Malu zuckte entschuldigend mit den Schultern. Sie musste sich auf einen Tragesitz setzen und wurde dann wie auf einer Schaukel nach oben gezogen. Durch das Loch in der Wand konnte sie selber krabbeln und als sie im Flur herauskam, wurde sie direkt von einer Sanitäterin in Empfang genommen, die sie auf den Schlosshof und dort zu einem Krankenwagen brachte.
Malu beteuerte, dass sie nicht verletzt war, aber die Frau bestand darauf, dass sie sich untersuchen lassen musste. Die Bahre mit ihrer Mutter wurde gerade in einen anderen Rettungswagen geschoben. Gesine und Arno von Funkelfeld, der Vater ihrer Großcousine Lenka (Würg!) standen daneben und redeten beruhigend auf Rebecca ein.
»Ich muss zu meiner Mutter«, stieß Malu hervor und rannte zu den anderen.
»Ach, mein armes Schätzchen«, rief Gesine und drückte Malu an sich. Ausnahmsweise durfte sie das auch, eigentlich war Malu natürlich schon zu alt für solche öffentlichen Liebesbekundungen – immerhin wurde sie in ein paar Tagen 14. Aber heute war wohl eine Ausnahme.
»Malu, ich muss dir noch was sagen«, rief Rebecca heiser aus dem Krankenwagen.
Mit einem Kopfnicken erlaubte der Arzt Malu, zu ihr zu kommen. »Aber nur kurz.«
Sie setzte sich neben ihre Mutter und drückte ihre Hand. Um sie herum schlossen zwei Sanitäter irgendwelche Schläuche an Arme und Kopf an. So kam sie Malu noch viel zerbrechlicher vor, als vorhin im Verlies.
»Es ist wichtig! Du und Edgar, ihr müsst wissen ...« Ein Hustenanfall schüttelte sie.
»Das ist der Schock«, beruhigte der junge Arzt Malu. »Du musst jetzt gehen. Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben.«
Malu stand auf und strich ihrer Mutter über den Arm. »Wir sehen uns gleich im Krankenhaus«, sagte sie leise.
Ihre Mutter blickte sie durchdringend an. »Es ist wichtig, Malu, ihr müsst Bescheid wissen. Schau in meiner Tasche nach ...« Dann dämmerte Rebecca Baumgarten weg.
2. Kapitel
Der Plastikstuhl war popelgrün und unbequem. Malu rutschte ungeduldig hin und her. Sie war mit dem zweiten Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht worden, aber zum Glück hatte sich herausgestellt, dass sie mit ein paar Schürfwunden und Prellungen davongekommen war. Jetzt saß sie neben Gesine vor dem OP-Bereich und wartete auf jemanden, der ihr sagen konnte, wie es ihrer Mutter ging. Rebecca war sofort in den Operationssaal gebracht worden und seitdem dokterte man an ihr herum. Malu machte sich furchtbare Sorgen.
Gesine legte ihr die Hand auf den Arm. »Das wird schon wieder, Malu. Rebecca wird ein bisschen herumhumpeln und in einem Monat ist das alles nur noch ein spannendes Abenteuer.«
Malu nickte wenig überzeugt. Wenn sie doch nur nicht so kopflos in die Kapelle gelaufen wäre, dann wäre ihre Mutter ihr nicht gefolgt und dann – ach, das brachte doch auch nichts! Sie sprang auf und lief unruhig den Gang entlang, dabei schob sie die Hände tief in die Hosentaschen. Ihre Finger schlossen sich um kühles Metall. Der goldene Fund aus dem Verlies, den hatte sie ganz vergessen. Vorsichtig zog sie ihn heraus. Es war eine Kette mit einem ovalen Anhänger. Das Metall war dunkel angelaufen. Malu polierte die Fläche mit ihrem Jackenärmel. Eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln und gespreizten Krallen war darauf eingraviert.
»Zeig mal, was hast du da?« Gesine klopfte neben sich auf den Stuhl. »Komm, Malu. Setz dich. Du machst mich ganz nervös mit deiner Rumlauferei.«
Der Stuhl gab ein unwilliges Knarren von sich, als Malu sich darauf fallen ließ. Sie hielt ihrer Großtante die Kette hin.
Gesine griff danach und betrachtete den Anhänger. »Wo hast du den her?« Malu konnte das Staunen in ihrer Stimme hören.
»Der lag in dem Raum unter der Kapelle.« Von dem Gang, der dort in die Dunkelheit führte, sagte Malu nichts. Sie wusste selber nicht so genau, warum sie das verschwieg.
»Der hat meiner Schwester gehört. Esmeralda«, erklärte Gesine. Ihre ältere Schwester Sybill war letztes Jahr gestorben, von ihr hatte Edgar das Schloss geerbt und Malu Papilopulus. Esmeralda war vor Gesine geboren, aber schon als Kind an einer Lungenentzündung gestorben. Den Tod des Mädchens hatte ihr Vater, der alte Baron von Funkelfeld, nie verwunden und war darüber in eine tiefe Depression gefallen.
Gesine strich über die eingravierte Eule und schien ganz in Gedanken versunken. »Nach Esmeraldas Tod hat mein Vater ihr Medaillon getragen, ich kann mich nicht erinnern, ihn je ohne es gesehen zu haben.«
»Kann man es aufklappen?«, fragte Malu.
Gesine drehte den Anhänger und betrachtete ihn von allen Seiten, dann reichte sie ihn an Malu zurück. »Versuch du es mal, ich habe meine Brille nicht dabei.«
Malu hatte den Mechanismus schnell gefunden. Ein winziger Knopf an der Seite ließ sich herunterdrücken und schon sprang der goldene Deckel auf. Malu schnappte überrascht nach Luft. Das junge Mädchen, das ihnen breit entgegengrinste, kam ihr sehr bekannt vor! Zwar war das Schwarz-Weiß-Foto etwas vergilbt, aber die Ähnlichkeit war verblüffend. Esmeralda hätte ihre Zwillingsschwester sein können.
Gesine lächelte. »Hab ich dir ja immer gesagt, du erinnerst mich an sie. Nur ihre Haare waren heller. Du hast deine von Rebecca.«
»Darf ich es behalten?«, fragte Malu. Als Gesine nickte, warf sie noch einen letzten Blick auf das Mädchen, dann klappte sie den Deckel zu und hängte sich die Kette um den Hals. Und im selben Moment wurde ihr klar, dass etwas von dem, was Gesine gerade gesagt hatte, nicht zusammenpasste. »Wie ist die Kette denn unter die Kapelle gekommen, wenn dein Vater sie immer getragen hat?«
Gesines Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
»Wenn er die Kette immer dabei hatte, dann muss er sie doch umgehabt haben, als er gestorben ist. Warum ist er nicht damit beerdigt worden?«, setzte Malu nachdenklich hinzu.
»Tja, so genau weiß ich das natürlich nicht mehr. Ist ja schon lange her«, druckste ihre Großtante herum. Das Thema schien ihr irgendwie unangenehm zu sein. »Vielleicht hat ihm jemand das Medaillon abgenommen oder er hatte es verloren.« Sie schien aus mehreren Gründen erleichtert, dass sich die Tür zum OP-Bereich öffnete und ein Arzt auf sie zukam.
Eine Stunde später bog Gesines alter Geländewagen auf den Schlosshof und parkte neben den beiden weißen Lieferwagen der Baufirma. Malu stieg aus dem Auto. Sie fühlte sich, als wäre sie unter einen Traktor geraten. Jetzt, wo die Anspannung nachließ, schmerzten ihre Verletzungen viel stärker.
Ihre Mutter hatte noch mal Glück gehabt, der Bruch war zwar kompliziert, aber die Ärzte hatten das Bein wieder zusammenflicken können. Dazu hatte Rebecca eine saftige Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen. Sie würde auf jeden Fall die nächste Zeit im Krankenhaus bleiben müssen. Es gab also viel zu tun für Malu und Edgar. Obwohl Malu doch eigentlich beschlossen hatte, sich auf ihren Verletzungen auszuruhen und ein bisschen von ihrem Bruder verwöhnen zu lassen.
Edgar war, kurz nachdem der Arzt aus dem OP gekommen war, ins Krankenhaus gestürmt. Lea hatte ihn übers Handy erreicht.
Jetzt lief Edgar mit Gesine vor, ihre Großtante wollte nur schnell ein paar Sachen für Rebecca packen, und sie ihr gleich ins Krankenhaus bringen. Malu ging herüber zur Pferdeweide, die an den Schlosshof grenzte, und lehnte sich an den Zaun. Versonnen betrachtete sie ihre kleine Pferdeherde, die sich langsam grasend über die Wiese bewegte. Ping und Pong, die beiden Isländerponys klebten wie siamesische Zwillinge aneinander.
Kurze Zeit später kam Edgar dazu und schwang sich auf den oberen Zaunbalken. Sie winkten Gesine, die mit Karacho durch das Tor brauste, dass der Kies unter ihren Reifen nur so wegspritzte.
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