Aber das hatte dann ja schließlich doch geklappt. Natürlich musste der gute Junge eine gewisse Zurückhaltung üben und erst einmal echt braun gefärbten Schauspielern den Vortritt lassen, wenn sie auch lange nicht so viel konnten wie er. Aber grade an dieser Zurückhaltung hatte er es fehlen lassen; der ahnungslose Knabe hatte so gespielt, dass dies sogar dem Minister Goebbels aufgefallen war. Ja, der Minister hatte sogar einen Narren an dem Harteisen gefressen. Und was es mit solchen Vorlieben des Ministers auf sich hatte, das wusste ja jedes Kind, denn es gab keinen launischeren, unberechenbareren Menschen als den Doktor Joseph Goebbels.
Es kam dann auch alles so, wie es kommen musste. Zuerst hatte es wie eitel Freude und Glanz ausgesehen, denn wenn der Minister jemanden zu verehren geruhte, so machte er keinen Unterschied, ob dies eine Frau oder ein Mann war. Wie bei einer Geliebten hatte Doktor Goebbels jeden Morgen bei dem Schauspieler Harteisen angerufen, er hatte sich nach seinem Schlaf erkundigt, er hatte ihm wie einer Diva Blumen und Konfekt gesandt, und es durfte eigentlich kein Tag vergehen, ohne dass der Minister wenigstens kurze Zeit mit Harteisen zusammen war. Ja, er nahm den Schauspieler sogar nach Nürnberg auf den Parteitag mit, er erklärte ihm den Nationalsozialismus »richtig«, und der Harteisen verstand auch alles, was er verstehen sollte.
Er verstand nur nicht, dass zum richtigen Nationalsozialismus auch gehört, dass ein einfacher Volksgenosse einem Minister nicht widerspricht, denn ein Minister ist schon einfach durch die Tatsache, dass er Minister ist, zehnmal klüger als jeder andere. Bei irgendeiner ganz belanglosen Filmfrage widersprach Harteisen seinem Minister und behauptete gradezu, es sei Quatsch, was der Herr Goebbels da geredet habe. Es soll dahingestellt bleiben, ob die wirklich belanglose und dazu auch noch rein theoretische Filmfrage den Schauspieler in so zornigen Eifer gerissen hatte oder ob ihm die verstiegene Anhimmelei des Ministers einfach über war und ob er darum einen Bruch wünschte. Jedenfalls blieb er, trotz mancher Ermahnung, bei seinem Satz, Quatsch sei es und Quatsch bleibe es, ob Minister oder nicht, ganz egal!
Oh, wie änderte sich da die Welt für Max Harteisen! Keine morgendlichen Erkundigungen mehr nach der Güte seines Schlafes, keine Pralinen, keine Blumen, keine Besuche bei Herrn Doktor Goebbels mehr, auch nichts mehr von Belehrungen über den richtigen Nationalsozialismus! Ach, das wäre alles noch zu ertragen gewesen, ja, vielleicht war es sogar erwünscht, aber plötzlich gab es für den Harteisen auch keine Engagements mehr, schon fest abgeschlossene Filmverträge zerplatzten, Gastspiele zerrannen in nichts, es gab nichts mehr zu tun für den Schauspieler Harteisen.
Da der Harteisen ein Mann war, der seinen Beruf nicht nur des Geldverdienens halber schätzte, sondern da er ein wirklicher Schauspieler war, dessen Leben seine Höhepunkte auf der Bühne, vor der Kamera finden musste, so war er über diese erzwungene Untätigkeit ganz verzweifelt. Er konnte und wollte es nicht glauben, dass der Minister, der anderthalb Jahre lang sein bester Freund gewesen war, nun zu einem so bedenkenlosen, ja gemeinen Feind geworden war, dass er die Macht seiner Stellung dazu benutzte, wegen eines Widerspruchs einem anderen alle Lebensfreude zu nehmen. (Er hatte im Jahre 1940 noch immer nicht begriffen, der gute Harteisen, dass jeder Nazi zu jeder Zeit bereit war, jedem Deutschen, der eine von seiner abweichende Meinung hatte, nicht nur alle Lebensfreude, sondern auch das Leben selbst zu nehmen.)
Aber wie die Zeit dahinging und keinerlei Arbeitsmöglichkeit auftauchte, musste Max Harteisen schließlich daran glauben. Freunde berichteten ihm, dass der Minister auf einer Filmkonferenz erklärt hatte, der Führer wolle diesen Schauspieler nie wieder im Rock eines Offiziers auf der Leinwand sehen. Nicht viel später hieß es schon, der Führer wolle diesen Schauspieler überhaupt nicht mehr sehen, und dann wurde ganz offiziell erklärt, der Schauspieler Harteisen sei »unerwünscht«. Aus, zu Ende, mein Lieber, mit sechsunddreißig Jahren auf die schwarze Liste gesetzt – für ein ganzes Tausendjähriges Reich!
Jetzt hatte der Schauspieler Harteisen wirklich Butter auf dem Kopf. Aber er ließ nicht nach, er bohrte und fragte, er wollte um jeden Preis erfahren, ob diese vernichtenden Urteile wirklich vom Führer ausgingen oder ob sie sich der kleine Mann nur ausgedacht hatte, um einen Feind zu erledigen. Und an diesem Montag war Harteisen nun völlig siegesgewiss zu seinem Anwalt Toll gestürzt und hatte gerufen: »Ich hab’s! Ich hab’s, Erwin! Der Schurke hat gelogen. Der Führer hat den Film, in dem ich den preußischen Offizier spiele, überhaupt nicht gesehen, und er hat nie ein Wort gegen mich geäußert.«
Und er berichtete eifrig, dass diese Nachricht ganz gewiss sei, denn sie stamme von Göring selbst. Eine Freundin seiner Frau habe eine Tante, und deren Cousine sei zu Görings nach Carinhall eingeladen gewesen. Da habe sie den Fall zur Sprache gebracht, und der Göring habe sich, wie berichtet, geäußert.
Der Anwalt sah den Aufgeregten ein wenig spöttisch an. »Nun, Max, und was ist dadurch geändert?«
Der Schauspieler murmelte ganz verdutzt: »Aber der Goebbels hat doch gelogen, Erwin!«
»Und? Hast du je geglaubt, alles, was Hinkebeinchen sagt, sei wahr?«
»Nein, das natürlich nicht. Aber wenn man den Fall vor den Führer bringt … Er hat doch den Namen des Führers missbraucht!«
»Ja, und weil er das getan hat, wird der Führer einen alten Parteigenossen und Propami 1rausschmeißen, bloß weil er dem Harteisen Kummer gemacht hat!«
Der Schauspieler sah den überlegenen, spöttischen Anwalt hilfeflehend an. »Aber es muss doch was geschehen in meiner Sache, Erwin!«, sagte er schließlich. »Ich will doch arbeiten! Und der Goebbels hindert mich zu Unrecht daran!«
»Ja«, sagte der Anwalt. »Ja!« Und schwieg wieder. Als aber Harteisen ihn so erwartungsvoll ansah, fuhr er fort: »Du bist ein Kind, Max, ein richtiges groß gewordenes Kind!«
Der Schauspieler, der stets viel von seiner Weltläufigkeit gehalten hatte, warf unmutig den Kopf zurück.
»Wir sind ja hier unter uns, Max«, fuhr der Anwalt fort, »diese Tür ist gut gepolstert, wir können also offen miteinander sprechen. Du wusstest es doch eigentlich auch, wenigstens ein ganz klein bisschen, wie viel schreiendes, blutiges, herzzerreißendes Unrecht heute in Deutschland geschieht – und kein Hahn kräht danach. Im Gegenteil, sie rühmen sich noch laut ihrer Schande. Aber weil der Schauspieler Harteisen ein ganz kleines Wehwehchen hat, entdeckt er plötzlich, dass Unrecht in der Welt geschieht, und schreit nach Gerechtigkeit. Max!«
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