Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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Abends saß sie an BigWams Feuer. Manchmal roch der Rauch ganz sonderbar, wenn er irgendwelche Kräuter gegen die bösen Geister verbrannte. Bei ihm fühlte sie sich sicher. Wäre Dr. Bird nur annähernd wie BigWam gewesen, hätte er ihr vermutlich helfen können.
Sie legte ein Holzscheit ins Feuer. Die Flammen wurden kleiner, drohten zu ersticken. Sie blies vorsichtig in die Glut. Asche flog hoch und rieselte auf ihr Haar. Nach ein paar weiteren Atemstößen fanden die Flammen Halt und erwachten zu neuem Leben. Sie setzte sich wieder.
„Sag mal, bist du viel mit BigWam zusammen?“, fragte Maude.
„Tom hat mich dazu gebracht.“
„Tom? Echt?“ Maude machte eine Pause. „Gibt es da etwas, das ich wissen muss?“
Lisa schwieg und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß doch, dass du mir etwas verheimlichst. Also, sag schon.“
„Ich bin wie du erwachsen.“
„Lisa, bitte.“
„Was hast du bloß gegen ihn?“
„Er ist ein Unruhestifter und Zerstörer. Und glaube mir, ich kenn’ ihn besser ...“
„... als ich?“, unterbrach Lisa ihre Freundin. „Ich würde es dir gern erzählen. Aber du wirst total austicken.“
„Hast du was mit ihm?“
Wäre Lisa nicht so wütend gewesen, hätte sie über Maudes belämmerten Gesichtsausdruck lachen können. „Ich habe es so satt! Ich werde von dir, von meiner Mutter, von Dr. Bird, von euch allen in eine Richtung gestoßen, die euch gerade so passt. Ihr wollt mir helfen? Dass ich nicht lache! Ihr benutzt mich nur, damit ihr euch selbst besser fühlt. Sag doch endlich, was du wissen willst. Du willst wissen, ob ich mit ihm gefickt habe?“
Maude schnappte nach Luft.
„Sag es!“
Maude lege die Hand auf die Magengrube. „Ja“, zischte sie.
Lisa schloss die Augen. Tränen drückten unter den Lidern durch und blieben an den Wimpern kleben. Sie fuhr mit dem Ärmel über die Augen. Diesmal wollte sie nicht, dass Maude sie weinen sah. „Die ersten Wochen waren sehr schlimm. Ich stand erst am Nachmittag auf und habe mich vor dem restlichen Tag versteckt. In der Nacht fand ich keinen Schlaf. Die Realität war nicht so, wie ich es mir aus deinen Geschichten zusammengereimt hatte.“
„Das ist es ja, was ich dir in der Klinik zu erklären versucht habe ...“
Eine Weile blieb es ruhig. Lisa formulierte im Innern Worte, die sie Maude sagen wollte, und verwarf sie wieder. Warum machst du dir Gedanken? Sie hat sich hinter deinem Rücken verlobt, ging ihr durch den Kopf.
„Entschuldige, das wollte ich nicht“, brach Maude die Stille, als hätte sie Lisas Gedanken gelesen.
Lisa ging nicht auf Maude ein. „Wie gesagt, es war am Anfang sehr schwierig für mich. Ich wusste nicht, wie ich da rauskommen sollte. Da hatte ich plötzlich eine Idee.“ Die Worte laut auszusprechen, fiel ihr unerwartet schwer. „Kannst du dir denken, welche?“ Insgeheim hoffte sie, Maude würde selbst darauf kommen.
„Sag, dass du nicht mit ihm geschlafen hast. Du kannst mit allen schlafen, aber nicht mit Tom! Fang nichts mit ihm an.“ Im Licht des Feuers hatte Maude schwarze Schatten im Gesicht und sah aus wie eine Eule.
Lisa ließ ihren Kopf auf die Knie sinken und murmelte: „Ich versteh’ das einfach nicht.“
„Was hast du gesagt?“, fragte Maude.
Sie setzte sich gerade hin. „Was regst du dich so auf? Es geht dich eigentlich gar nichts an. Dein Bruder hat mich als Einziger nicht in eine Richtung gestoßen, die ihm passte. Er hat mir was gegeben.“
„Was hat er dir gegeben?“ Maude klang so besorgt, es war geradezu lächerlich.
Lisa konzentrierte sich auf den hellsten Punkt in der Glut, und als sie sicher war, dass sie mit normaler Stimme weitersprechen konnte, sagte sie: „Es geht in dieser Geschichte um mich, nicht um dich ...“
„O ja, entschuldige, du bist ja diejenige mit dem Knacks, und alle Welt muss auf dich Rücksicht nehmen“, fuhr ihr Maude über den Mund.
Lisa schüttelte langsam den Kopf. Diese Seite kannte sie nicht an Maude, und sie fragte sich, ob eine beste Freundin überhaupt so sein durfte.
Maude richtete sich auf und zeigte mit dem Spieß auf Lisa. „Hörst du? Das gibt dir noch lange nicht das Recht, alles zu tun, was dir passt.“
Glut spritzte hoch.
Lisa schlug ihr den Stecken aus der Hand. „Was fällt dir ein!“, fuhr sie Maude an. Ihr Herz raste, als wäre sie gelaufen. Überdeutlich roch sie das geschmolzene Plastik und den verbrannten Zucker, sah gestochen scharf die Flammen lodern, bemerkte gleichzeitig Maudes heruntergezogene Mundwinkel, und bevor sie richtig ausholen und zuschlagen konnte, schmiegte sich etwas um ihr Herz und beruhigte es. Augenblicklich wurde sie still. Sie schaute sich um. BigWam war nirgends zu sehen.
„Nicht nur Philipp, auch Tom wird sich nicht zwischen uns stellen.“ Es war, als spräche BigWam aus ihrem Mund.
Maude wandte sich ab und schaute zum Haus. Ihre Schultern hoben und senkten sich. „Das ist ganz was anderes, glaub mir“, stieß sie zwischen zwei Atemzügen hervor.
„Weshalb muss ich mich vor dir rechtfertigen?“, fragte Lisa.
Mit einem Ruck drehte sich Maude wieder zu ihr und schaute sie entgeistert an. „Das musst du nicht. Du merkst doch, dass ich dich schützen will.“
Lisa stieß einen Lacher aus. „Keiner kann mich schützen. Das solltest du besser wissen als alle anderen. Echt, Maude, ich verstehe dich nicht. Er ist dein Bruder. Dass du nicht begeistert bist, von mir aus. Aber du stellst dich an, als wäre er dein Verlobter.“
„Warum willst du das nicht begreifen? Er ist nichts für dich. Du brauchst ihn nicht.“ Maude verstummte, als Lisas Augen schmal wurden.
„Stellst du mich vor eine Wahl?“, fragte sie.
„Spinnst du? Ich stell dich doch nicht vor eine Wahl. Siehst du denn nicht, was sich hinter seinen treu blickenden Augen verbirgt?“
„Was soll sich hinter seinen Augen verbergen?“
„Er nutzt dich aus.“ Maudes Arme flogen hoch.
Lisa winkte ab. „Zu deiner Beruhigung: Ich habe noch nicht mit ihm geschlafen.“
„Noch nicht? Du hast es vor!“
„Um Himmels willen, beruhige dich.“ Lisa legte den Kopf wie vorhin auf die Knie. Die Hitze hatte ihr beinahe ein Loch in die Stirn gebrannt.
„Ich bin ganz ruhig“, sagte Maude mit zu hoher Stimme.
„Maude, ich kenne dich nicht wieder. So habe ich dich noch nie erlebt. Wenn ich gewusst hätte, dass du so reagieren würdest, hätte ich ihn nie gefragt.“
„Was gefragt?“ Maude saß wie eine gespannte Feder auf dem Baumstamm.
„Ob er mit mir schlafen will.“
Als wäre sie verraten worden, vergrub Maude ihr Gesicht in den Händen und stöhnte lang.
„Es reicht jetzt.“ Lisa stand auf und klopfte sich die Hose sauber. „Das muss ich mir von niemandem gefallen lassen, auch nicht von dir.“
„Du bist nicht anders als Lilly O’Brien“, stieß Maude hervor. Ihr Mund hatte einen fremden Zug bekommen.
„Wer ist Lilly O’Brien?“, fragte Lisa vorsichtig.
Maudes Kinn begann zu zittern. Tränen schwammen in ihren Augen.
„Ich bin ganz sicher nicht wie sie.“ Lisa setzte sich wieder an ihren Platz zurück und legte Maude die Hand auf die Schulter. „Ich mag Tom“, flüsterte sie.
Maude sagte nichts. Sie hatte ihren Kopf gesenkt und die Hände zwischen ihre zusammengepressten Knie gesteckt. Lisa strich ihr sanft über den Rücken. Was stimmte nicht mit ihrer Freundin?
„Lilly O’Brien war die Hübscheste an unserer Schule. Alle wollten mit ihr befreundet sein, und ich war ihre beste Freundin.“ Maude fuhr sich mit dem Ärmel über ihre Augen. „Wir waren in derselben Klasse und saßen nebeneinander. Als wir sechzehn waren, hat sich Tom an sie herangemacht.“ Maude legte eine Pause ein. Als sie weitersprach, war ihre Stimme noch leiser. „Als mein ach so toller Bruder mit ihr fertig war, war Lilly schwanger und wütend auf mich, weil ich als ihre allerbeste Freundin sie nicht vor ihm gewarnt hätte. Stell dir vor, sie hat mir sogar vorgeworfen, ich hätte in seinem Auftrag gehandelt. Tom hat abgestritten, der Vater zu sein. Ich wollte das Ganze auf der Stelle klären; sie ließ es aber nicht zu, sprach mit allen anderen und nie mehr mit mir. Sie hat mich, wo immer sie konnte, schlechtgemacht. Ich verstand das alles nicht. Die Jungs haben mir in ihrem Beisein Gemeinheiten an den Kopf geworfen, nur um bei ihr gut dazustehen. Einer hat mich auf ihren Befehl hin an den Haaren gerissen. Zu mehr trauten sie sich nicht, da ich ja zwei ältere Brüder hatte.“ Maude schlug die Hände vors Gesicht. „Und nun das. Ich werde dich verlieren.“
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