Nach seinem Berichte
Berichte die Geschichte.
So sucht' ich denn und suchte lang
Bis mir des Buches Fund gelang,
Darin all seine Meldung stand,
Wie es um Tristan war bewandt.
Was ich nun so gefunden
Von diesen Liebeskunden,
Leg ich nach freier Wahl und Kür
Allen edeln Herzen für,
Daß sie durch Zeitvertreib genesen:
Es ist sehr gut für sie zu lesen.
Gut? Ja ohne Zweifel gut:
Es süßt die Liebe, höht den Muth,
Befestigt Treu, verschönt das Leben,
Es kann dem Leben Werth wohl geben;
Denn wo man höret oder liest,
Daß reiner Treu ein Paar genießt,
Das weckt in treuen Mannes Brust
Zu Treu und aller Tugend Lust.
Liebe, Treue, stäter Muth,
Ehr und noch manches hohe Gut
Gehn dem Herzen nie so nah,
Gefallen nie ihm so wie da,
Wo man von Herzensliebe sagt
Und Herzeleid um Liebe klagt.
Lieb ist so reich an Seligkeit,
So selig macht ihr Glück, ihr Leid,
Daß ohne ihre Lehre
Niemand Tugend hat noch Ehre.
So viel die Liebe Gutes frommt,
So manche Tugend von ihr kommt,
Weh, daß doch Alles was da lebt
Nicht nach Herzensliebe strebt;
Daß ich so Wenige noch fand,
Die im Herzen lautern Brand
Um Herzensfreunde wollen tragen
Und einzig um das Bischen Klagen,
Das dabei zu mancher Stund
Verborgen liegt im Herzensgrund!
Wie litte nicht ein edler Sinn
Ein Übel für so viel Gewinn,
Ein Ungemach um so viel Lust?
Wer nie von Liebesleid gewust,
Wust auch von Liebesfreude nie.
Freud und Leid, stäts waren die
Bei Minne nicht zu scheiden.
Man muß mit diesen beiden
Ehr und Lob erwerben,
Oder ohne sie verderben.
Die, welchen ich dieß Buch geweiht,
Hätten Die um Liebe Leid,
Um Herzenswonne sehnlich Klagen
Vereint im Herzen nicht getragen,
So würd ihr Nam und dieß Gedicht
So manchem edeln Herzen nicht
Zu Trost und Freude frommen.
Noch heut wird gern vernommen,
Noch dünkt uns ewig süß und neu
Ihre minnigliche Treu,
Ihr Glück und Leid, ihre Wonn und Noth;
Und sind sie nun auch lange todt,
So lebt ihr süßer Name doch
Und soll ihr Tod den Leuten noch
Zu Gute lang und ewig leben,
Dem Treubegiergen Treue geben,
Den Ehrbegiergen Ehre.
Ihr frühes Sterben währe
Und leb uns Lebenden immer neu;
Denn wo man liest von ihrer Treu
Und ihrer reinen Stätigkeit,
Ihrem Herzensglück, ihrem Herzeleid,
Das ist der edeln Herzen Brot
Hiermit so lebt der Beiden Tod.
Man liest ihr Leben, ihren Tod
Und ist uns das so süß wie Brot.
Ihr Tod, ihr Leben ist uns Brot,
So lebt ihr Leben, lebt ihr Tod.
Sie leben noch, sind sie auch todt,
Und ist ihr Tod uns Lebensbrot.
Und wer nun will, daß man ihm sage
Ihr Leben, Sterben, Glück und Klage,
Der biete Herz und Ohren her,
So wird erfüllt all sein Begehr.
II. Riwalin und Blanscheflur.
Ein Herr, der in Parmenien saß,
Ein Kind an Jahren, wie ich las,
Der war, wie uns der Sage Mund
Giebt von seinem Leben kund,
Köngen gleich wohl an Geschlecht,
An Landen Fürsten wohl gerecht,
An Leibesschönheit ohne Gleich,
Getreu und kühn und mild und reich.
Wem er Freude sollte tragen,
Dem war er in seinen Tagen
Eine freudereiche Sonne.
Er war der Welt Wonne,
Der Schildesamtes Lehre,
Der Nahverwandten Ehre,
Seines Landes Zuversicht.
Ihm gebrach an aller Tugend nicht,
Die Herren haben sollen,
Hätt er nicht immer wollen
In seines Herzens Lusten schweben
Und nur nach Seinem Willen leben,
Was endlich auch sein Schade war;
Denn es ist und bleibt doch wahr,
Aufblühnde Jugend, reiches Gut,
Die zwei sind voller Übermuth.
Vertragen, was doch Mancher kann,
Der mehr besitzt als Er gewann,
Daran gedacht er selten:
Übel mit Übel gelten,
Kraft der Kraft entgegensetzen,
Daran hatt er sein Ergetzen.
Nun thut es nie die Länge gut,
So Einer Alles, was man thut,
Vergilt mit Kaiser Karls Gewicht.
Weiß Gott, es ist dem Manne Pflicht,
Andern Manches nachzusehn,
Soll ihm nicht Schaden oft geschehn.
Wer Schaden nicht vertragen kann,
Dem reiht sich Schad an Schaden an,
Es ist ein unheilvoller Brauch;
Fängt man doch so den Bären auch:
Der rächt den einzelnen Schaden,
Bis er mit Schaden wird beladen.
Das wars, warum es ihm misslang,
Denn er rächte sich so lang
Bis er dabei zu Schaden kam.
Daß er solchen Schaden nahm,
Geschah ihm keiner Bosheit wegen
Wie Andre sich zu schaden pflegen:
Der Schade kam ihm im Geleit
Seiner Unerfahrenheit,
Daß er in blühnder Jugend
Mit junger Herren Tugend
Verscherzte seines Glückes Huld;
Sein kindscher Leichtsinn trug die Schuld,
Der seine üppgen Ranken
Ihm trieb in den Gedanken.
Er war wie alle Kinder sind,
Denn für die Folgen sind sie blind.
Ihm stiegen Sorgen nie zu Sinn,
Er lebt' und lebte nur so hin:
Da seines Lebens Quelle sprang,
Sich wie der Morgenstern erschwang
Und lachend auf die Erde sah,
Da wähnt' er, was doch nicht geschah,
Daß er so immer sollte leben
Und in des Lebens Süße schweben.
Nein, seines Lebens Anbeginn
Schwand nach kurzem Leben hin;
Die junge Morgensonne
Seiner Weltwonne,
Da die zu leuchten kaum begann,
Da brach sein jäher Abend an,
Der erst ihm war verborgen,
Und löscht' ihm seinen Morgen.
Wie er benannt gewesen
Giebt uns das Buch zu lesen:
Die Sage sagt uns über ihn,
Mit Namen hieß er Riwalin,
Daneben noch Kanelengres.
Viele melden uns indess,
Daß er von Lohneis wär gewesen
Und zum König erlesen
Über Lohneis das Land.
Doch macht uns Thomas ja bekannt,
Der es in den Mären las,
Daß er zu Parmenie saß
Und zu Lehen trug sein Land
Von eines Britenfürsten Hand,
Dem er zu Dienst war unterthan:
Derselbe hieß li duc Morgan.
Da nun der edle Riwalin,
Seit Rittersstand ihm war verliehn,
Drei Jahr in Ehren zugebracht,
Und sich zu eigen längst gemacht
Alle Kunst der Ritterschaft,
Zu Kriegen volle Macht und Kraft –
Er hatte Leute, Land und Gut –
Ob ihn da Noth, ob Übermuth
Dazu vermochte, weiß ich nicht;
Doch griff er, wie die Sage spricht,
Morgan, seinen Lehnsherrn, an
Als einen schuldigen Mann.
Er kam geritten in sein Land
Mit so kraftvoller Hand,
Daß bald viel Burgen waren
Gefällt von seinen Scharen.
Die Städte musten sich ergeben,
Ihr Gut ihm lösen und ihr Leben,
So übel ihnen das gefiel,
Bis er an Gold und Gut so viel
In Feindeslanden aufgebracht,
Daß er seine Kriegesmacht
Gar sehr damit vermehrte,
Und wohin sein Heer sich kehrte
Mit Städten oder festen Plätzen
Verfuhr nach seinem Ergetzen.
Auch nahm er oftmals Schaden dran,
Er entgalts mit manchem biedern Mann,
Denn Morgan stellte sich zur Wehr:
Er bestand ihn oft mit seinem Heer
Und brach ihm ab von seiner Kraft.
Denn zu Kriegen und zu Ritterschaft
Gehört Verlust und Gewinn,
Hiemit so gehn die Kriege hin:
Verlieren und Gewinnen,
Sie schweben mitten innen.
Morgan vergalt ihm Alles wieder,
Er warf ihm Städt und Burgen nieder:
Seine Habe, seine Leute
Entführt' er oft als Beute
Und that ihm Abbruch wo es gieng;
Obwohl auch das nicht viel verfieng,
Читать дальше