Auf einmal läuft etwas über Sam hinweg. Eigentlich ist es nur eine harmlose schwarze Spinne. Aber Sam ist vollends außer sich. „Hilfe! Hilfe!“, schreit er. „Etwas ist über mich gelaufen!“
Vor lauter Panik springen Benny und Sammy mit einem Satz aus ihren Schlafsäcken heraus und beginnen loszurennen. Dann fällt ihnen jedoch ein, dass die Leiter umgefallen ist ... Vor Schreck wären sie fast vom Heuboden gefallen. Benny und Sammy schreien, so laut sie nur können.
Plötzlich geht die Scheunentür zum wiederholten Mal auf. Diesmal bekommen die beiden Buben solch eine Angst, dass ihnen beinah ihre Herzen aus der Brust springen. Als das Licht einer großen, alten Lampe angeht, sehen sie, dass der Bauer in der Tür steht. Erleichtert atmen Benny und Sammy auf. Auf einen Schlag weicht ihre ganze Angst. Der vermeintliche Spuk in der Scheune scheint endlich vorbei zu sein.
Aber als der Bauer gerade die Leiter wieder aufstellen will, bewegt sich auf einmal unten in der Gerümpelecke der Scheune wieder der alte Heuballen. Sofort geht der Bauer dorthin und hebt den Ballen hoch. Siehe da! Es sind drei kleine Mäuschen, die unter dem Heuballen spielen. Nun wissen alle, wer das Gespenst gewesen ist ... und fangen an zu lachen.
Juliane Barth, Pseudonym: Sacrydecs, Jg. 1982, lebt im Südwesten Deutschlands. Schreibt als Hobby seit jeher sehr gerne, insbesondere Sachtexte und Lyrik. Widmet sich bevorzugt gesellschaftskritischen Themen. Veröffentlichungen in Anthologien.
*
Es weht ein kräftiger Wind. Emma, erhitzt vom Kuchenbacken, steht mit geröteten Wangen auf der Veranda des Hauses und betrachtet den Garten. Im letzten Licht des Tages wiegen sich die Bäume am Ende der Rasenfläche wie tanzende Wesen. Ihre harmonischen Bewegungen werden immer wieder durchbrochen von Böen, die den Blätterwald nach allen Seiten auseinanderstieben lassen. Die Luft schmeckt nach Frühling, kein bisschen nach der Jahreszeit, die vor der Tür steht. Den Kopf in den Nacken gelegt, verfolgt Emma die dunklen Wolken, die über sie hinwegjagen, zwischendurch den Blick auf den kugelrunden Mond und den noch hellen Himmel freigeben. Ein bisschen weniger Wind, denkt sie, wäre besser für ihr Unterfangen.
Selbst die Scharen von Krähen, die sonst den benachbarten Kirchturm umkreisen, haben sich bei dem Wetter versteckt. Ihr kleiner Bruder Max ängstigt sich vor den schwarzen Vögeln. Leider hat er vor vielen Dingen Angst. Aber seit sie vor einem halben Jahr aus Berlin aufs Land gezogen sind, haben sich seine Angstgefühle extrem verstärkt.
Ein schönes Haus mit einem riesigen Grundstück haben sie hier. Ziergarten, Gemüsebeete, eine Streuobstwiese, alte Bäume, ein richtiger kleiner Wald gehören dazu. Und die Wildnis. Das ist der Teil hinter dem Wäldchen: Hier wächst das Gras hüft-hoch, im Sommer schmuggeln sich Mohn, Kornblumen und andere Feldblumen hinein. Holunder, dessen Blüten im Juni ihren süßen Duft verströmten und sich mittlerweile zu Fliederbeeren verwandelt haben, hat eine ganze Ecke des Gartens erobert.
In den Augen der Erwachsenen ein Paradies für Kinder. Emma hat dort im Frühjahr in einer Pfütze Kaulquappen gefunden, gestern ist ihr eine Igelfamilie über den Weg gelaufen, manchmal sieht sie den Fuchs.
Aber in der Wildnis gibt es auch den anderen Streifen, der an die Mauer grenzt. Dahinter liegt der Kirchhof, genau genommen ist es der Friedhof mit seinen alten, windschiefen Grabsteinen. Vielleicht ist das der Grund, weswegen einer der Vorbesitzer ihres Hauses dort, in unmittelbarer Nähe zu den toten Menschen, seine Hunde beerdigt hat. Zwölf kleine Grabsteine erinnern an Rex, Lilli und die anderen. Diese Tatsache hat ihrem Haus den Beinamen Gräberhaus eingebracht.
Kugelrunde Augen, aus denen pure Angst sprach, bekam Max, als er zum ersten Mal davon hörte. Da die Kinder in der Schule schnell begriffen, dass der Neue, der Außenseiter, ein Angsthase ist, liefern sie ihm tagtäglich Gruselgeschichten über die Gräber. Max lässt sich von seinen Ängsten gefangen nehmen, geht nicht mehr alleine in den Garten und ist häufig bedrückt.
In jeder Vollmondnacht erwachen die toten Hunde zum Leben und spuken, haben die Kinder Max eingebläut. Heute will Emma Max etwas klarmachen – sie will es ihm zeigen: Die Erzählungen sind nichts als blanker Unsinn.
Sie schreckt zusammen. Über ihr ist ein Fensterladen gegen die Hauswand geknallt. Er hat sich aus seiner Befestigung gerissen, sieht Emma. Der Sturm wird stärker, in der Luft liegt ein gewaltiges Rauschen. Im Haus fällt eine Tür mit lautem Krachen ins Schloss, der Wind heult, der Fensterladen schlägt unrhythmisch gegen die Wand. Emma eilt ins Haus zur Treppe, nimmt zwei Stufen auf einmal. Im elterlichen Schlafzimmer öffnet sie das Fenster, um den Fensterladen zu befestigen. Wie eine Flutwelle stemmt der Sturm sich ihr entgegen.
Seelenruhig liegt Max in seinem Zimmer auf dem Bett, die großen Kopfhörer über die Ohren gezogen, die Welt ausgesperrt. Mit den schwarzen Kopfhörern erinnert er Emma an Micky Maus. Micky Maus im Batman-Schlafanzug.
Maxʼ entspannter Gesichtsausdruck verschwindet, als er Emma bemerkt. Schlagartig beginnt seine Unterlippe zu zittern, als bräche er jeden Moment in Tränen aus. Aber auf seinen Gefühlszustand kann Emma jetzt keine Rücksicht nehmen. Heute Abend bietet sich die einmalige Gelegenheit: Es ist Vollmond und ihre Eltern, die von Emmas Mutproben für Max nichts halten, sind nicht zu Hause.
Äußerst widerwillig steigt Max vom Bett, zieht die Kopfhörer ab. „Müssen wir das wirklich machen?“, fragt er sogleich wieder wie schon unzählige Male zuvor. Emma nickt energisch.
Max beginnt sich im Schneckentempo anzuziehen. Als nur noch die Socken fehlen, läuft Emma in ihr Zimmer. Alles ist vorbereitet. Sie holt zwei Taschenlampen und ihre Jacke mit dem Pfefferspray. Sie ist für alles gerüstet.
Fünf Minuten später stehen sie im Freien auf der Terrasse. Inzwischen ist es nahezu dunkel. „Dann los!“, gibt Emma den Startschuss und knipst die Taschenlampe an. Max tut es ihr nach.
Langsam gehen sie über den kurz geschorenen Rasen. Max lässt den Lichtstrahl seiner Lampe wie ein Leuchtturmsignal um sie herumkreisen. Emma erzählt ihm von seiner Belohnung, dem warmen Apfelkuchen, der in der Küche wartet. Sie erinnert sich mit ihm an die warmen Frühsommertage, als sie zusammen eine Höhle im hinteren Teil des Gartens gebaut und mit einer Piratenflagge geschmückt haben. Das war, bevor diese Erzählungen anfingen, als Max noch alleine durch den Garten stromerte, über dem Spiel die Zeit vergaß.
Am Ende des Ziergartens halten sie einen Moment inne. Bis zu den Gräbern sind es achtzig Schritte, hat Emma mehrere Male gezählt, erst unter den Bäumen hindurch, danach durch die Wildnis. Sie macht den ersten Schritt. Einen Atemzug lang zögert Max, dann stapft er hinter ihr her. Emma hört ihn im Laub rascheln. Der Sturm hat die ersten Blätter von den Bäumen gezerrt. Buntes Laub tanzt um ihre Beine, wirbelt von allen Seiten – Emma fühlt sich wie in einer Schneekugel aus Laub.
Noch achtundsechzig Schritte.
An windstillen Tagen bietet das dichte Blätterdach die Geborgenheit einer Höhle. Heute fahren die Böen wie heranrollende Wellen durch die Bäume, verwandeln das sonst anheimelnde Rauschen der Blätter in ein wildes Toben. Eicheln, Bucheckern, Kastanien klackern wie Geschosse herab.
Max packt Emmas Hand. Noch einundfünfzig Schritte.
Überall bewegt sich etwas, die Nacht ist lebendig wie nie. Sind es Tiere, die durch die aufgewühlte Natur huschen?
Im Schein der Taschenlampen tasten Emma und Max sich vorwärts, die Lichtkegel fangen die ersten Grabsteine ein. Einer der Steine ist umgestürzt. Aufgeregt deutet Max darauf. Emmas Hand umschließt seine fester. In Max kocht das Adrenalin bis unter die Haarwurzeln hoch. Zusammen nähern sie sich dem Stein. Max fuhrwerkt mit der Taschenlampe herum, als trüge er ein unsichtbares Gefecht aus.
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