Erschrocken erkenne ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.
„Und, glaubst du mir jetzt?“ Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir um.
„Manuela, wer hat das getan?“
„Du bist so gemein!“ Meiner Freundin schießen Tränen in die Augen. „Ich habe dir doch vorhin erzählt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!“ Sie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerknüllt es und wirft es auf mich.
Abwehrend fange ich es mit der linken Hand. Das Blau des Meeres rinnt vermischt mit dem Rot der Sonne über meinen Handrücken.
Manuela wendet sich ab, geht zum Fenster und starrt hinaus. Ich sehe auf meine Zeichnung. Sie gefällt mir nicht. Die Prinzessin wirkt einsam hinter der dunklen Mauer. Ich zerknülle das Papier. Und plötzlich weiß ich ganz genau, was ich tun muss.
„Doch, Manuela“, sage ich und gehe zu ihr ans Fenster. „Doch, ich bin deine beste Freundin. Und Freundinnen sind immer füreinander da. Bitte, reden wir mit Mama. Sie kann uns helfen, das weiß ich.“
Manuela sagt lange nichts, dann fragt sie mit ganz leiser Stimme: „Meinst du wirklich?“
„Ganz bestimmt“, sage ich. „Komm!“
Ich nehme sie an der Hand, wir gehen zu Mama. Und dann erzählt Manuela. Sie erzählt, dass ihr Stiefvater in letzter Zeit oft zu viel Alkohol tränke und dass er dann sie und ihre Mama schlüge, dass ihre Mama sich von ihm trennen wolle, es aber noch nicht geschafft habe. Und sie sagt zu mir, dass sie das mit dem Tarzan und dem Superman nur erfunden habe, weil sie sich geschämt hätte für ihren Stiefvater. Und dass es ihr leid tue wegen der Schnecke und weil sie in den letzten Wochen so oft gemein zu mir gewesen sei.
Ich umarme sie und sage ihr, dass ich das alles verstehe. Und Mama erklärt, dass sie sehr stolz wäre auf uns beide. Auf Manuela, weil sie so mutig sei und uns alles erzählt habe, und auf mich, weil ich mich so verhalten hätte, wie sich eine echte Freundin verhalten müsse.
Mama telefoniert anschließend lange mit Manuelas Mama. Wir dürfen inzwischen einen lustigen Zeichentrickfilm ansehen, essen Chips und streicheln Mira, die mit dem hinteren Teil ihres Katzenkörpers auf meinem Schoß und mit ihrer vorderen Hälfte auf Manuelas Schoß liegt und schnurrt.
Mama setzt sich nach dem Telefonat zu uns und sagt, dass Manuelas Mama sich nun endgültig von Manuelas Stiefvater trennen würde. Die Polizei und der Frauenschutz würden sie dabei unterstützen. Manuelas Mama würde noch heute Abend zu uns kommen. Erstens, weil sie Manuela sehen und in die Arme schließen wolle, und zweitens, weil sie Kleidung, Spielzeug und Schulsachen von Manuela vorbeibrächte, denn, wenn wir beide damit einverstanden seien, würde Manuela so lange bei uns wohnen, bis alles geklärt, der Stiefvater ausgezogen und alle seine Sachen aus Manuelas Haus geräumt wären.
Manuela strahlt. Ich freue mich. Und ob wir damit einverstanden sind! Wir fallen zuerst Mama um den Hals und dann umarmen Manuela und ich einander und Manuela flüstert mir ins Ohr: „Eva, du bist meine aller-, aller-, allerbeste Freundin.“
Claudia Dvoracek-Iby, geboren 1968, verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Wien. Veröffentlichte bereits mehrere Kurzgeschichten in diversen Anthologien.
*
Anna ist neun Jahre alt, hat lange braune Haare und immer Flausen im Kopf. Sie liebt es, ihrem älteren Bruder Niklas Streiche zu spielen. Es ist ihr egal, ob sie erwischt wird und von ihren Eltern Stubenarrest bekommt. Sie lebt ganz nach dem Motto: Alles geben für den perfekten Streich. Wäre sie eine Comicfigur, dann würde sie eine Mischung aus Bart und Lisa Simpson perfekt beschreiben. Klug, witzig und unheimlich frech.
In der Nachbarschaft ist Anna bekannt wie ein bunter Hund. Einerseits mögen die Nachbarn sie, andererseits sind sie von den andauernden Streichen genervt. Denn jeder weiß, dass es Anna war. Ja, es war Anna, die alle Gartenzwerge von der alten Frau Merk im Garten von Herrn Laus platziert hat. Das war vielleicht ein Spaß, als Anna das erschrockene Gesicht der Alten gesehen hatte.
Ebenfalls auf ihr Streichekonto ging der verlorene Hund Bugs von den Müllers drei Häuser weiter. Anna hatte ihn mit einem saftigen Stück Schinken zu sich gelockt und ist dann mit ihm den ganzen Mittag im Park gewesen zum Spielen.
„Selbst schuld“, dachte Anna, „hätten die Müllers mich einfach mit Bugs spielen lassen, als ich gefragt habe.“
Der Einzige, der nicht dauernd mit ihr schimpft oder an ihr rumnörgelt, ist ihr Opa. Er ist schon alt, bestimmt schon so 120 Jahre, da ist sich Anna sicher. Seine Haare sind schneeweiß und hauchdünn. Er trägt eine so große Brille auf der knolligen Nase, dass Anna jede Ader in seinen trüben Augen sehen kann. Manchmal nennt sie ihn auch Froschopa. Doch ihn mag sie am allerliebsten. Er macht ebenfalls immer Späße und genau wie bei ihr schimpfen ihre Eltern dann auch mit ihm. Anna ist fest davon überzeugt, dass sie ihren Humor vom Froschopa hat, denn sie geht nicht zum Lachen in den Keller wie der Rest ihrer Familie.
Frau Klein ist Annas Klassenlehrerin und auch sie scheint keinen Spaß zu verstehen. Vor den letzten Sommerferien hat Anna mit Kreide an die Tafel geschrieben: Frau Klein ganz groß! Dazu malte sie die Lehrerin neben einem Ameisenhaufen.
Die ganze Klasse hatte sich vor Lachen den Bauch gehalten und der Deutschunterricht fiel aus, weil der Direktor ins Klassenzimmer kam und sich diese „Sauerei“ – laut Frau Klein – anschauen musste. Dann folgte eine riesige Standpauke. Keiner hatte Anna verpetzt, aber so wie der Direktor sie ansah, vermutete er schon, dass sie es gewesen war.
Anna ist der Meinung, nur wer oft und laut lacht, lebt lange und glücklich bis ins hohe Alter, so wie eben ihr Opa.
Heute fängt die Schule nach den viel zu kurzen Sommerferien wieder an. Anna geht gerne in die Schule, aber noch lieber hat sie frei. Sie ist in allen Fächern bis auf Mathe und Englisch eigentlich ganz gut und mit ihren Mitschülern versteht sie sich auch bestens.
Als sie in die Klasse kommt (wie immer ganz knapp vor Schulbeginn), sieht sie eine neue Schülerin neben Tina sitzen. Gerne hätte sich Anna gleich mit ihr unterhalten, um alles über die Neue zu erfahren, aber da kommt schon Frau Klein ins Klassenzimmer und alle müssen sich setzen und ruhig sein.
Anna kann sich gar nicht konzentrieren, die Worte von Frau Klein wandern einfach durch ihre Ohren hindurch. „Wie die Neue wohl heißt? Woher kommt sie nur? Wird sie mich mögen?“ Viele Fragen und keine Antworten vor der großen Pause. Die Zeit vergeht überhaupt nicht und Anna schaut immer wieder rüber zu der Neuen.
Doch dann – ding, dong – ertönt endlich die Pausenglocke. Anna geht sofort zu der Neuen hinüber und erfährt, dass sie Nina heißt, zehn Jahre alt und gerade umgezogen ist. Sie ist ein Einzelkind, mag Mathe auch nicht und hasst genau wie Anna Rosenkohl. Sie reden die ganze Pause über und im Handumdrehen klingelt es schon wieder und die Pause ist vorüber.
Während des Unterrichts lässt ihr Nina einen Zettel zukommen mit ihrer Adresse und Telefonnummer. „Super“, denkt sich Anna, es kommt ihr vor, als ob sie Nina schon ewig kennt. Sie mögen dieselben Sachen und hassen auch das Gleiche. Das Allerbeste jedoch ist, dass Nina über jeden ihrer Witze gelacht hat und selbst auch ein paar echt lustige auf Lager hatte.
Nach zwei weiteren Wochen sind die Mädchen unzertrennlich. Sie sitzen in der Schule nebeneinander, treffen sich nach den Hausaufgaben und telefonieren vor dem Zubettgehen. Der Spruch ein Herz und eine Seele passt perfekt zu ihnen.
Nach einigen weiteren Wochen haben die beiden sogar schon drei Nachbarn von Nina Streiche gespielt. Bei dem einen waren die Mülltonnen wie von Zauberhand auf die andere Straßenseite gewandert. Bei Familie Listig haben sie mit einem Filzstift den Namen am Briefkasten zu Lustig geändert. Und den letzten Streich haben sie dem alten Herrn Neff gespiet. Sie klingelten und versteckten sich, sobald er die Tür öffnete und dabei ganz verdutzt dreinblickte.
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