Kokain geriet ab den 1930er Jahren in Europa und den USA weitgehend in Vergessenheit. Erst ab Mitte der 1970er Jahre war wieder ein Anstieg des Konsums in den USA und wenig später auch in Europa zu beobachten (Geschwinde 2013: 478). Mitte der 1980er Jahre begann mit dem Rauchen konzentrierter Kokainpräparate (Crack, Freebase) eine neue Ära des Kokainmissbrauchs, die durch hohe Konsumdosen, schnellen Wirkungseintritt und ein rasches Einsetzen einer Abhängigkeit gekennzeichnet ist (Thoms 2016: 174).
Heute kann man drei verschiedene Gruppen bzw. Konsumententypen unterscheiden: Eine Gruppe konsumiert vornehmlich in Partykontexten, oft in Kombination oder im Wechsel mit anderen Partydrogen wie z. B. Ecstasy. Darüber hinaus gibt es eine Gruppe, die ausschließlich Kokain konsumiert und dabei schwere Abhängigkeitsformen entwickelt. Kokain hat den Ruf, die Droge für die Aufsteiger, Erfolgreichen, Arrivierten und Starken zu sein. Damit geht die Vorstellung einher, dass der Kokainkonsum in bestimmten Berufsgruppen wie etwa Schauspielern, Schauspielerinnen, Models, Managern bzw. Managerinnen weit verbreitet sei. Dies ist epidemiologisch jedoch nur schwer nachweisbar (Scherbaum 2017: 109; Geschwinde 2013: 506). Verlässliche Aussagen sind auch deswegen nur schwer zu treffen, weil der Kokainhandel in Europa weitgehend abgeschottet und nicht auf den Straßenhandel angewiesen ist (Geschwinde 2013: 469).
3.5.2 Substanz und Konsumformen
Kokain ist ein kristallines Pulver, das meist durch ein Rohr intranasal geschnupft wird. Das Verfahren bedarf einiger Utensilien, die oftmals so gewählt werden, dass sie auf eine Exklusivität der Droge verweisen, wie z. B. Dosierungslöffel aus Gold, zusammengerollte Banknoten als Saugrohr, kostbare Aufbewahrungsbehälter (Scherbaum 2017: 109, 112). Kokain kann zudem über ein Einreiben in die Schleimhäute absorbiert werden. Des Weiteren kann es kann auch gespritzt werden; diese Konsumform ist aber wesentlich seltener verbreitet (Scherbaum 2017: 110f).
Je nach Aufnahmeweise tritt die Kokainwirkung innerhalb von Sekunden bis zu wenigen Minuten ein. Es kommt zu einer euphorischen Grundstimmung bei innerer Erregung, begleitet von dem Gefühl gesteigerter Energie und Kreativität. Das Schlafbedürfnis ist vermindert, Depressionen werden vertrieben, Belastendes wird zwar nicht verdrängt, verliert aber seine Bedeutsamkeit im Bewusstsein.
Es entsteht das Gefühl, leistungsfähiger, stärker und intelligenter zu sein und sich besser konzentrieren zu können. Das Denken ist beschleunigt und assoziationsreich. Die Konsumenten und Konsumentinnen stehen unter dem Eindruck, dass sie bislang schwer lösbare Probleme nun klar durchdenken können. Dabei ist die Fähigkeit zur Selbstkritik deutlich vermindert.
Das soziale Kontaktverhalten ändert sich ebenfalls. Der Rededrang ist gesteigert bei gleichzeitigem Gefühl geistreicher Schlagfertigkeit, allerdings meist einhergehend mit abnehmender Fähigkeit zu kritischer Distanz (›Laberdroge‹). Hemmungen, auch sexueller Art, sind bei gesteigertem Selbstbewusstsein bis zur Distanzlosigkeit und Aggressivität vermindert und die euphorische Grundstimmung kann bei als feindselig empfundenen Bewegungen und Reaktionen unvermittelt umschlagen und zu Gewaltdelikten führen (Scherbaum 2017: 114; Geschwinde 2013: 503ff; Thoms 2012: 164ff).
3.5.4 Risiken und Folgeschäden
Kokainkonsum ist von schwerwiegenden körperlichen Risiken begleitet wie zerebrale Krampfanfälle, Herzinfarkt in Folge Verengung der Herzkrampfgefäße sowie Hirnblutungen (Scherbaum 2017: 115).
Da der Kokainrausch etwa ein bis zwei Stunden mit äußerst unangenehmen Symptomen wie starken depressiven Verstimmungen, Missmut, Antriebsschwäche, vermehrtem Schlafbedürfnis bei gleichzeitiger Unfähigkeit zu schlafen ausklingt, entsteht sehr schnell ein ausgeprägtes Suchtmittelverlangen (Craving). Zudem entwickelt sich schnell eine Toleranz, die eine Dosissteigerung nach sich zieht. Es kann sich ein ausgeprägter Kokainkonsum auch ohne psychotropen Effekt entwickeln, der in einem Zustand völliger Erschöpfung endet (Scherbaum 2017: 116; Geschwinde 2013: 509f).
Kokain zählt zu den Drogen, von denen die stärkste Suchtgefahr ausgeht. Neben schweren Depressionen können sich Symptome einer »Kokain-Psychose« wie Realitätsverlust, paranoide und schließlich schizophrenieähnliche Zustände einstellen. Ein erheblicher Teil der Abhängigen leidet unter Verfolgungsängsten und Halluzinationen, insbesondere taktile Mikrohalluzinationen (Scherbaum 2017: 116; Geschwinde 2013: 550f).
3.6 Alkohol
3.6.1 Hintergrund
Alkohol hat eine jahrtausendealte Geschichte als Nahrungs-, Genuss- und Rauschmittel, die ihren Ursprung in prähistorischen Zeiten hat. Menschen der verschiedensten Kulturkreise haben alkoholische Getränke hergestellt, meist aus Fruchtsäften, Getreideprodukten oder – seltener – aus Honig oder Milchzubereitungen. Um die Wende ins erste nachchristliche Jahrtausend wurde mit der Erfindung der Destillation die Produktion hochprozentiger Alkoholika möglich (Soyka et al. 2008: 2).
Alkohol zeigt hinsichtlich seiner sozialen und gesellschaftlichen Bewertungen und seiner kulturellen Bedeutungen eine äußerst wechselhafte Geschichte. So warnten schon in der Antike u. a. Platon, Cicero, Cato, Seneca, in den biblischen Schriften der Prophet Jeremia und der Apostel Paulus vor den Gefahren des übermäßigen Genusses berauschender Getränke. Menschen, die dem »Trunk verfallen waren«, traf ein moralisches Urteil. Mit verschiedenen Maßnahmen versuchte man, den Alkoholkonsum einzudämmen, jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Viel mehr Erfolg hatten die großen, von Asien ausgehenden Religionen, vor allem der Islam, der Buddhismus und der Hinduismus mit ihrem Verbot des Genusses berauschender Getränke. Diese religiösen Verbote haben entscheidende Verhaltensänderungen unter der Anhängerschaft zur Folge gehabt (Soyka et al. 2008: 3f).
In Europa waren im Mittelalter Bier und Wein hingegen die selbstverständlichen und alltäglichen Getränke zum Löschen des Durstes und zum Stillen des Hungers. Wasser, das in den Städten meist von minderer Qualität war, wurde nur von sehr armen Menschen getrunken. Daneben schätzte man an den alkoholischen Getränken ihre psychoaktive Wirkung. Der ausgeprägte, kollektive Rausch unter Männern während der mittelalterlichen Trinkgelage ist sprichwörtlich. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Alkoholrausch zumindest bei Männern schlicht als ein weiterer, möglicher Bewusstseinszustand – wie z. B. auch Träume – angesehen wurde.
Entscheidende Veränderungen in den Auffassungen über das Trinken, den Rausch und das Trinkverhalten werden mit den Entwicklungen im 15. und 16. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Hier setzen sich die von Norbert Elias (2000) beschriebenen »Prozesse der Zivilisation « durch und damit einhergehend neue Wahrnehmungsweisen, Verhaltensstandards und Maßstäbe von Nüchternheit und Trunkenheit, die bis heute einflussreich sind (Groenemeyer und Laging 2012: 221–228).
Im Übergang von Mittelalter zur Neuzeit kommt es zu tiefgreifenden Wandlungsprozessen: Prägend sind hier die Urbanisierung mit ihrer fortschreitenden Arbeitsteilung, der kontinuierliche technische Fortschritt, die Durchsetzung und Verbreitung abstrakter Rechts- und Geldbeziehungen und vor allem auch die einsetzende Monopolisierung von Gewalt durch die sich etablierenden städtischen und staatlichen Institutionen. Im Zuge dieser Entwicklungen wachsen die gegenseitigen Abhängigkeiten; es bilden sich »Interdependenzketten«, in die immer mehr Menschen eingebunden sind. Dies erzwingt wiederum eine zunehmende Selbstkontrolle bzw. Selbstdisziplin und bedeutet u. a., dass zwischen spontanem emotionalem Impuls und tatsächlicher Handlung immer stärker ein Zurückhalten dieses Impulses und ein Überdenken der (Rück-)Wirkungen des eigenen Handelns gefordert wird (Elias 2000).
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