Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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Die Lampe im engen Flur brannte grell. Lisa blieb stehen und blinzelte.
„Endlich“, brummte Tom. „Hat dich der Köter auch geweckt?“
Sie nickte. Er trug nichts außer Boxershorts, die tief auf seinen Hüften saßen. Die Hände hinter ihrem Rücken kneteten nervös den Saum des Nachthemds. „Ich konnte nicht gut schlafen. Es ist so heiß in meinem Zimmer“, sagte sie mit belegter Stimme und schlich, den Rücken an die Wand gepresst, an ihm vorbei.
„Was hast du?“ Er trat ihr in den Weg und stützte seine Hände links und rechts neben ihrem Kopf ab. Sie spürte seine Wärme. Er roch nach Schlaf und getrocknetem Heu. Seine Armmuskeln spannten sich an.
„Nichts“, sagte sie. Zu mehr war sie in dieser Lage nicht fähig.
Er lachte leise. Sein sinnlicher Mund näherte sich ihren Lippen. Sie schluckte und schloss die Augen. Hinter ihr war die Wand. Sie konnte ihm nicht entkommen. Ihr wurde schwindelig, und beinahe hätte sie sich an ihm festhalten müssen. Sie wollte nicht entkommen und hob den Kopf. In dem Moment stieß er sich ab. Ihr Kuss blieb verloren in der Luft hängen. Mit verschränkten Armen lehnte er an der gegenüberliegenden Wand und grinste sie an.
„Du riechst so eigenartig“, sagte er.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu und strich die feuchten Handflächen über ihre Hüften, bevor sie sie ihm unter seine Nase hielt. „Das ist Seife. Ist wohl ein fremder Geruch für dich.“
„Tja“, sagte er und verschwand im Bad. Die Tür fiel leise ins Schloss.
Da war noch nie etwas zwischen ihnen gewesen, und trotzdem kam sie sich wie eine verlassene Frau vor. Sie ging in ihr Zimmer, zog sich aus und warf das Nachthemd achtlos auf den Boden. Nackt lehnte sie sich an das kühle Holz der Tür. Vergiss ihn, vergiss die ganze Sache. Du lebst wieder. Die Gefühle sind zurück. Im Dunkeln tastete sich Lisa zur Kommode und zog aus der obersten Schublade das erstbeste T-Shirt und einen Slip heraus. Sie kroch ins Bett. Unter der Tür drang das Licht vom Flur in ihr Zimmer. Sie hörte leise Schritte und sah, wie sich ein Schatten vor das Licht schob. Tom, dachte sie, und ihr Herz begann zu flattern. Sie wollte aus ihrem Bett springen und ihm die Tür öffnen. Sie zögerte zu lange. Der Schatten glitt vorbei. Sie drückte ihr Gesicht fest ins Kissen, als könnte sie verhindern, dass Tränen ihre Augen füllten. Es war lange her, dass sie sich zuletzt so gefühlt hatte. Dabei hatte sie sich doch vorgenommen, nichts für ihn zu empfinden.
12
Als am nächsten Morgen der Wecker losging, war es der Gedanke an Tom, der sie aus dem Bett holte. Wie enttäuscht sie war, dass nur noch das benutzte Geschirr an seinem Platz stand.
„Bin ich zu spät dran?“, fragte sie und schaute auf ihre Uhr. Sie hatte ihn wohl nur um Minuten verpasst.
„Was meinst du? Nimmst du auch von den Pancakes?“ Agnes stand am Herd und wirkte taufrisch.
Bis Lisa eingeschlafen war, war Agnes noch nicht heimgekehrt gewesen, das hätte sie gehört. Sie starrte in die leere Tasse und wartete auf den Koffeinkick. Ihr Kopf saß schwer auf den Schultern, ihre Augen waren trocken und brannten, und die Bank fühlte sich an diesem Morgen ungewöhnlich hart an. Sie gähnte ausgiebig. Roy plapperte vor sich hin, erzählte irgendwas von einem Ungeheuer, das ihn fressen wollte.
„Du Baby!“, lachte Kevin. „Bist zu Mama und Papa ins Bett gekrochen.“
Roy bekam einen roten Kopf. „Das stimmt gar nicht. Ich bin in meinem Bett geblieben. Mom, sag ihm, dass ich nicht zu dir gekommen bin!“
Kevin verzog sein Gesicht, zeigte ihm den kleinen Finger und rieb daran. Weichei, formten seine Lippen lautlos. Roys Augen füllten sich mit Tränen. Er zeigte seinem Bruder beide Stinkefinger, und als Kevin weiterlachte, warf er den dick mit Butter bestrichenen Toast nach ihm. Eine Ecke traf Kevin an der Stirn, dann fiel der Toast mit der Butterseite voran erst auf seine Shorts und dann auf den Boden. Geschrei. Lisa hielt sich die Ohren zu.
„Hört sofort auf! Alle beide!“ Agnes drehte sich um und funkelte die Kinder böse an. Der Kochlöffel zeigte zuerst auf Roy und dann auf Kevin. Die Kinder klappten ihre Münder zu und starrten ihre Mutter an. „Verstanden?“ Der Löffel zeigte weiter auf die Kinder. Beide nickten heftig. Agnes schaute sie einige Sekunden länger an, und als die Kinder sich nicht bewegten, nur mit gestreckten Rücken auf den Kochlöffel starrten, kehrte sie ihnen den Rücken zu, schaltete das Kochfeld herunter und wendete die Pancakes. „Roy, du machst das sauber“, sagte sie.
„Warum ich?“, schrie Roy.
Die Knaben tauschten hasserfüllte Blicke aus. Kevin kickte Roy ans Schienbein; dieser schrie laut auf, strampelte mit den Beinen und trat gegen das Tischbein. Die Milch in den Tassen schwappte über.
„Ich bin kein Baby mehr!“ Roy zitterte am ganzen Körper.
Lisa hielt sich die Ohren zu und stöhnte. Es sind deine Kinder, sag doch was, flehte sie Agnes im Stillen an. Diese stand vor der Kaffeemaschine und rührte sich nicht. Es war, als wäre sie gar nicht da.
„Hört endlich auf!“, rief Lisa ungewöhnlich laut. Sie rieb sich das Brustbein. Seit sie am Morgen aufgewacht war, tat es weh, und sie wusste nicht, warum.
Kevin und Roy blickten sie mit runden Augen an.
„Bin stundenlang wachgelegen“, murmelte sie als Entschuldigung und drückte auf ihre trockenen Augen, bis sie tränten. Sie wusste nicht, wann sie eingeschlafen war. Irgendwann. Agnes war da ganz bestimmt noch nicht nach Hause gekommen. Wie konnte sie nur so ausgeruht aussehen?
Agnes schob Lisa einen Teller mit Pancakes hin. „Bitte alles aufessen.“ Agnes gab sich wirklich Mühe, Lisa gegenüber nett und zuvorkommend zu sein. Jeden Morgen bereitete sie das Frühstück für sie zu.
„Hach, die duften herrlich! Danke. Das ist sehr lieb von dir.“ Lisa schob sich einen großen Bissen in den Mund. Sie registrierte Agnes’ zufriedenen Gesichtsausdruck. Ihr wurde bewusst, wie viel diese Frau für die anderen und auch für sie jeden Tag erledigte. Kevin hatte sein Frühstück bereits verputzt und war gerade dabei, die Küche zu verlassen. Roy rutschte von der Bank, und bevor auch er verschwinden konnte, hielt Lisa ihn am Hemdzipfel zurück. Er hatte seine Flocken nicht angerührt. „Komm, setz dich und iss auf.“
„Ist das dein Nachthemd auf der Leine?“, fragte Agnes, bevor Lisa Roy zum Essen bewegen und ihn über das Ungeheuer in seinem Traum ausfragen konnte. Agnes bückte sich und hob mit einem Seufzer den Toast auf. „Das wäre deine Aufgabe gewesen“, sagte sie und schaute Roy an. Für einen Augenblick wirkte sie erschöpft.
Vor dem Frühstück hatte Lisa mit viel Seife den Fleck ausgewaschen und das Nachthemd draußen über die Wäscheleine gehängt.
Agnes stand plötzlich am Tisch direkt vor ihr und schaute sie an. „Warum hängt dein Nachthemd auf der Leine?“ Es war, als wüsste Agnes, wo sie in der vergangenen Nacht gewesen war.
Lisa schluckte laut. „Ich habe letzte Nacht stark geschwitzt.“ Das war nicht einmal gelogen.
„Unter dem Dach ist es im Sommer besonders heiß. Ich kann dir einen Ventilator ins Zimmer stellen.“
„Das wäre sehr nett.“ Lisa tröpfelte sich Ahornsirup über die Pancakes. Eigentlich mochte sie die Vorstellung nicht, dass Agnes ihr Zimmer betrat. Aber deswegen auf den Ventilator zu verzichten, kam nicht infrage. Gedankenverloren schraubte sie die Flasche zu und stellte sie neben ihren Teller. Roy störte sie. Mit ausgestrecktem Arm versuchte er, an den Ahornsirup zu kommen. Sein Oberteil hing in ihren Pancakes und saugte sich voll. Sie schob ihn weg und gab ihm die Flasche. Er drehte die Verschlusskappe in die falsche Richtung. Normalerweise hätte sie ihm geholfen. Rasch bemerkte er seinen Fehler und schraubte den Deckel ab. Er goss sich beinahe den ganzen Inhalt über seine Flocken.
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