»Die alte Dame fährt aber einen scharfen Zahn«, sagte Edgar.
Malu lachte. »Wo hast du denn den Ausdruck her?«
»Von Gesine«, grinste ihr Bruder. »So und jetzt will ich die ganze Story hören – von Anfang an. Die volle Wahrheit mit allen gruseligen Details.«
Bereitwillig erzählte Malu von der zugemauerten Kapelle, der eingekrachten Falltür, dem Geheimgang und dem Medaillon, das sie dort unten gefunden hatte. Sie zog es unter ihrem Kapuzenpulli hervor und zeigte es ihrem Bruder. Bei dem Foto von Esmeralda pfiff er durch die Zähne. »Du siehst ja genauso aus wie Gesines Schwester.«
»Du siehst ja auch aus wie dein Opa und schließlich ist Esmeralda ja auch meine Großtante, genau wie Gesine.«
»Na, junge Dame, alles ok bei euch? Da habter mir aber ’nen janz schönen Schrecken eingejagt.« Der dicke Arbeiter kam zu ihnen herüber. »Det is da hinten nu alles abjesperrt. Nich daste auf die Idee kommst, da noch mal reinzukrabbeln, wa.«
Malu grinste. »Nee, keene Sorge.«
»Na, denn is ja jut. Ick bin mal weg für heute.« Er winkte ihnen zu und stieg in einen der weißen Lieferwagen. Paul Kowalski – Bauträume stand in oranger Schrift an der Seite.
»Hast du gewusst, dass es mal eine kleine Kirche im Schloss gegeben hat?«, fragte Edgar.
Malu schüttelte den Kopf. »Erst seit heute Morgen. Wir fragen Gesine, wenn sie nachher zurück ist. Die muss das doch wissen. Es sei denn, die Kapelle ist schon vor ihrer Geburt zugemauert worden.«
»Warum haben sie das wohl gemacht?«
»Mich interessiert viel mehr, wozu es den geheimen Weg durch den Schrank gab und wozu der Raum unter der Kapelle diente und wohin der Gang aus diesem Verlies führt und –«, Malu holte Luft, »wieso das Medaillon dort unten lag. Gesine hat nämlich gesagt, dass ihr Vater es nach Esmeraldas Tod immer umhängen hatte.«
Edgar grinste. »Ganz schön viele Fragen auf einmal. Aber mich interessiert zu allererst, wie wir die nächsten Wochen ohne Rebecca zurechtkommen sollen. Wir müssen die Arbeiten nachher mit Gesine besprechen und aufteilen – Ah!« Edgar schrie auf und fiel vorneweg vom Zaun. Papilopulus legte seinen großen Kopf genau dort über den Balken, wo Edgar gerade noch gesessen hatte.
»Er findet dich auch langweilig«, lachte Malu. »Arbeiten, arbeiten, arbeiten – wo es doch gerade spannend wird.« Sie wuschelte dem Wallach durch die Mähne. Der blähte die Nüstern und schob sein Maul in Richtung Jackentasche. »Papi, du alter Fresssack. Ich denke, du kommst aus Liebe zu mir, aber alles, was du willst, sind schnöde Leckerchen. Schäm dich.«
Edgar hatte sich wieder aufgerappelt und klopfte sich den Dreck von der Hose. »Was für ein hinterhältiger Anschlag, Papilopulus. Überleg mal, wer dir morgens das Futter bringt. Diese Schlafmütze da bestimmt nicht.«
Malu streckte ihrem Bruder die Zunge raus. Dann betrachtete sie noch mal das Medaillon, bevor sie es zurück unter ihren Pullover steckte. »Ich glaube, der alte Baron hat sich dort unten herumgetrieben, vielleicht finden wir ja da ...«
Edgar drehte sich ruckartig zu seiner Schwester um. »Kein Wort mehr von diesem Schatz, Malu. Da will ich nichts mehr von hören! Diese verdammte Suche hätte uns beide fast umgebracht.«
Das Thema war inzwischen für Edgar ein rotes Tuch. Malu wusste das, aber trotzdem konnte sie den Gedanken an den Schatz nicht aus ihrem Kopf kriegen.
In ihrer Wohnung klingelte das Telefon und Edgar lief schnell über den Hof. Auf halber Strecke drehte er sich noch mal um. »Und komm ja nicht auf die Idee, in die Kapelle zu gehen. Du hast gehört, was Kalle gesagt hat. Es ist alles abgesperrt!«
Malu äffte lautlos das Geplapper ihres Bruders nach. Alter Wichtigtuer! Das würde jetzt wohl noch schlimmer werden, wo sie beide auf sich allein gestellt waren. Sie knuddelte Papi noch mal und folgte Edgar dann zum Haus.
Aus dem Schloss drangen furchterregende Geräusche, so als würden ganze Wände eingerissen – vermutlich war es nach der Renovierung nicht wiederzuerkennen. Malu war gespannt, was das Schloss noch so alles preisgeben würde. Nachher musste sie auf jeden Fall in der Bibliothek nach Plänen und alten Fotos vom Schloss suchen. Vielleicht konnte sie dort etwas über diese Kapelle in Erfahrung bringen.
Als Malu in die Küche kam, hielt Edgar das Telefon immer noch in der Hand.
»Was ist los? Warum guckst du so komisch?«, fragte sie. »Wer war dran?« Malu deutete auf den Hörer.
»Das war Frau Jansen. Vom Birkenhof, wo Rocco und Alibaba gestanden haben, bevor ich hierhergezogen bin«, fügte er hinzu. »Du glaubst nicht, was die wollte!«
»So, wie du guckst ... Hast du noch ein Schloss geerbt? Oder ihren Hof? Will sie dich heiraten?«
Edgar schüttelte unwillig den Kopf, ihm war nicht nach Scherzen zumute. »Sie will Alibaba kaufen ...«, er zögerte kurz, »mitsamt dem Fohlen.«
»Was?!« Malu starrte ihren Bruder entsetzt an. »Wie kommt die denn darauf? Warum?«
Edgar drehte sich um und stellte den Hörer zurück in die Aufladestation. »Hat sie nicht gesagt. Eigentlich wollte sie auch gar nicht mit mir, sondern mit Rebecca sprechen.«
Edgar sagte immer noch Rebecca zu ihrer Mutter, obwohl sie ihn letztes Jahr ganz offiziell adoptiert hatte. Aber an ein Mama konnte er sich mit seinen fünfzehn Jahren einfach nicht mehr gewöhnen.
Hilflos baumelten die Arme an Edgars schlaksigem Körper herunter, als wüsste er nicht so recht, wohin mit den langen Dingern. Dann vergrub er die Hände tief in den Hosentaschen. »Ich habe das Gefühl, sie hatte schon mit ihr darüber gesprochen, kannst du dir das vorstellen?« Misstrauen glitzerte in seinen Augen. Er war schon zu oft enttäuscht worden.
Aber Malu schüttelte den Kopf. »Niemals. Das würde meine Mutter nie machen! Die würde doch Alibaba nicht verkaufen, ohne dich zu fragen. Es ist doch dein Pferd! Und schon gar nicht mit dem Fohlen!«
Edgar nickte. »Ich habe letzten Monat auf dem Birkenhof angerufen, weil es mir doch keine Ruhe gelassen hat, wer der Vater von Alibabas Fohlen ist. Hätte mich einfach mal interessiert. Es muss ja passiert sein, als Alibaba noch auf dem Birkenhof stand.« Er blickte Malu ratlos an. »Aber Frau Jansen wusste von nichts – hat sie jedenfalls gesagt.«
Malu hörte nur halb zu. Edgars Worte über ihre Mutter geisterten durch ihren Kopf. Ich muss dringend mit dir und Edgar reden, hatte sie heute Morgen noch gesagt. Und sie hatte dabei gar nicht glücklich ausgesehen. Konnte es doch sein, dass sie mit Frau Jansen gesprochen hatte? Wollte sie Edgars trächtiges Lieblingspferd etwa verkaufen? Malu schüttelte den Kopf, das konnte und wollte sie sich einfach nicht vorstellen! Warum sollte sie das tun?
Plötzlich durchzuckte es Malu siedend heiß. Die Tasche! Die letzten Worte ihrer Mutter im Krankenwagen! Malu musste sofort in der Handtasche ihrer Mutter nachsehen. Sie sprang auf und rannte in den Flur. Dort baumelte das geblümte Stoffteil am Haken. Hoffentlich fand sie darin keinen Kaufvertrag von Alibaba oder etwas ähnlich Schlimmes. Mit der Tasche unterm Arm kam sie zurück in die Küche.
»Malu, was machst du da?« Edgar blickte ihr über die Schulter, während sie in der Handtasche wühlte. »Was suchst du denn?«
Aber sie kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten. Es klingelte und Edgar ging in den Flur, um die Tür zu öffnen.
Ein weißer Umschlag aus dickem, rauem Papier fiel Malu in die Hand. Ihr Herz klopfte wie wild. Bitte Mama, bitte, du kannst das nicht gemacht haben!, dachte sie, während sie das Kuvert mit zitternden Fingern öffnete.
Im ersten Moment war sie erleichtert. Es war kein Kaufvertrag! Aber je weiter sie las, desto kälter wurde ihr. Sie wollte einfach nicht glauben, was da stand. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Das war ja noch weitaus schlimmer als ein Kaufvertrag!
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