„Un nich nur in Graal-Müritz.“
„In letzter Zeit ist es etwas ruhiger um ihn geworden“, erzählte Erwin weiter. „Bestimmt will hei ok bloß mal Rentner sin“, gab Enno seinen Senf dazu.
„Nee, ick heff hürt, dat hei all wedder an einen niegen Fall an is“, ergänzte Karl Hansen.
„Wir passen ja auch noch auf, und wenn nichts passiert, helfen wir eben den Touristen“, so Erwin auf Hochdeutsch. Das sich in dieser Runde immer noch ganz befremdlich anhörte.
Im Sommer wimmelte es an der Ostseeküste nur so von Touristen und für die Alten bedeutete das jede Menge Erzählstoff. Doch am liebsten diskutierten sie, wie die meisten Alteingesessenen im Ort, über alte Zeiten.
Das war die Zeit als die Graaler und die Müritzer eigenständige Orte waren. Müritz stammt aus dem Slawischen und bedeutet so viel wie „Gegend am Meer“. Graal dagegen wurde erst viel später, 1752, in Büdnereien aufgeteilt. 1938 wurden dann beide Teile per Dekret zusammengelegt und seitdem wurde der Ort lediglich mit einem Bindestrich getrennt. Das sollte formal gesehen als Trennung genügen. Nicht so in Graal-Müritz. In den Köpfen einiger alteingesessener Einwohner gab es immer noch Barrieren. Ganz früher machte sich der Satz breit: „Die Graaler leben, aber die Müritzer müssen leben.“ Offenbar gab es noch heute einige Meinungsunterschiede von damals. Einige Einwohner sahen den Teil, in dem sie selbst wohnen, als den Schöneren an.
Doch wenigstens einte so ein lang anhaltendes Hoch alle wieder und nicht nur bei den Einheimischen herrschte Freude darüber. Nach dem schlechten Saisonstart sorgte ein Hoch für einträgliche Geschäfte bei allen im Ferienort. Die Küstenbewohner atmeten auf und der Regen schien vergessen.
Aber nicht nur das Meer stand in der Gunst der Erholungssuchenden. Genau genommen schien die Rostocker Heide höher frequentiert zu sein, als die Waldbrandstufe es hergab. Eine erfrischende Kühle mit dem Reiz der besonderen Stille lockte Urlauber und Einheimische gleichermaßen in den Wald. Einige von ihnen empfanden die Luft wie Samt und Seide. Das waren jene, denen die Natur weitaus mehr Erholung als die gnadenlose Hitze am Strand bot. Ein empfindsames Ohr gelangte zur Ruhe und weder hupende Autos noch kreischende Kinder nervten. Unter schattigen Bäumen ließ es sich lang und tief durchatmen. In aller Frühe störte keine Menschenseele den Frieden in der Rostocker Heide. Wenn da nicht eine eher seltene Meldung in der Morgenausgabe der Sonntagszeitung auf sich aufmerksam machen würde.
Die Nachricht war winzig, und wahrscheinlich wurde die Vermisstenanzeige von niemandem richtig wahrgenommen. Nur spärliche Hinweise konnte man lesen: „Wer hat junge, dunkelhaarige Frau gesehen? Seit Freitag wird sie vermisst. Wer kann Angaben machen? Bitte helfen Sie bei der Suche!“
Für die vier Alten von der Seebrücke war so eine Meldung genau das Richtige, um ihre Phantasie zum Blühen zu bringen. Endlich hatten sie eine echte Gelegenheit, ihre Spürnasen mal richtig in Einsatz zu bringen. Aber lasen sie so früh am Tag die Zeitung? Ein Sonnenanbeter sowieso nicht. Die fühlten sich von so einer knappen Nachricht an einem heißen Tag wohl kaum angesprochen, obwohl um Mithilfe der Bürger gebeten wurde. Der Schreiber hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, die gesuchte Person präzise zu beschreiben. Lediglich allgemeine Angaben über Haare und Größe wurden erwähnt. Dabei wusste doch jeder, wie im Sommer die Uhren tickten. In den Orten entlang der Küste gab es jede Menge Veranstaltungen und niemand interessierte sich für eine vage Geschichte in der Zeitung. Wer das las, dachte vielleicht eher an eine Ente, die das berüchtigte Sommerloch stopfen sollte.
Rostocker Heide – Rövershagen
Am Ortseingang von Rövershagen hielt ein Auto. Zwei Personen stiegen aus, nur begleitet von einem zu kurz geratenen Vierbeiner. Unvermittelt blieb die Frau auf dem Hauptweg, der direkt in den Wald führte, stehen.
„Michael, meinst du die Richtung stimmt?“ Kritisch schaute sie ihren Mann an. „Es gibt nirgendwo einen Hinweis!“ Thea zweifelte schon wieder, ob ihr langgehegter Wunsch, Wald und Meer an einem Tag zu genießen, sich überhaupt umsetzen ließe. Beides hatte sie lange zuvor für diesen Tag geplant. Dazwischen einen sehr speziellen Ort aufsuchen, das war’s, was sie viele Monate vor sich herschob. Heute endlich sollte es klappen. Erst gestern hatte sie alles perfekt eingefädelt. Warum also zweifelte sie jetzt wieder? Michael brauchte sich nur auf ihr Vorhaben einzulassen. Aber sie hätte es besser wissen müssen, dass ihr Mann sich schräg stellen würde. Sie verlangte nie etwas von ihm, nicht mal heute konnte er sich ihr zuliebe überwinden und Freude zeigen.
Michael trottete gelangweilt neben ihr her, trotz des kurzen Fußmarsches.
Vor ihren Augen zeigte sich eine Gabelung mit Wegen in alle Himmelsrichtungen.
„Und? Wie weiter?“ Theas ratloser Blick sprach Bände. „Ich geh mal zum Unterstand rüber“, meinte sie resigniert.
Neben der verwitterten Hütte stand eine Holztafel. Wenige Schritte nur und sie stand vor dem Schild.
„Sieh dir das bloß mal an!“, rief Thea ihrem Mann zu. „Es ist kaum noch was zu entziffern, das Schild hat seine besten Tage lange hinter sich. Vielleicht erkennst du ja was?“
Michael ging zu seiner Frau und schaute genervt auf das Schild. „Idioten! Diese blöden Typen sägen noch mal den Ast ab, auf dem sie selbst sitzen“, schimpfte er sofort los. Vandalismus machte ihn jedes Mal sauer. Ausnahmsweise beruhigte er sich heute schnell wieder. „Ist doch klar! Lass uns den rechten Weg nehmen!“
„Wenn du meinst.“ Thea willigte ohne Widerstand ein, ihr Mann war zwar maulfaul, aber auf seine Orientierung konnte sie sich stets verlassen.
Kaum waren sie auf dem schmalen Schotterweg unterwegs, herrschte wieder Funkstille. Lediglich ihr Hund schien den Tag genießen zu können. Quietschvergnügt lief er an langer Leine weit voraus. Stolz deutete sein erhobener Schweif an, dass er längst wusste, welche Richtung er zu gehen hatte. Gut, dass wenigstens einer wusste, was er wollte und sich dabei noch pudelwohl fühlte. Sie bemühte sich ihre gute Laune doch noch auf ihren Mann zu übertragen.
Munter plauderte sie drauf los: „Ideales Ausflugswetter, aber für dich wohl eher zu still?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach sie sofort weiter: „Gut, dass wir früh losgekommen sind.“ Kein Kommentar.
Typisch mein Mann, dachte Thea. Er liebt lediglich die Stille seines Arbeitszimmers. Sein Lebensplan ist eben auf andere Dinge fokussiert. Ausflüge in der Natur gehörten nicht dazu. Und das wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Immerhin hatte er überhaupt zugestimmt. Thea riss ihren Mann aus seinen Gedanken. „Wir sollten vor dem Strandgang Meyers Hausstelle aufsuchen. Das Café wurde neu ausgebaut und liegt mitten im Wald. Das wird dir gefallen. Die Eigentümer öffnen im Sommer jeden Tag, auch am Wochenende. Passt doch!“
Michael schien aufzuhorchen. Thea entging das nicht und fügte schnell hinzu: „Neulich erzählte mir jemand von der netten Atmosphäre, ’ne Menge Haustiere ringsherum und freundliche Gastgeber. Vor allem der Nusskuchen muss eine Klasse für sich sein. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich nur daran denke.“
Michaels Interesse hielt sich trotz Theas ausschweifender Beschreibungen in Grenzen.
„Hast es gestern wieder gut hinbekommen, deinen Willen durchzusetzen und jetzt willst du mich mit einem blöden Kuchen ködern?“
Thea blieb gelassen, überlegte stattdessen, wie sie ihr derzeit wichtigstes Thema anbringen konnte. Der RuheForst in Rövershagen spukte schon lange durch ihren Kopf. Sie fragte sich seit geraumer Zeit, ob das eine reale Option für sie und ihren Mann wäre, in diesem Waldstück die letzte Ruhestätte zu finden.
Читать дальше