geplant worden sein. Das sieht man doch! Ja genau, das sieht aus wie ein Ritual. Die riesige Menge Farn und wie die Frau hingelegt wurde. Dazu die weiße Calla, das alles kann kein Zufall sein! Sie sollte genauso gefunden werden!“
„Könnte auch ganz anders sein“, überlegte Michael. „Etwas Entscheidendes spricht gegen deine These. Der Platz ist viel zu abgelegen. Wir selbst wären ohne Arko nie so nah herangekommen. Genau, der Hund war es ja, der uns hierhergelockt hat! Freiwillig hätte ich mich nie durch diesen dichten Farn gequält.“
Michaels Worte erreichten Thea und sie reagierte genauso fassungslos: „Ein Verbrechen der übelsten Sorte. Und das in unserer friedlichen Gegend!“
„Die Polizei muss her! Pass bloß auf den Hund auf, der darf der Frau nicht zu nahekommen.“ Theas Worte klangen unverständlich und kleinlaut.
„Los, wir sollten endlich was unternehmen! Das Ganze ist schlimm genug und kann nur von der Kripo geklärt werden.“ Michael drängte jetzt energisch darauf, den Platz zu verlassen.
Theas Atem wurde schneller, trotzdem konnte sie sich nicht verkneifen, auch in das Gesicht der Frau zu sehen. Als ob sie darin eine Antwort finden könnte. Sie traute sich sogar etwas näher heran. Doch als sie merkte, dass ihr Atem unkontrollierter wurde und ihren gesamten Brustkorb beben ließ, entfernte sie sich schnell. „Ich hab’ genug und halte das nicht länger aus. Was reden wir hier eigentlich, die Polizei muss her!“
Michael sah auf die Frau und murmelte fast unverständlich: „Warum mussten wir auch in diesen Wald?“
„Mit so einem grauenvollen Fund konnte wohl niemand rechnen“, zischte Thea.
„Mir wird das jetzt zu viel. Was, warum und wie es hier aussieht, darum sollen sich die kümmern, die wissen, wie das geht. Ich wollte gar nicht erst her. Nun hast du deinen Wald, aber ohne Ruhe, die ist nämlich dahin. Wer weiß, wann wir die wiederfinden.“
Deprimiert schaute Thea auf Arko. „Alles deinetwegen“, schimpfte sie ihren Hund mit gequälter Stimme aus. Und ihr Blick wurde von dem Hund fast ebenso traurig erwidert! „Warum musstest du uns in dieses Versteck drängen?“ Theas Stimme hörte sich selten so kraftlos an, wie in diesem Moment.
Als ob Arko jedes Wort verstanden hätte, drängte auch er jetzt darauf, den Ort zu verlassen. Er jaulte laut und machte sich auf seine Weise bemerkbar.
„Halt bloß den Hund fest!“, rief sie entsetzt ihrem Mann zu, als sie merkte, dass der sich an der Frau zu schaffen machen wollte.
„Arko weg da. Die Spuren werden noch gebraucht“, belehrte Michael seinen Hund, als ob der alles verstehen würde. „Im Tatort wird auch gezeigt, wie wichtig DNA-Spuren sind. Sie sind der einzige Beweis, um den Täter einwandfrei zu überführen.“
„Vielleicht aber haben sich mehrere Täter hier zu schaffen gemacht? Los ruf endlich die Polizei“, schrie Thea ihren Mann buchstäblich an.
Die Farbe ihres Gesichtes hatte sich komplett verändert. Das auffällige Rot von vorhin war einer aschfahlen Blässe gewichen. Dabei erkannte sie jetzt erst, wie mitgenommen auch ihr Mann aussah. Michael griff in seine Hosentasche, doch sein Handy konnte er nicht ertasten. „Es ist nicht da! Hab ich das jetzt verloren oder nur vergessen? Ich weiß noch nicht mal, ob ich es überhaupt eingesteckt habe.“
„Was jetzt? Die Polizei muss aber schnell her! Wie kriegen wir das ohne Handy hin?“
Michael musste an die Frau denken. „Wer weiß, wie lange die tote Frau hier bereits liegt. Kann sein, dass längst nach ihr gesucht wird.“
„Unseren Ausflug können wir jedenfalls abhaken. Komm wir laufen weiter zum Köhlerhof, da gibt es garantiert ein Telefon.“
Es dauerte eine Weile, eh sie den Köhlerhof erreichten. Bereits von Weitem erkannten sie, dass sich am Haus im Wald nichts rührte.
„Das darf nicht wahr sein. Alle Türen zu, und kein Auto in der Nähe! Nicht mal ein Hinweis, ob sich das demnächst ändern würde.“
„Los, dann laufen wir halt weiter, hier in Wiethagen muss es doch ein Telefon geben.“
Das erste Mal seit dem schrecklichen Fund machte Michael den Eindruck wieder Herr seiner Sinne zu sein. „Von deinem hoch gelobten Ruhewald keine Spur und mit einem erholsamen Waldspaziergang hat das Ganze auch nichts zu tun. Wer weiß, wann wir uns davon überhaupt erholen?“
„Ich weiß, dass nichts mehr sein wird wie zuvor. Die wenigen schönen Stunden, alles dahin.“ Thea murmelte leise: „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir sogar von bösen Träumen heimgesucht werden.“
„Mord, das sieht man sonst nur im Fernsehen. Nie hätte ich geglaubt, dass derart Schreckliches so nah an uns heranrückt.“
Beide merkten ihre körperliche Abgeschlagenheit und nicht nur ihre Psyche war davon betroffen. Ihnen fiel jetzt selbst das Laufen schwer. Auf diese Weise kamen sie nur langsam voran. „Hoffentlich werden die Täter schnell gefunden, ansonsten kann man sich hier in der Gegend nicht mehr sicher sein, weil womöglich ein Mörder frei herumläuft. Dann wird sich auch keiner mehr vor die Tür trauen.“
„Vielleicht stecken die sogar noch ganz in der Nähe oder es war überhaupt gar kein Mord?“
„Ach, was sonst? Die sind längst über alle Berge. Und die Tiere hier? Wäre gut, wenn die sich wenigstens zurückhalten würden. Ansonsten kann es für die Polizei mit den Spuren schwierig werden.“
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