Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Was soll das? Vergesst es, ich kann nicht kochen“, rief sie und stöhnte, als sie ein Bein fest zu sich zog.
„Du hast Agnes immer beim Kochen zugesehen“, sagte Dave.
„Hab’ ich nicht. Ich kann nur den Tisch decken.“ Lisa setzte sich auf und angelte nach der Kochschürze. Sorgfältig faltete sie sie zusammen und strich einmal darüber. Das waren bestimmt Roys und Kevins bunte Hände. Wie alt sie da wohl gewesen waren? Dann hörte sie ihren Namen und blickte hoch. Sie verkniff sich ein Lachen. Beide Brüder schauten sie mit demselben Gesichtsausdruck an. Als sie sich von der Bank erhob, legte sie die Hände ins Kreuz; vielleicht hatte sie es mit dem Dehnen übertrieben. Die Füße zog sie schwer hinter sich her. Schmerzvoll verzog sie das Gesicht, als sie mit den Fingern die kritische Stelle im Kreuz fand.
„War wohl ziemlich anstrengend“, sagte Tom und grinste schief.
„Du hast mich auch wie einen Sklaven schuften lassen. Die Holzlatten waren schwer.“
„Welche Holzlatten?“, fragte Tom.
„Die ich schleppen musste.“ Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Du meinst die paar Pfähle, die du zum Auto getragen hast?“
Sie presste den Mund zusammen und stellte sich zu Dave. Maude hatte recht – ihr Bruder Tom konnte ein richtiges Ekel sein. Mit ihm wollte sie nie mehr sprechen, ihn nicht einmal mehr ansehen.
Dave streckte vor lauter Konzentration die Zungenspitze heraus. Mit einem langen, scharfen Messer viertelte er auf einem fleckigen Schneidebrett die Kartoffeln. Lisa wollte schon etwas sagen wegen des zu großen Messers, als Dave einen Fluch ausstieß und sie zur Seite schob. Blut tropfte auf die Schälabfälle im Spülbecken.
„Leute, ich bin raus“, sagte er und hielt seinen verletzten Zeigefinger unter das fließende Wasser. „Einer von euch muss übernehmen.“ Er hob die Hand in die Luft. Blut rann am Zeigefinger entlang, über die Handfläche hinunter bis zur Armbeuge.
„Das hast du doch mit Absicht gemacht.“ Tom nahm die Schürze vom Tisch und band sie Lisa um die Taille. Sie ließ es geschehen, starrte wie hypnotisiert auf die rote Spur und hätte beinahe den hellen Streifen Haut am Ringfinger übersehen.
„Ist was?“, fragte Dave, als er ihren Blick bemerkte.
„Du blutest“, sagte sie mit zittriger Stimme und zwang sich, nicht die ganze Zeit auf die blanke Stelle an seinem Finger zu starren.
„Was du nicht sagst“, brummte Dave und verließ die Küche. Sie hörte, wie er die Treppe hochstampfte.
„Was ist mit Dave und Agnes los?“ Sie hatte bereits vergessen, dass sie nie mehr mit Tom sprechen wollte.
„Nichts, warum?“ Er sah sie lange an.
„Ach, nur so“, murmelte sie und schaute zur Spüle. Daves Ehering war nicht dort. Sie suchte die ganze Arbeitsfläche ab. Auch auf dem Fenstersims lag er nicht. Wenn nicht zum Kochen, warum hätte er sonst den Ring abgenommen? War Dave dahintergekommen, dass zwischen Agnes und BigWam etwas lief? Sie schlurfte zur Bank und setzte sich hin. Was genau hatte sie in jener Nacht erfahren? Sie hatte so viel Angst gehabt, erwischt zu werden, dass sie dem Wortlaut nicht genau hatte folgen können. Sie kratzte einen eingetrockneten Fleck auf der Schürze weg.
„Was machst du da? Du musst weiterhelfen“, unterbrach Tom mit lauter Stimme ihren Gedankengang.
„Ich brauche eine Pause.“ Um zu zeigen, wie erledigt sie war, legte sie den Kopf auf ihre Arme und seufzte tief.
„Ach komm, das war nicht viel Blut“, sagte Tom.
„Und du?“ Sie blickte hoch und schaute ihn an. „Du lebst doch allein. Warum kochst du nicht für uns?“
„Ich? Ich koche nicht.“ Er machte eine Pause. „Ich lass’ mir meistens etwas ins Haus liefern oder schieb mir ’ne Pizza in den Ofen.“ Er schaute auf die großen dunklen Hände auf der Schürze. Sie lagen direkt auf ihren Brüsten.
„Au ja! Hamburger und Pommes!“, rief Kevin und klatschte vor Freude in die Hände.
Lisa zuckte zusammen. Woher war der denn jetzt gekommen? Die Kamera steckte in einer Hülle und hing ihm um den Hals.
„Gute Idee. Warum nicht.“ Tom klopfte seinem Neffen auf die Schulter.
„Kommt nicht infrage!“
Diesmal war es nicht allein Lisa, die zusammenzuckte. Agnes stand mit eng umschlungenen Armen in der Tür. Ihre Augen waren eingefallen. Das sonst so lockige Haar hing ihr kraftlos ins Gesicht.
„Solange wir frisches Gemüse aus dem Garten haben, essen wir zu Hause.“ Agnes trat ans Spülbecken und blickte auf die Abfälle; ohne etwas zu sagen, schaute sie jeden in der Küche an.
„Du bist so gemein.“ Kevin zitterte am ganzen Körper. Er rempelte seine Mutter an. „Schlampe“, flüsterte er – laut genug, dass es alle in der Küche hörten. Schnell rannte er aus dem Haus. Die Haustür fiel mit voller Wucht ins Schloss. Die Vibration war bis unters Dach zu spüren.
„Verdammt noch mal, was ist hier los?“ Dave trat in die Küche. Er hatte seinen Zeigefinger verarztet und hielt ihn in die Luft. Als er Agnes sah, wurden seine Augen eng.
Agnes legte ihm die Hand auf den Arm. „Hast du dich verletzt?“
Er schob ihre Hand weg, ging wortlos zur Spüle und räumte die Gemüseabfälle mit einer Hand in den Komposteimer.
Agnes kehrte sich um und verschwand. Die Schlafzimmertür knallte. Lisa hielt den Atem an. Dave verschwand mit dem Abfalleimer durch die Küchentür und gab ihr von außen einen kräftigen Tritt. Nach diesem dritten Türknallen hatte Lisa das Gefühl, das ganze Haus hinge schief. Sie suchte Toms Blick. Die einzige Antwort, die sie erhielt, war ein ahnungsloses Schulterzucken.
„Agnes ist heute wirklich schräg drauf“, sagte Tom.
„Sie hat noch nichts von BigWam gehört“, erklärte Dave, der gerade wieder hereinkam. Eine Kartoffelschale klebte an seinem Ärmel.
„Ich versteh’ die Aufregung nicht, BigWam war auch schon mal länger fort.“
Dave knallte den leeren Eimer auf die Küchenablage. „Bisher hat er uns aber informiert, wenn er länger wegblieb, und er antwortete auch auf SMS.“
„Warum bist du so wütend?“
„Ich bin nicht wütend!“, schrie Dave.
„Verdammt nochmal! Reiß dich zusammen!“
„Reiß dich zusammen? Wer bist du? Mein Vater?“ Daves Schultern wurden steinhart.
Die Brüder standen einander mit geballten Fäusten und gereckten Köpfen gegenüber.
„Hört auf der Stelle auf!“ Lisa hielt mit beiden Händen ihre heißen Wangen. „Ich will nicht, dass Agnes heute nochmal in der Tür steht. Habt ihr nicht gesehen, wie sie aussieht? Ich glaub’, es geht ihr wirklich schlecht.“ Dabei ging es ihr nicht um Agnes. Sie hatte Angst, die beiden Brüder würden sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.
Dave verließ mit raschen Schritten die Küche durch die Tür, durch die er eben zurückgekommen war, und ließ sie offen stehen.
Von draußen vernahm Lisa etwas, das nur sie hören konnte: Die Blumen riefen leise nach ihr. Sie zog die Bändel der Schürze auf und blickte hinaus. Was war los mit ihnen? Lisa hatte den Eindruck, dass die Blätter welk aussahen. Hatte sie ihnen zu wenig Wasser gegeben? Sie musste nachsehen. Sie warf die Schürze über den Stuhl. Schon beim Gedanken an den Garten ließen die Rückenschmerzen nach.
„Wo willst du hin?“
Sie blieb bei der Tür stehen und drehte sich um. Toms Blick war auf sie gerichtet. Sie sah das Braun in seinen Augen – und sah es auch noch, als sie ihre Lider schloss. Langsam hob sie die Hand und zeigte nach draußen. Als sie die Augen öffnete, stand er direkt vor ihr.
„Nichts da“, sagte er nah an ihrem Gesicht. „Jetzt wird gekocht.“ Er zog die Tür hinter ihr zu.
Sie schaute durch die Fenster zu den Blumen.
„Was hast du?“ Er sprach nah an ihrem Ohr.
Dein Bruder trägt den Ehering nicht mehr, hätte sie gerne gesagt. „Es ist komisch, wenn ich jetzt an Agnes’ Stelle kochen soll“, antwortete sie stattdessen.
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