Ich saß auf meinen Stuhl am Ende des Tisches und sah Wandenberg am anderen Ende groß an. »Ich warte dann mal, bis es was Praktisches zu tun gibt.«
Wandenberg schnappte sich eine prall gefüllte Hängeregistratur, die, für mich unsichtbar, an seinem Platz gestanden hatte, wuchtete sie vor mir auf den Tisch und setzte sich daneben, sodass er auf mich herabsah. »Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast«, sagte er stirnrunzelnd, »dass du an deinem ersten Arbeitstag hier schon eine persönliche Einladung zu einem internationalen Kongress auf dem Tisch liegen hast.« Er klatschte einen an mich persönlich adressierten geöffneten Brief so vor mich auf den Tisch, dass er damit seine ganze Missbilligung darüber zum Ausdruck brachte, dass er, der Leiter dieser Organisation, übergangen worden war. Vielleicht hatte er den Brief nur aus Versehen geöffnet, aber ich vermutete, dass eher andere Motive eine Rolle spielten.
»Wie nett«, sagte ich. »Du hast ihn schon geöffnet. Was steht denn drin?«
Seine rote Gesichtsfarbe verriet mir, dass er seinen Geltungshunger fast nicht mehr beherrschen konnte. »Du wirst VIM schon in zehn Tagen auf einem, auf dem internationalen Kongress über Menschenhandel vertreten. Dieser Kongress wird seit zwei Jahren auf politischer Ebene vorbereitet. Da VIM erst seit Kurzem besteht, sind wir nicht auf der Einladungsliste, obwohl das genau die Plattform ist, auf der wir uns präsentieren müssen. Ich habe mich über das Innenministerium bemüht, noch eine Einladung zu erhalten.« Er starrte auf den Brief und presste hervor: »Vergeblich. Und jetzt das.«
Nach einem Moment gab er sich einen Ruck. »Wie dem auch sei. Moderski, Sie gehen dahin.«
Er siezt mich wieder, interessant.
»Und Sie werden VIM vertreten.« Er klopfte auf die Hängeregistratur und meinte: »Das hier ist die Essenz von allem, was wir bisher erarbeitet haben. Machen Sie sich damit vertraut wie mit den Krümeln in Ihrer Hosentasche. Blamieren Sie VIM nicht.«
Das bedeutete Arbeit, viel Aktenarbeit.
»Ach ja.« Wandenberg hielt im Hinausgehen inne und neigte sich an den Türrahmen gelehnt noch mal zu mir. »Und sagen Sie Ihrem Freund Manakov, wer auch immer das ist, er soll sich in Zukunft auf dem offiziellen Weg über mein Büro an Sie wenden.«
Damit verschwand er. Ich war überrascht und zog den Brief aus dem Umschlag. Was hatte Manakov mit der Einladung zu dem Kongress zu tun?
Peter Manakov, der milliardenschwere Besitzer des Sicherheitsdienstes PMC, der Peter Manakov Corporation, dessen Leute aus der Friederichsburger Niederlassung bei meinem letzten Fall eine große Rolle gespielt hatten. Dieser Peter Manakov wusste, dass ich bei VIM war, schließlich hatte er über seine Kontakte zu deutschen Ministern dafür gesorgt, dass ich dieser Organisation zugeteilt wurde. Diesbezüglich hegte ich nicht den geringsten Zweifel.
Ich würde ihn selbst fragen müssen, was er mit dem Kongress zu tun hatte, denn aus dem knapp und offiziell gefassten Brief, der nur durch Manakovs eigenhändige Unterschrift eine persönliche Note bekam, ging das nicht hervor.
Ich drehte mich zu Wandenberg um, der aber inzwischen nicht mehr zu sehen war, und murmelte: »Manakov ist nicht mein Freund. Außerdem glaube ich nicht, dass er sich von mir irgendetwas sagen lässt. Und von Ihnen schon gar nicht.«
Mein Zug kam erst nach halb zehn in Friederichsburg an. Rund um den Bahnhof war die Stadt dunkel und menschenleer, aber der Abend war mild, daher entschied ich mich, zu Fuß zu Nadija zu laufen. Sie würde um die Zeit sicher noch wach sein, und ich wollte sie nicht erst im Präsidium zum ersten Mal wiedersehen.
Sie stand lässig an die Tür ihrer Wohnung gelehnt, als ich die Treppe hochkam, und erwartete mich, als hätte ich nur eben was aus dem Keller geholt. Ich begrüßte sie etwas zurückhaltend. »Hi.«
Sie nahm mich still in den Arm und schaffte es auf ihre eigene Art, der sehr freundschaftlichen Umarmung einen kleinen Schuss Sex-Appeal zu geben. Erst nachdem sie die Tür hinter mir geschlossen hatte, sagte sie: »Schön, dass du noch vorbeikommst.« Und ich war wieder ihr Freund und Partner, als wäre ich nie zusammengebrochen und weg gewesen.
Sie rief: »Hey, David, wenn du noch nicht schläfst, guck mal, wer da ist.«
Ihr Sohn sah vorsichtig aus seinem Zimmer, und dann hing er auch schon an meinem Hals und zog mich einen Augenblick später hinter sich her in sein Zimmer. »Ich muss dir was zeigen, sieh mal, sieh mal.«
Stolz präsentierte er mir die Sammlung seiner Spielzeugautos, die beträchtlich gewachsen war, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte.
David war ein zarter zwölfjähriger Junge mit einem etwas zu großen Kopf, wodurch er ein bisschen grotesk aussah. Als ich ihn kennenlernte, hatte er sehr schüchtern gewirkt und wie zurückgeblieben, da er in vielen Dingen etwas langsam war. In der Schule wurde er gehänselt, wegen seines Aussehens und weil er Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen hatte. Das war Nadijas großer Kummer. Dafür war David immer ehrlich und freundlich, ein richtiger Sonnenschein, wenn er seine Scheu erst einmal überwunden hatte. Seine große Leidenschaft waren Autos, er wusste alles über Autos, was man nur wissen konnte.
Auf einem Tisch, so groß wie eine halbe Tischtennisplatte, standen alle Modellautos wie auf einem Parkplatz in Reihen geparkt. Sie bildeten dabei kleine Gruppen, deren Sortierung sich mir nicht auf den ersten Blick erschloss.
»Das sind Wörter, du Dummer, das sieht man doch«, sagte David und zeigte der Reihe nach auf die Autogruppen. »Am – Morgen – des – 12. – April – ist – eine – Gruppe – von – Unbekannten … Habe ich aus der Zeitung abgeschrieben.« Er sah mich mit großen, erwartungsvollen Augen an. Und dann begann ich zu kapieren. Audi plus Mercedes gleich »Am«, Mercedes plus Opel plus Renault plus G-Klasse plus Espace plus Nissan gleich »Morgen« und so weiter.
Vor ein paar Monaten hatte ich ihm das Rechnen mit Autos nahegebracht und den Tipp mit dem Lesen gegeben. Weil er doch die Autos alle kannte, konnte er sie für die Buchstaben einsetzen.
»Hey, cool«, sagte ich erstaunt. »Ist das nicht eine Menge Arbeit?«
»Nö«, meinte David und begann, in Windeseile einen Teil der Autos umzusortieren. Und schon stand da: »Herzlich willkommen«. »Manchmal muss ich mogeln. Es gibt keine Us und so.«
Während er mir erzählte, dass er auch auf ganz normalen Parkplätzen lesen konnte, natürlich meistens nur Blödsinnsätze, beobachtete Nadija uns still und zufrieden vom Flur aus. Als David in dem für ihn ganz untypisch langen Redefluss eine kleine Pause machte, hakte sie ein: »Ich glaube, für heute hat Carl genug Autos gesehen, und für dich ist es längst Zeit fürs Bett.«
David murrte natürlich wie jeder Zwölfjährige, er sei noch überhaupt nicht müde, aber dann schickte er sich doch an, ins Bett zu gehen. »Kommst du jetzt öfter?«
»Ja, unbedingt. Bin jetzt wieder da.«
»Kann ich dich auch noch mal besuchen?«, fragte er an Nadija vorbeiblickend, die ihn gerade zudecken wollte.
Nadija war sauer gewesen, als ich ihn das erste Mal zu Lydia und den Prostituierten mitgenommen hatte. Sie schüttelte jetzt den Kopf, aber ich sagte: »Klar.«
Nadija rollte mit den Augen, aber David ließ sich zufrieden zudecken.
Das Wohnzimmer war nett eingerichtet, ein bisschen IKEA, ein bisschen fast Antikes vom Sperrmüll und ein teures Sofa, das dem Ganzen Glanz verlieh, viel Mühe und Geschmack, wenig Geld, was sollte sie auch machen als Alleinerziehende?
Sie hatte mir einen Tee gekocht und sich einen doppelten Whiskey eingeschüttet, dann berichtete sie vom K11, deren Leiterin sie nun war. Unsere Ex-Kollegen Uwe Gerl und Norbert Oppermann waren aus dem Verkehr gezogen worden, weil sie Ermittlungen verhindert und zugunsten der Täter manipuliert hatten. Daher war ihrem Team ein alter Hauptkommissar zugeteilt worden, der schon nächstes Jahr in den Ruhestand gehen würde, und zudem ein Praktikant direkt von der Polizeischule, der bald in den regulären Dienst übernommen werden sollte.
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