Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Ich verspreche es.“
„Nein, du musst es schwören.“
„Lisa, übertreib nicht.“
Lisa begann ihre Erzählung mit dem Brief, den sie Tom unter der Tür durchgeschoben hatte, und schloss sie mit dem Hühnerfüttern ab.
„Er hat sich geweigert und dir stattdessen Aufgaben gestellt?“ Maude schnaubte ungläubig.
„Ja, und seither treffe ich mich regelmäßig mit BigWam. Er ist ein guter Zuhörer und ein Vielfraß.“ Lisa stellte ihre Füße neben Maudes auf den Baumstamm. „Warum hast du ihn bei deinen Schilderungen nie erwähnt?“
„Er kam erst später. Da war ich schon in Boston. Sag mal, das ist kein Witz, du bringst ihm immer was zu essen mit?“
„Das ist der Preis für den Eintritt in seinen spirituellen Raum“, sagte Lisa und war froh, dass sie nicht mehr über Tom sprachen.
„Raum? Welchen Raum?“
„Na, den hier.“
„Wie, hier?“
„Geistig halt.“ Lisa legte ihre verschränkten Arme unter den Kopf. „Es fühlt sich an, als wäre BigWam noch hier. Findest du nicht auch?“
„Weißt du, du hast dich sehr verändert. So kenne ich dich gar nicht.“
„Ja, ich bin nicht mehr die, die ich war. Ich wollte die alte Lisa werden, wollte, dass es wieder wie vor dem Unfall wird.“
„Nur die Sterne stehen immer am selben Ort“, sagte Maude versonnen.
Lisa betrachtete den wolkenlosen Nachthimmel. Die Glut knackte. Die Grillen zirpten nach wie vor. „BigWam behauptet, alles würde sich verändern. Auch die Sterne“, sagte Lisa nach einer Weile.
„Die Sterne nicht“, lachte Maude.
„Doch die auch. Die sterben irgendwann.“
„Das dauert aber noch ein Momentchen.“
Sie blickten beide zu den Sternen. Kein Stern war gleich groß wie der andere, manche sogar kleiner als Sandkörner. Alles verlor sich in der Unendlichkeit, und nur, was wirklich wichtig war, blieb übrig. Sie gaben einander die Hand. Das Lagerfeuer wurde schwächer; sie ließen es verlöschen. Irgendwo im Haus ging ein Licht an.
„Magst du die neue Lisa?“ Es klang, als würde ihre Stimme von den Sternen herkommen.
„Ja, ich mag sie sehr“, brummte Maude. „Übrigens, hast du sie schon mal lachen gehört? Das Lachen einer Irren, aber echt ansteckend.“
In Gedanken dankte Lisa BigWam. Er hatte recht gehabt: Maude war wohl wirklich die wichtigste Person in ihrem Leben. „Maude, ich werde mit deinem Bruder schlafen, das kannst du nicht verhindern“, flüsterte sie.
„Ach, mach was du willst. Aber komm dann nicht zu mir und heul rum.“
„Doch, ganz genau das werde ich tun. Du darfst dann auch sagen, du hättest mich gewarnt.“ Lisa suchte den hellsten Stern am Himmel und konnte ihn einfach nicht finden. „Du hast mir deinen Verlobungsring noch gar nicht gezeigt. Musst du dich schämen, weil er so billig ist?“
11
Das Wochenende war viel zu schnell vorbeigegangen, und auch die Tage danach verflogen im Nu. Sollte Lisa wieder nach Boston ziehen? Sie seufzte leise. Es hatte ihr dort zu viele Menschen. Zudem wäre es nicht mehr dasselbe. Maude würde bald eine verheiratete Frau sein und wohl kaum mit ihr zusammenwohnen wollen.
Agnes war das ganze Wochenende über freundlich zu Maude gewesen, hatte sie sogar mehrmals umarmt und beim Abschied Tränen in den Augen gehabt. Vielleicht tat Lisa ihr unrecht und Agnes war gar nicht so garstig – dann könnte sie länger auf der Farm bleiben. Das nächste Mal wollte sie BigWam fragen, was er von Agnes hielt.
Lisa lag im Bett und presste ihre Handgelenke an die Wangen. Die Narben waren weich geworden, nicht mehr so geschwollen. Ihr Herz schlug kräftig, ihr Kopf war leicht. Sie drehte sich zum offenen Fenster. Die Füße suchten eine kühlere Stelle auf der Matratze. Die Grillen zirpten, Katzen zankten sich, ein Nachtvogel schrie hell und lang, ein Auto fuhr unten auf der Hauptstraße vorbei und hupte. Sie atmete zufrieden aus.
Als sie an diesem Abend auf BigWam zuging, bekam sie mit, wie er ein Bündel getrocknete Kräuter ins Feuer legte und etwas dazu murmelte. Erst dachte sie, er hätte mit ihr gesprochen, und machte ein paar weitere Schritte auf ihn zu. Doch dann sah Lisa, dass BigWams Augen geschlossen waren, und blieb stehen. Flammen schossen hoch in den Himmel. Es roch nach Räucherstäbchen.
„Warum so schüchtern? Setz dich an deinen Platz“, begrüßte er sie.
„Ich will nicht stören“, sagte sie, und blieb, wo sie war.
Er hatte die Baumstämme verschoben und winkte sie mit seiner großen Hand zu sich. Sie setzte sich ihm gegenüber hin und schaute ihn erwartungsvoll an. Plötzlich klebte ihr hinten im Hals ein bitterer Geschmack. Sie blickte sich um. Nirgends war die Kühltasche zu sehen. Dabei hätte sie so gerne ein Bier getrunken.
„Was willst du eigentlich?“, fragte er und nahm ihre Handgelenke in seinen Schoß.
Ein Bier, um den bitteren Geschmack hinunterzuspülen, wollte sie sagen. Aber sein Blick ging so tief, dass sie kein Wort über die Lippen brachte. Seine Augen veränderten sich, wurden rabenschwarz und bodenlos. Sie wollte sich an den Hals greifen, doch ihre Arme lagen bleiern auf seinen Oberschenkeln. Die Bitterkeit breitete sich aus, ein feiner Film umhüllte ihre ganze Mundhöhle. Die Zunge wurde lahm. Sie atmete ein. Alles roch anders. Sie wollte ihm sagen, dass sie Bitterkeit riechen konnte, vergaß es aber gleich wieder. Ihr Kopf begann sich zu drehen.
„Konzentrier dich. Das hier ist wichtig. Was willst du?“, fragte er.
„Frei sein“, brachte sie mühsam hervor.
Er nickte, seine Daumen berührten die Narben und begannen, sie zu massieren. Ihr Körper fing an zu zittern. Sein Griff um die Handgelenke wurde fest. Das Licht des Lagerfeuers beleuchtete schemenhafte Gestalten, die um sie beide herumtanzten. Sie kniff die Augen zusammen. Da war nichts. Sein langes schwarzes Haar schimmerte in einem dunklen Violett. Es roch nach Erde und grünem Gras, nach Sonne und Wind, nach Hitze und Eis. Seine Augen weiteten sich. Ein Ozean floss aus ihnen heraus und umspülte sie. Sie klammerte sich an irgendetwas fest, rutschte ab und wurde vom Strom mitgerissen.
„Schließ deine Aura“, hörte sie ihn von irgendwoher sagen.
„Wie?“, fragte sie mit bleierner Stimme. Alles drehte sich immer schneller. Plötzlich schwebte sie kopfüber. Ich fliege. Ich fliege! Hatte sie laut gesprochen? Sie spürte den Griff um ihre Handgelenke. Nicht loslassen! Sie hörte sich selbst nicht. Panik stieg auf. Der Druck um ihre Handgelenke verstärkte sich. Nein, er ließ sie nicht los. Sie schaukelte hin und her wie ein Boot bei Wind. Etwas in ihrem Innersten löste sich.
„Du versteckst dich. Nimm deinen Platz ein, sonst füllen andere die Lücke “, dröhnte BigWams Stimme in ihr.
Sie schaukelte. Ich bin doch da. Diesmal wusste sie, dass sie nicht sprach. Sie hatte keinen Körper mehr.
„Denk an dein Herz, deinen Bauch. Wo sind deine Füße?“ Er sprach mit fester Stimme.
Der Schwebezustand war zu Ende. Sie fiel zurück in ihren Körper und fiel durch ihn hindurch. Sie wollte die Augen aufreißen und konnte es nicht, wollte schreien, aber der Mund ließ sich nicht öffnen. Sie fiel in die Tiefe.
„Keine Angst, dir geschieht nichts.“
Sie fühlte als Erstes seinen festen Griff um ihre Handgelenke. Dann bewegte sich um sie herum eine Kraft, zog an ihr, zwang sie in ihre Mitte. Während Lisa ihren Körper wiederfand, rissen plötzlich die Narben auf, wurden durchlässig, und eine Kraft, die von BigWam ausging, floss in sie hinein und umfing ihr Innerstes sanft.
„Ist meine Aura jetzt geschlossen?“ Sie saß wieder auf dem Baumstamm und atmete schwer.
„Konzentrier dich auf deine Mitte. Bis ich sage, es ist gut.“
Ihr Herzschlag beruhigte sich. Es wurde warm und wärmer, zum Schluss konnte sie nicht sagen, ob nicht das Lagerfeuer für die Hitze in ihrem Körper verantwortlich war.
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