»Warum bist du so ein Arschloch?«, fragte ich das Gesicht. »Fickst das arme Mädchen für so ’n bisschen Geld kaputt?«
Er antwortete mit zwei Haken gegen meine Rippen, die wehtaten. »Ich habe noch nie für Frauen bezahlt.«
Sein Gesicht erzitterte einmal mehr unter meiner linken Geraden. »Du warst dabei, also bist du genauso mies.«
Der Gong ertönte. Ich saß in meiner Ecke. Nadija redete. Ich sah sein Gesicht in der anderen Ecke, weit weg, sehr klein. Hinter ihm seine speckigen Sekundanten, ein paar Leute, die zum Training gekommen waren und jetzt zusahen. Dann gongte es wieder. Und da war wieder das Gesicht vor meinen Fäusten.
Er ging sofort heftig ran, bis er einen meiner Schläge mit seiner Nase fing. Das beruhigte ihn etwas.
»Also, wieso machst du so eine Scheiße, und wieso prügelst du dich für die Dicken, die selbst nicht genug Eier haben, in einen Ring zu steigen?«
»Ich boxe gerne«, antwortete er trotzig und griff wieder an. Für mich klang sein Trotz verräterisch nach Zweifel. Ich steckte einen Hagel von Schlägen auf meine Deckung ein. Als seine Schläge etwas langsamer kamen, sagte ich: »Ich nicht. Ich gewinne gerne.«
Dann streckte ich meinen linken Unterarm quer vor sein Gesicht, blockierte damit seine Deckung, die zu hoch war, weil er sein Gesicht schützen wollte, schob ihn mit der ganzen Kraft meines Körpers in die Seile und hämmerte ihm drei harte rechte Haken in den Solarplexus. Als ich den linken Arm wegnahm, fiel seine Deckung runter, ein linker Cross und ein rechter Aufwärtshaken schickten ihn auf die Bretter. Zum letzten Mal sah ich sein Gesicht. Er starrte mit leeren Augen und zitterndem Augenlid auf den Ringboden, der Mundschutz hing schief heraus, und Speichel und Blut tropften von seinen Lippen. Ich stieg aus dem Ring, nahm mir den Kraftfahrzeugbrief und die Schlüssel für den Jaguar aus seiner Ringecke und ging mich umziehen.
Nadija folgte mir in die Umkleide und half mir, die Bandagen von den Händen zu lösen. Wir sagten kein Wort, aber es war mehr Fürsorge und Zärtlichkeit in dem, was sie tat, als in mancher Liebesnacht. Sie wusste, dass ich traurig war. Und ich wusste, dass sie zwar stolz, aber ebenfalls traurig war. Denn auch Sieger tragen Narben, und wirklich stark ist nur, wer nicht kämpfen muss.
Ich brauchte ein paar Tage, um mich von dem Kampf zu erholen. Die Mädchen in der Kranichstraße waren dabei sehr hilfreich: Whirlpool, Massage, Einsalben, Wundversorgung oder nur ein liebes Lachen, jede tat, was sie konnte und ich zuließ.
Nur Stina Nereni ließ sich eine Weile nicht blicken. Als sie wiederkam, lächelte sie süßsauer. »Den hast du ja ganz schön fertiggemacht.«
»Und dein Traum?«, fragte ich.
»Ich muss halt zusehen, dass ich zu einem Werksteam komme.« Sie war hart im Nehmen. »Kann ich mir den Jaguar mal ansehen?«
Ich reichte ihr den Schlüssel. »Pass auf, die Kiste ist ganz schön bissig.«
»Sind Raubkatzen immer.« Vorfreude strahlte durch ihre Traurigkeit hindurch. Kurz darauf hörte ich den Motor des Jaguars aufheulen. Als Stina ihn auf die Straße lenkte, blubberte der Achtzylinder, um dann fauchend in Richtung Bundesstraße zu verklingen.
Lydia erzählte mir später, dass Stina den Wagen mit rotem Gesicht und breitem Grinsen zurückgebracht habe. Sie habe von Rennfahrwerk, Kompressor, Keramikbremsen und Chiptuning geredet wie die anderen Mädchen von Lippenstift und Nagellack.
Am Freitag fuhr ich noch mal nach Stuttgart. Ich ließ den Klappenauspuff offen, als ich hinter Kollege Wandenberg in die Tiefgarage fuhr. Er hatte schon einen unfreundlichen Kommentar auf den Lippen, als ich aus dem F-Type ausstieg, verkniff ihn sich dann aber. Vermutlich hatte ihn mein vom Kampf noch immer leicht gezeichnetes Gesicht gebremst. Vielleicht weil ihm dämmerte, dass man in der Praxis andere Fähigkeiten brauchte als in seinem überdimensionierten Großraumbüro. Ich holte mir mein Briefing ab, verabschiedete mich ins Wochenende und war in einer Stunde wieder in Friederichsburg.
Am Samstag besuchte ich Nadija – oder eigentlich eher David. Ich hatte Stina im Schlepptau, die David den Wagen erklärte, und dann drückte ich ihr den Schlüssel in die Hand. »Zeig ihm mal, was der Wagen kann.«
Stina grinste schelmisch und fragte Nadija: »In Hockenheim ist die Strecke offen. Dürfen wir?«
Nadija wusste um Stinas Leidenschaft für das Rennfahren. Bei unserem letzten Fall hatte sie Stina, nachdem diese einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen war, sehr feinfühlig befragt und hatte seither eine besondere Aufmerksamkeit für sie.
Trotzdem rangen in Nadijas Brust zwei Herzen miteinander, die Angst um ihren Sohn und das Wissen darum, welche Freude sie ihm bereiten würde. Der Gedanke an die Freude gewann. »Bringt euch nicht um.«
Da hüpfte Stina ihr an den Hals, sagte Danke und winkte David dann so eilig in den Jaguar, als hätte sie Angst, Nadija könnte es sich sonst anders überlegen.
Nadija und ich gingen einkaufen und kochten dann zusammen. Ich machte einen gefüllten Rollbraten und Nadija Rosenkohl mit Maronen, dazu gab es Kartoffelgratin und einen frischen Salat.
Aus dem Wohnzimmer klang Norah Jones leise herüber, und wir gönnten uns einen französischen Merlot, obwohl es erst Nachmittag war. Nadija erzählte mir, dass sie die beiden Männer, die bei Mike Schneller gewesen waren, überprüft hätten. »Die wollten seinen Rennstall sponsern. ›Schneller Racing‹ will nächstes Jahr in der GT3 mitfahren, da ging es um je zwanzig Millionen.«
»Deshalb hat er sich für die zum Affen gemacht«, überlegte ich laut.
»Ja, hat aber nichts genützt, nach dem Kampf sind sie abgesprungen.«
Das war teuer, dachte ich, Auto und vierzig Millionen verloren. Aber Nadija erzählte noch, dass nicht ganz klar sei, woher die Millionen stammten. Sie habe die Sache an die Kollegen vom LKA weitergeleitet wegen des Verdachts auf Geldwäsche.
Nadija wechselte abrupt das Thema und fragte, wie es mir gehe. Ich wich dem aus, denn mir war nicht klar, ob ihr Interesse mehr das einer Vorgesetzten, einer Freundin oder einer Liebenden war. Obwohl sie ihre Fragen geschickt stellte, erkannte ich doch bald, dass sie nicht nur meine Einsatzfähigkeit prüfen wollte. Wohl eher versuchte sie herauszufinden, ob ich meine Frau noch liebte und ob ich noch an Rayana Bakthari dachte, jene rätselhafte afghanische Schönheit, die wir aus den Fängen einer Mädchenhändlerbande befreit hatten.
Ich trank mein Glas leer und schenkte uns beiden von dem Merlot nach. Langsam sickerte der Geist des Weines in mein Empfinden, beruhigte und entspannte mich. Nadija ließ mir Zeit. Sie war einfach da, beschäftigte sich mit den alltäglichen Verrichtungen des Kochens. Es hatte etwas so Beruhigendes, so Festes und Sicheres, neben ihr zu arbeiten, ohne Hast, mit den geübten Handgriffen.
Und dann, als der Braten im Ofen war, setzte ich mich an den Küchentisch, schwenkte den Merlot im Glas und sagte zu Nadija, die noch den Salat wusch: »Ich glaube, mit Julia ist es wie mit einem Lieblingsbuch. Du kommst an die letzten Seiten, du weißt, dass es bald zu Ende sein wird, und vermisst schon den Helden und all die anderen Figuren, die du über so viele Seiten begleiten durftest. Du wirst das Buch zuklappen, es ins Regal stellen und ein neues beginnen, aber du wirst es nicht vergessen, es ist ein Teil von dir geworden, ein Teil deines Lebens. Jedes Mal, wenn du daran denkst, fragst du dich, ob es je eine Fortsetzung geben wird. Du fragst in den Buchgeschäften danach, aber niemand weiß etwas davon, wird je etwas davon wissen. Dir bleibt nur deine Erinnerung an ein altes, oft gelesenes Buch, dessen Seiten langsam verblassen.«
Nadija war mit dem Salat fertig und hatte sich beim Zuhören die Hände abgetrocknet. Einen Moment ließ sie meine Worte nachklingen, dann sagte sie: »Das war jetzt aber sehr sentimental, Carl.«
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