Kai fing an zu kichern. „War ja klar, immer diese Weiber.“
Jetzt schnaubte auch Kiki. „Oh Mann, Kai, du machst die ganze Spannung kaputt. Du bist so nervig.“
Michael stand auf und setzte sich zwischen die beiden Streithähne. „So, soll ich jetzt weitererzählen?“
Beide nickten mit rotem Kopf.
„Die Frau stolperte also, dann stellte sich das Steinmonster vor sie hin. Der Mann flehte das Monster an, seine Freundin in Ruhe zu lassen, doch es war zu spät. Die Augen des Ungetüms fingen an zu leuchten und die Frau versteinerte. Der Mann wurde wütend und versuchte, das Monster mit anderen Steinen zu erschlagen. Doch kein Stein war groß genug und das Wesen zerschmetterte einen nach dem anderen. Schließlich gab der Mann auf und rannte weg. Doch das Monster verfolgte ihn weiter. Der Mann wusste, dass er es nicht ansehen durfte, sonst würde auch er zu Stein werden. Doch das Ungetüm trickste ihn aus. Der Mann versteckte sich hinter einem Baum, als er wieder das Rascheln des Monsters hörte. In einer Pfütze sah er das unheimliche Wesen und dessen leuchtende Augen. Doch nun passierte etwas Seltsames. Der Mann wurde nicht zu Stein, sondern er verwandelte sich ebenfalls in ein Steinmonster. Was danach geschah, weiß niemand.“
„Cool“, sagte Christian und selbst Jonas und Kai waren beeindruckt.
„Schade, dass es so was nicht in Wirklichkeit gibt“, überlegte Kiki.
„Woher willst du das wissen?“, fragte Michael. „Die Geschichte steht in einem Buch über Sagen und Legenden aus den Bergen. Wer weiß, vielleicht läuft das Steinmonster hier in diesem Wald hinter uns herum.“
Jetzt fingen alle an zu lachen und Jonas und Kai spielten die Geschichte nach. Natürlich war Kai das Steinmonster.
Am nächsten Tag fuhren sie gemeinsam mit dem Fahrrad an einen Bergsee. Der war toll, es gab eine kleine Rutsche und einen Felsen, von dem aus man ins Wasser springen konnte. Die Mütter hatten ein riesiges Picknick vorbereitet, es gab von Wassermelone bis hin zum Hähnchenschenkel einfach alles. Da es wirklich warm war, machte es gar nichts aus, dass der See eiskalt war.
Ursprünglich war der Plan gewesen, noch ein kleines Stück zu wandern, aber allen gefiel es dort so gut, dass sie bis zum Abend blieben.
Jonas und Kai taten so, als wäre der See derjenige aus Michaels Geschichte. Die beiden Jungs hatten so einen Spaß bei ihrem Spiel, dass sie alle mit ansteckten. Schließlich waren ihre Väter die Bergmonster und jagten die Kinder. Auch Kiki und Christian ließen sich mitreißen und zum Schluss rannten alle wie wild durch die Gegend. Doch bei ihnen verloren die Bergmonster. Sie wurden von den Kindern gekonnt in den See geschubst.
Als sie spät am Abend bei ihrem Ferienhaus ankamen, schliefen alle direkt ein. Kiki hatte feststellen müssen, dass die Berge bis jetzt gar nicht mal so schlecht waren.
In der Nacht wachte Kiki wegen eines Geräuschs auf. Sie stupste Christian an. „Du, hör mal! Was ist das?“
Christian sah sie verwirrt an und begann zu lauschen. Er fing an zu grinsen und sagte: „Das Bergmonster.“
Kiki schlug ihm auf die Schulter. „Hör auf, das ist nicht witzig. Komm, lass uns mal schauen.“
Beide stiegen aus ihren Betten und schlichen vor die Tür. Man sah nichts, deshalb gingen sie ein paar Schritte weiter. Und was sie dann entdeckten, hätten sie sich nie vorstellen können. Das konnte doch nicht wahr sein ... das Steinmonster ging am Spielplatz vorbei in Richtung Wald!
Sie mussten hinterher. Heimlich schlichen sie weiter, immer wieder hinter einem Baum in Deckung gehend.
„Du, ich habe eine Idee“, meinte Christian. „Wenn man sich in ein Steinmonster verwandelt durch einen Blick auf sein Spiegelbild. Vielleicht verwandelt es selbst sich dadurch ja in einen Menschen zurück.“ Das hielt Kiki für eine gute Idee.
Sie lockten das Wesen durch Steine, die sie warfen, in Richtung Bergsee. Doch irgendwann wurde das Monster wütend. Kiki und Christian rannten, so schnell sie konnten, und sprangen in das eiskalte Wasser. Das Monster stapfte ihnen hinterher und erblickte prompt sein eigenes Spiegelbild. Es begann zu schreien. Doch was weiter geschah, sahen die Freunde nicht.
Am anderen Ende des Sees verließen sie das Wasser, rannten zu ihrem Haus zurück und legten sich schnell wieder ins Bett.
Am nächsten Morgen waren sich beide nicht sicher, ob sie sich das ganze Geschehen vielleicht nur eingebildet hatten.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Kikis Vater stand auf und öffnete sie. Christian und Kiki spitzten die Ohren.
Vor der Tür stand ein Mann, der verwahrlost und verwirrt aussah. „Hallo, es mag merkwürdig klingen, aber glauben Sie mir, ich sage die Wahrheit. Ich war ein Monster und jetzt bin ich wieder ein Mensch.“
Kiki und Christian sahen sich geschockt an. Es war also doch kein Traum gewesen ...
Anna Wissenbach ist gebürtige und vor allem stolze Hessin. Schon in frühen Kindheitstagen fing sie an, sich die wildesten Geschichten auszudenken und niederzuschreiben. Heute hat sie sich ganz dem Fantasy-Genre verschrieben. Ihre erste Kurzgeschichte wird im Frühjahr 2018 veröffentlicht.
*
„Hast du für mich auch einen solchen Hut?“, fragte Kathi ihren Opa. Heute durfte sie ihm bei der Honigernte helfen.
„Ja, da, und steck den Saum des Schleiers unter deinem Jackenkragen fest.“
Kathi setzte den Strohhut mit der breiten Krempe auf und Opa überprüfte, ob zwischen dem Bienenschleier und dem Jackenausschnitt auch keine Lücke klaffte. Dann nahm er etwas zur Hand, das aussah wie eine Blechdose mit einem schrägen Ausblasrohr. Er tat eine Handvoll Hobelspäne hinein und zündete sie an. Bald quoll Rauch aus dem Rohr des Miniöfchens.
„Wozu ist der Rauch gut?“, fragte Kathi.
„Die Bienen glauben, ihre Wohnung brennt, geben Feueralarm und bereiten die Flucht vor. Als Wegzehrung saugen sie sich schnell mit Honig voll. Damit sind sie so beschäftigt, dass sie gar nicht erst auf die Idee kommen, uns zu stechen. Das Ding da heißt übrigens Smoker.“ Opa betätigte den kleinen Blasebalg der Rauchdose und qualmte ein wenig in die Einfluglöcher seiner Bienenstöcke hinein. „So, wenn ich jetzt den ersten Stock aufmache, kannst du räuchern“, sagte Opa und reichte Kathi den Smoker. Die probierte den Blasebalg gleich einmal aus. Pft, pft, pft, das machte Spaß!
Opa hatte den Deckel der ersten Bienenbehausung abgenommen. Magazinbeute nannte man das, erklärte Opa, sie bestand aus gefalzten Holzzargen, die aussahen wie Holzkisten ohne Boden und Decke. Man konnte sie aufeinanderstapeln und ineinanderklinken. Drei Stockwerke hatten Opas Bienenbeuten. In jede dieser Zargen waren zehn Honigwaben eingehängt. Das waren rechteckige Holzdinger, die aussahen wie Bilderrahmen, und in diese Rahmen hatten die Bienen ihre Wachswaben gebaut und mit Honig befüllt. An der Oberseite stand der Holzrahmen beidseitig ein Stück vor, damit man ihn in die Zarge einhängen konnte. Opa hob Wabe um Wabe aus der Zarge und schüttelte die Bienen, die auf ihnen herumkrabbelten, ab, zurück in ihren Stock. Die hartnäckigen, die sich nicht abschütteln ließen, kehrte er mit einem schmalen Handbesen von den Waben ab. Die sauberen Waben verstecke er eilig vor den Bienen in einer verschließbaren Transportkiste.
Kathi drückte eifrig den Blasebalg und ließ Rauchwölkchen um Rauchwölkchen aufsteigen. „Gut machst du das“, lobte sie Opa.
„Wo ist eigentlich die Königin?“, fragte Kathi.
„Im Brutnest, das ist meistens in der untersten Zarge, also im Erdgeschoss des Bienenstocks, den Honig lagern die Bienen darüber. Schauen wir einmal, ob wir sie finden.“ Und wirklich, auf einer Wabe in der Mitte des Brutnests entdeckte Opa die Königin. Sie war deutlich größer als ihre Arbeiterinnen und trug ein gelbes Plättchen auf dem Rücken. „Heuer ist die Jahresfarbe Gelb. An der Farbe erkennt man, wie alt die Königin ist. Die da ist in diesem Jahr geschlüpft, deswegen habe ich ihr ein gelbes Plättchen aufgeklebt.“ Neugierig musterte Kathi durch ihren Bienenschleier hindurch die Bienenkönigin. „Herrscherin und Mutter von rund vierzigtausend Bienen. Nur die Königin kann Eier legen, die anderen Bienen tun die Arbeit. Lauter Damen übrigens. Die Männchen heißen Drohnen und sind nur für die Fortpflanzung da, als lebender Genpool sozusagen. Im Herbst werden sie aus dem Stock geworfen, denn im Winter wären sie nur unnütze Fresser.“
Читать дальше