Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Du bist wieder da“, sagte er.
Sie öffnete die Augen und blinzelte. Das Blut floss wieder durch ihre Adern. In den Zehen begann es zu kribbeln. „Was war das?“
„Was war denn?“
„Ich bin geschwebt und dann gefallen.“
BigWam lächelte. „Für den Anfang ist das genug.“
„Was war mit deinen Augen?“
Er formte sie zu schmalen Schlitzen, als wollte er das Geheimnis verbergen, das in ihnen steckte.
„Ist meine Aura jetzt geschlossen?“ Mit der Zunge fuhr sie in der Mundhöhle herum, rieb die Lippen aufeinander; es war, als hätte sie Ameisen im Mund.
„Nein, noch nicht ganz“, sagte er.
„Wirst du sie mir ganz schließen?“
Er nickte und schwieg, schaute sie mit seinen dunklen Augen an.
„Wann?“
„Bald.“ Er lachte hell und kramte in der Kühltasche nach einem Bier.
„Die war doch vorhin noch nicht da.“
„Was?“ BigWam blickte sie verständnislos an.
„Die war vorhin nicht da“, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf die Kühltasche.
„Doch, natürlich.“ Er lachte erneut und öffnete ihr ein Bier.
„Danke.“ Sie prostete ihm zu und nahm einen großen Schluck. Würde sie sich an dieses glockenhelle Lachen je gewöhnen können? Sie klemmte die Dose zwischen ihre Füße. Ihr Blick blieb bei der Kühltasche hängen. Sie war sich sicher: Da war vorher keine gewesen.
Lisa richtete sich auf und schüttelte ihr Kopfkissen. Bald würde BigWam ihre Aura ganz schließen. Das hörte sich gut an. Mit einem langen, zufriedenen Seufzer streckte sie sich auf dem Bett aus.
Dr. Bird wusste haargenau, was wo im Gehirn abgespeichert war und dass die Amygdala, zwei kleine Kerne mitten im Kopf, für Emotionen und das Erkennen von Gefahren verantwortlich war. Dabei hatte der Psychiater die farbige Zeichnung auf seinem Pult zu ihr hingedreht und mit dem Kugelschreiber auf die zwei roten Punkte geklopft.
Sie drehte sich auf den Bauch und vergrub ihr Gesicht im Kissen. Was sie an diesem Abend mit BigWam erlebt hatte, berührte sie tief. Sie fragte sich, ob das die Freiheit war, und wusste es nicht. Sie wälzte sich auf den Rücken. Was hat mich früher glücklich gemacht? Sie atmete langsam ein und hielt den Atem an. Nichts. Sie war dreiundzwanzig, da sollte doch etwas da sein. Eine Erinnerung schwappte hoch: Sie, Lisa, kurz vor ihrem sechsten Geburtstag. Sie hatte Elinor nicht einladen dürfen.
„Elinor ist zu dick. Willst du wirklich, dass sie als Einzige kein Prinzessinnenkleid trägt?“, fragte ihre Mutter und presste die Lippen zu einem schmalen Schlitz zusammen. Die Nasenspitze wurde dabei weiß. Lisa hörte diesen leisen Pfeifton, der manchmal Danas Atem begleitete und sie beinahe an den Rand des Wahnsinns trieb. Sie wagte nicht, sich die Ohren zuzuhalten. Sie hob das Kinn und schaute ihre Mutter an, die mit ihren eisblauen Augen jede Regung im Gesicht der Tochter beobachtete. Lisa hatte Elinor damals einladen wollen, weil diese versprochen hatte, ihr eine Kinderbibel zu schenken. Das konnte sie aber nicht sagen. Wenn sie schon nicht in die Sonntagsschule gehen durfte, sollte sie bestimmt auch keine Bibel mit den schönen Bildern geschenkt bekommen.
Lisa rieb sich die geschlossenen Lider. Sie erinnerte sich, wie sie den Blick ihrer Mutter nicht mehr ausgehalten hatte, wie sie trotzdem weiter in dieses steinharte Gesicht geblickt und dabei so echt gelächelt hatte, dass ihre Mutter die Angst nicht entdecken konnte. Denn Dana konnte Angst bei ihr nicht ausstehen. Da wurde sie richtig wütend.
„Ich will dir nicht vorschreiben, wen du einladen sollst, es sind deine Freunde. Du könntest Ava einladen. Was meinst du?“, sagte ihre Mutter und lächelte liebevoll.
Dankbar für die Wärme in der Stimme, hätte Lisa bei jedem ihrer Vorschläge genickt.
Sie stöhnte und drehte sich zur Seite. Sie hatte immer als liebes und verständnisvolles Kind gegolten, aber in Wahrheit hasste sie ihre Mutter in solchen Momenten. Die Kleider aus rosa Rohseide und weißem Tüll kamen nur an ihrem Geburtstag zum Einsatz. Dana hatte für sie beide haargenau dasselbe Kleid genäht, eines in Klein und eines in Groß. Für die eingeladenen Kinder waren die Kleider etwas schlichter ausgefallen. Beim Kuchenessen hatte ihre Mutter jedes Kind angewiesen, die weißen Stoffservietten am Halsausschnitt ordentlich hineinzustopfen. Dann war sie reihum gegangen, um bei allen die losen Ecken hinten am Rücken mit einer goldenen Wäscheklammer zu befestigen.
Lisa suchte mit den Zehen die ganze Matratze ab. Nicht ein Zentimeter war noch kühl. Sie schlug die Bettdecke zurück; die Hitze blieb. Im Dunkeln tappte sie zum offenen Fenster, stellte sich davor und hoffte, etwas Luft würde ihr entgegenwehen. Sie zupfte an ihrem dünnen, ärmellosen Nachthemd. Das Haar klebte am Hals und im Nacken. Sie lockerte es und flocht mit geschlossenen Augen einen Zopf. Es roch nach frisch geschnittenem Gras. Sie hörte Blätter rascheln, stützte sich auf der Fensterbank ab und öffnete den Fensterladen. Der schwarze Abgrund der Nacht blickte ihr entgegen. Über ihr dehnte sich weit der dunkle Himmel. Nicht ein Stern war zu sehen; die Wolken waren zu dicht. Noch immer zirpten die Grillen. Mitternacht musste längst vorüber sein.
Plötzlich fiel ein Lichtstreifen unter ihrem Fenster auf den Platz. Eine schlanke Gestalt huschte durch den Spalt ins Freie und ließ die Tür leise ins Schloss zurückfallen. Lisa rückte ein Stück vom Fenster weg. Ihr Herz klopfte wild, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Von unten ertönte ein leises ‚Pling‘. Vorsichtig schob Lisa den Kopf zum Fenster hinaus. Die Person unter ihr zog ein Handy aus der Handtasche. Im schwachen Licht des Displays erkannte sie Agnes. Sie hatte das Haar hochgesteckt und trug ein helles Sommerkleid mit großen dunklen Tupfen. Der Rock war weit geschnitten, und ein brauner oder schwarzer Gürtel betonte ihre schlanke Taille. So hatte sie Agnes noch nie gesehen. Lisa hob die Hand – doch etwas ließ sie innehalten. Agnes blickte sich verstohlen um, tippte mit dem Daumen eine Nachricht in ihr Telefon und ging anschließend mit schnellen Schritten über den Platz. Das schwache Licht des Handys leuchtete ihr den Weg. Sie verschwand hinter dem Stall. Was tat sie in dieser Aufmachung mitten in der Nacht?
Eine Stimme drängte sie zurück ins Bett: Das geht dich nichts an! Lisa hörte nicht hin, schlüpfte rasch in ihre Turnschuhe. Im knappen Nachthemd schlich sie die Treppe hinunter und blieb mit angehaltenem Atem vor der Haustür stehen. Nochmals die warnende Stimme, klar und deutlich: Was machst du da? Kehr um! Lisas Hand an der Türklinke zitterte. Sie wusste nicht, warum sie nicht einfach nach oben ins sichere Bett zurückging. Vielleicht waren es die neu gestochenen Symbole auf ihrem Rücken, die sie so handeln ließen; sie hingen mit zartgliedrigen Kettchen am Traumfänger-Tattoo.
Lisa öffnete die Tür und schlüpfte ins Freie. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, löste sie sich von der Hauswand und schlich über den Platz. Ein Auto fuhr langsam den Weg herauf. Der Kies knirschte unter den Rädern. Bevor das Scheinwerferlicht den Hof erfasste, rannte sie los und flüchtete in den Stall.
Er war leer; Lisa rümpfte die Nase. Tom hätte den Stall mit etwas Schärferem als nur mit Wasser putzen sollen. Sie kauerte sich unter das offene Fenster und sog die frische Luft ein. Licht glitt durch den Stall. Sie konnte für Sekunden die gegenüberliegende Wand sehen. Dann saß sie im Stockdunkeln. Warum hatte Rufus nicht gebellt? Sie verfluchte sich, so kopflos gehandelt zu haben. Die Wolken rissen auf, und der fahle Schein des Halbmondes tauchte Hof und Stall in ein unterweltartiges Zwielicht. Sie hörte, wie eine Autotür leise geschlossen wurde. Kurz darauf vernahm sie schwere Schritte.
„Wo bist du?“, hörte Lisa einen Mann flüstern.
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