»Haben Sie keine Karte?«, schallte es mürrisch aus der Gegensprechanlage, doch der Türsummer schnarrte. Ich stand in der Schleuse. Der Empfang war wie immer nicht besetzt.
Der zweite Summer schnarrte, nachdem die erste Tür zugefallen war. Ich beeilte mich, die Tür zu öffnen, bevor das Summen aufhörte, und ging in den zweiten Stock, Zimmer 212. Müller, Christine. Großhans’ Sekretärin lächelte freundlich, was wie bei den meisten Menschen ihrer Wirkung zugutekam. Ich musste warten und setzte mich auf einen unbequemen Holzstuhl. Nachdem Frau Müller mich beim Chef angemeldet hatte, begann sie ein uninspiriertes Gespräch über meine Gesundheit.
»Ja, alles wieder gut, danke.«
Winfried Großhans war Ende fünfzig, trug einen seiner zahlreichen grauen Anzüge, dazu ein obligatorisches hellblaues Hemd, dezent gemusterte Krawatte und eine rahmenlose Brille. Er hatte ein rundes Gesicht mit hängenden Backen und einen runden Rücken und machte einen väterlichen, freundlichen Eindruck. Vor ihm lag meine Personalakte. Er hob den Deckel an einer Ecke an, machte ihn dann aber, wie es seine Art war, wieder zu. Ich reichte ihm meine Entlassungspapiere. Er blätterte darin.
»Sicher würden Sie gerne noch ein paar Tage freimachen.«
Nee, eigentlich nicht, dachte ich und schwieg.
»Ich für meinen Teil sehe Sie noch lange nicht wieder im Dienst. Aber die VIM hat schon ihre Arbeit aufgenommen, und man wünscht, dass Sie sich so bald wie möglich dort melden.«
Die VIM, die Verbindungsstelle Internationaler Menschenhandel, gehörte zum BKA, hatte ihren Sitz aber in Stuttgart. Wie sinnvoll das war, sei dahingestellt, vermutlich war die baden-württembergische Hauptstadt einfach wieder mal dran bei der föderalen Verteilung von Staatsinstitutionen. Zudem war die VIM nicht wie ein Amt, sondern wie eine Art PR-Agentur organisiert. Sie sollte Inhalte zusammenfassen und an die unterschiedlichen Dienststellen publizieren, sie anpreisen und regelrecht vermarkten. Auf diese Weise würden Ermittlungsergebnisse von Polizei und Nachrichtendiensten, aber auch Erkenntnisse nicht polizeilicher Stellen und nicht staatlicher Organisationen aus dem Bereich Menschenhandel miteinander verknüpft und zur Geltung gebracht werden.
»Es ist eine Ehre für uns«, betonte Großhans, »einen Beamten für diese BKA-Abteilung zu stellen, außerdem ist es ja eine ruhige Stelle, keine Ermittlungstätigkeit, nur Aktenarbeit. Ich denke, das wird Ihrer weiteren Erholung zuträglich sein.«
»Ja, bestimmt«, pflichtete ich ihm bei und freute mich kein bisschen. »Was ist mit meiner Stelle hier?«
Großhans klärte mich also über meine weitere berufliche Verwendung auf. Zwei oder drei Tage pro Woche, je nach Bedarf, war ich in Stuttgart bei der VIM. Zum einen erschien ich aufgrund meiner Erfahrungen in meinen letzten beiden Fällen als geeignet, zum anderen hatte sich Peter Manakov, ein Unternehmer und Multimillionär aus der Sicherheitsbranche, für mich starkgemacht. Die restliche Zeit sollte ich dem Kommissariat 11 von Friederichsburg unter der Leitung von Nadija Hammerschmitt zur Verfügung stehen.
»Also, wenn Sie dann bei VIM schon tätig sind, können Sie ja hier nicht dienstunfähig sein. Sie werden sich hier im K11 um ein paar alte Fälle kümmern, die wir uns noch mal ansehen müssen.«
Also Akten, Akten, Akten. Na toll.
»Frau Hammerschmitt hat heute frei«, erklärte mir Großhans nicht ohne eine gewisse Erleichterung. Schade, Nadija wäre ein Lichtblick gewesen.
»Für die Fahrt nach Stuttgart sollten Sie sich ein Auto besorgen«, meinte Großhans, der natürlich wusste, dass ich seit Jahren keinen eigenen Wagen besaß, dafür aber zwei seiner Autos ramponiert beziehungsweise zu Schrott gefahren hatte. »Sie können ja nicht immer mit dem Zug von Friederichsburg … Das dauert ja ewig.«
Nach dem Treffen mit Großhans wusste ich wenigstens, was mich erwartete. Bürojob, zwei Stunden Autobahn pro Tag oder ein bis zwei Nächte pro Woche in einem billigen Hotel, also was man in Stuttgart so »billig« nannte. Da freute ich mich doch schon auf meine zwei Zimmer bei Lydia.
Lydia Sokolowski betrieb in einer alten Fabrikantenvilla in der Kranichstraße 8 eine Zimmervermietung, »für junge Damen, die gerne Herrenbesuch empfingen«, wie sie immer sagte, wenn man sie nach ihrer Beschäftigung fragte. Darüber hinaus war sie Terminplanerin, Empfangsdame, Marketingchefin, Köchin, Freundin, Mutter oder Tante, auf jeden Fall die gute Seele, und außerdem auch meine Vermieterin.
Lydia musste die Haustür gehört haben. Sie kam mir aus der Küche entgegen und warf die Arme zur Begrüßung hoch. An ihren Händen hing noch Schaum vom Spülen, den sie in kleinen Flöckchen durch die Luft wirbelte.
»Carl!« Sie drückte mich an ihren nicht unerheblichen Busen, bevor sie mich auf Armeslänge von sich schob, um mich zu inspizieren. »Du siehst gut aus«, befand sie schließlich. »Wie aus der Sommerfrische. Abgenommen hast du auch.« Dann klopfte sie mir auf den Bauch. »Oh.« Sie rollte erwartungsvoll mit den Augen. »Festes Männerfleisch.«
Aber dann fand sie doch, dass ich etwas essen musste, und schob mich mit den Worten »Es ist noch was vom Mittagessen über« vor sich her zur Küche.
In der großen Küche stand ein langer alter Tisch mit acht Stühlen. Wenn alle Damen gleichzeitig da waren, mussten sie noch Stühle dazustellen. Aber das kam nicht so oft vor. Melissa saß in ihrer Schulmädchenverkleidung am Tisch und rauchte. Sie sprang gleich auf und hüpfte mir an den Hals. »Hi, Carl.« Und dann plapperte sie was von schön, dass ich wieder da sei, und wie es mir gehe und dass sie jetzt Kosmetikerin werde und, und, und …
Ein zweites Mädchen trocknete einen Topf ab und stellte ihn in den Schrank, bevor sie zu mir kam und vor mir stehen blieb. Sie sah mich still an.
Ich hatte sie nicht mehr gesehen, seit ich zwei Vergewaltiger von ihr runtergezogen und verprügelt hatte. Obwohl Stina Nereni nicht so zart war wie Melissa, musste ich doch zu ihrem stillen, traurigen Gesicht hinuntersehen wie zu einem Teenie. Warum machten diese Frauen diese Arbeit, die sie verrückt machte oder traurig?
»Wie geht es dir?«, fragte ich.
»Okay«, antwortete sie.
»Ich hätte gedacht, dass du genug hast von dem Job.«
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann schlang sie ihre Arme um mich und presste ihr Gesicht an meine Brust. Ich fühlte ihren Körper unter der Erinnerung beben und hielt sie fest, bis sie sich mit einem Seufzer löste. »Danke«, sagte sie, »du weißt nicht, was es mir bedeutet, dass die Kerle nicht einfach so davongehen konnten.«
Sie weinte, und ihre Worte kommentierten die inneren Bilder, die sie sicher immer wieder bedrängten.
»Mich benutzen und wegwerfen und dann einfach so gehen. Als wäre ich kein Mensch.«
Sie schluchzte, Tränen liefen über ihr Gesicht. »Aber dann kamst du, und dann konnten sie nicht mehr gehen.« Sie lächelte durch die Tränen, dann wandte sie sich ab.
Lydia fing sie auf und nahm sie in die Arme, bis der Anfall vorüberging.
Ich wusste, dass Stina Nereni richtig Ahnung von Autos hatte. Sie hatte schon eine Kraftfahrzeuglehre hinter sich und wollte Rennfahrerin werden. Dazu brauchte sie viel Geld.
Ein großer Traum – ein hoher Preis.
Die erste Nacht im eigenen Bett war herrlich gewesen, ich hatte das Fenster zu dem parkähnlichen Garten offen lassen können und war entsprechend früh von Amseln und Spatzen geweckt worden. Lydias Kaffee war mit dem Spülwasser im Kurheim nicht zu vergleichen und brachte mich schnell auf Betriebstemperatur. Um sieben Uhr dreißig saß ich im Zug über Pforzheim nach Stuttgart und las ein Dossier über VIM, meine neue Teilzeitarbeitsstelle.
Um neun Uhr fünfundvierzig stand ich im Eingangsbereich eines Stuttgarter Hochhauses und studierte eine Tafel mit einem Dutzend Firmenschildern. Und las dann: »VIM Deutschland, zwölfte Etage«. Der Expressaufzug erhöhte die Schwerkraft zunächst deutlich, um sie kurz vor dem Ziel fast aufzuheben. Dieses beeindruckende Gefühl hatte mich die Enge des Fahrstuhls nicht wahrnehmen lassen, bis ich die Erleichterung fühlte, als die Tür aufglitt und ich in einem dunklen Flur vor einen unbesetzten Empfangstresen trat. Ich hörte, wie sich die Aufzugtür wieder schloss. Bis auf zwei grüne Notausgangsschilder war es hier ziemlich dunkel. Nur unter einer in der Wandtäfelung versteckten Tür rechts daneben drang so etwas wie ein Lichtschein. Dahinter lag VIM, die Verbindungsstelle Internationaler Menschenhandel des Bundeskriminalamtes.
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