Ich hatte ein kleines Ensemble aus drei Bilderrahmen mit Fotos gefunden. Ich hielt eines davon hoch. »Ist das Ihr Mann?«
Frau Bach bestätigte das. »Ja.« Und lächelte.
Nadija bat sie, am Esstisch Platz zu nehmen, setzte sich dazu und ergriff die Hand der jungen Frau. »Frau Bach, wir haben heute Morgen einen Mann am Waldsee gefunden, von dem wir annehmen, dass es sich um Ihren Mann handelt. Der Mann ist durch einen Schuss getötet worden. Es liegt nahe, dass Ihr Mann einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist.«
Die Hand der Frau krampfte sich um Nadijas Hand, sonst blieb sie ruhig. »Das kann nicht sein, mein Mann ist doch nach China geflogen.«
Ein Ermittler hat in so einer Situation naturgemäß einen ganzen Katalog von brennenden Fragen. Nadija bemühte sich, nahe bei der Frau zu bleiben und trotzdem behutsam die eine oder andere dieser Fragen zu stellen. Ich holte für beide je ein Glas Wasser aus der Küche und fragte, ob ich mich ein wenig umsehen könne, dann rief ich Robert und Mehmet an und öffnete ihnen kurz darauf die Haustür. Mehmet blieb als Zeuge unaufdringlich in der Nähe der Frauen und machte Gesprächsnotizen. Robert und ich sahen uns im Haus um, nicht wie bei einer Hausdurchsuchung, sondern dezent, pietätvoll, aber doch so, dass wir möglichst einen ersten Eindruck von dem Leben des Opfers und seinem Umfeld bekamen.
Als wir wieder in den großen Wohn-Ess-Bereich kamen, stand Nadija mit Frau Bach an dem bodentiefen Panoramafenster. Rechts oben leuchtete über allem die von mehreren Scheinwerfern angestrahlte Burg. Die Kopfsteinstraße, die steil vom Dorf zur Burg aufstieg, und die kleinen, pittoresken Häuschen, die sie säumten, waren durch die Straßenlaternen in regelmäßigen Abständen in sanftes Licht getaucht. Hinter den dunklen Silhouetten einiger Häuser und großer Bäume im Tal glitzerte der Mond auf der gekräuselten Oberfläche des Mühlsees.
»Diesen Ausblick hat Thomas geliebt«, sagte Frau Bach gerade. »Das war einer der Gründe, warum wir hierhergezogen sind.« Sie weinte still und rang mit ihrer Fassung, um weiterreden zu können. »Er sagte immer, das ist Postkarte – so was gibt es nicht wirklich. Und dann nahm er mich in den Arm … Er war so stolz, dass wir … Wissen Sie«, sie wandte sich ein wenig zu Nadija hin, »das ist doch ein Traum, wenn man so wohnen darf, wenn man aus der Stadt kommt, aus einem Arbeiterviertel.«
Nadija nickte. »Frau Bach, haben Sie jemanden, der für Sie da ist? Den Sie anrufen können?«
»Nein, ich kenne hier niemanden, meine Familie wohnt in Berlin … Kann ich ihn sehen?«
»Ja, natürlich. Er wird inzwischen in der Rechtsmedizin in Tübingen sein. Hauptkommissar Moderski wird Sie begleiten und auch wieder zurückbringen.«
Um so was reißt sich keiner, doch was sollte ich machen, Nadija musste zu David. Robert bot sich zwar an, uns zu begleiten, aber ich hatte ja nur zwei Sitze.
Wenig später saß ich mit Eileen Bach im Jaguar. Sie war in sich gekehrt, hatte den Kopf an die kalte Seitenscheibe gelehnt und sah hinaus in den Straßengraben, in ihre Welt, die bis vor ein paar Stunden noch heil gewesen war. Postkarte, das gab es nicht wirklich.
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