Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Deine Ohren?“ Maude kicherte.
„Nein, Rufus’ Ohren.“
Maude lachte wieder. „Ich wäre wirklich gerne dabei gewesen.“
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Mut ich bewiesen habe, dieses Biest zu berühren. Rufus bleibt gottlob angekettet. Er rennt noch immer auf mich zu. Irgendwann beißt er mich. Ich kann kaum glauben, dass dieser Hund noch niemanden gebissen hat.“
„Er ist ein Wachhund. Der beißt nicht, der bellt nur“, sagte Maude.
„Glaub mir, das ist kein normales Bellen. Nach all den Wochen sollte er sich an mich gewöhnt haben. Und weißt du was? Er rennt nur dann auf mich zu und bellt, wenn ich allein bin. Die anderen denken schon, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.“ Lisa verdrehte dabei die Augen. „Du fehlst mir, Maude. Wann kommst du mich besuchen?“
„Schon bald“, versprach Maude.
8
Seit Lisa mit Roy ein ernstes Wort gesprochen hatte, lächelte sie ihn jedes Mal an, wenn sie ihn sah. An besagtem Tag hatte sie ihn nämlich beiseite genommen und gesagt, wenn er wissen wolle, ob sie sich noch das Leben nehmen wolle, müsse er sie direkt fragen. Seine Mutter könne das nicht wissen.
„Wie weiß ich, dass du mich nicht anlügst?“
Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Lange hatte sie überlegt und schließlich gesagt: „Wenn ich nicht mehr lächeln kann.“
Roy hatte als Antwort mit zusammengepressten Lippen genickt. Es brauchte seine Zeit, bis er zurücklächeln konnte.
An diesem Morgen blieb Roy lange am Frühstückstisch sitzen. Als Tom und Dave aus der Küche verschwunden waren und sie beide allein zurückblieben, flüsterte er in Lisas Ohr und hielt um ihre Hand an. Das Einzige, was ihr in diesem Moment in den Sinn kam, war, ihn um Bedenkzeit zu bitten.
Lisa kniete im Gemüsebeet, lockerte die Erde, und in Gedanken ging sie durch, was sie sagen sollte. Seine Augen waren voller Erwartung gewesen, sie konnte ihm die Hoffnung nicht so grausam zerstören.
Es war kurz vor zehn, und die Sonne brannte bereits auf ihren Rücken. Es roch nach feuchter Erde. Die leere Gießkanne stand neben ihr. Sie musste die restlichen Pflanzen gießen, bevor es noch heißer wurde. Sie holte Wasser und goss Blumen, Kräuter und Gemüse. Dann begann sie, die Stangenbohnen zu ernten. Sie schaute auf die Uhr und legte einen Zacken zu. Die Schüssel war erst zur Hälfte gefüllt.
„Du wolltest sterben?“
Lisa hätte vor Schreck beinahe die Schüssel fallen gelassen. Kevin stand hinter ihr und machte einen Schritt auf sie zu.
„Es ist unhöflich, sich an Leute heranzuschleichen“, sagte sie schroff.
Kevin grinste. Hinter seinem Rücken hielt er die Kamera. Obwohl er nur zwei Jahre älter als Roy war, reichte er ihr beinahe bis zur Schulter. Seine Arme waren kräftig und konnten wie die eines Erwachsenen zupacken.
Der Junge beugte sich über die Schüssel mit den Bohnen. „Wird das unser Mittagessen?“
„Ja“, sagte sie lang gedehnt, entdeckte eine kleine grüne Raupe, nahm sie zwischen ihre Finger und zerquetschte sie. Dabei blickte sie Kevin direkt in die Augen.
Der zuckte nicht mit der Wimper, er lächelte nur. „Das reicht nicht für uns alle.“
So höhnisch wie Kevin das gesagt hatte, wunderte sie sich nicht, dass Roy seinetwegen so viel schrie und weinte. Mit gerecktem Kinn starrte sie ihn an. Bienen summten und verbreiteten einen trügerischen Frieden.
„Roy hat meine Narben berührt – beide. Er hat gewonnen.“ Sie wusste selbst, wie kindisch sie sich anhörte, aber Kevin brachte sie mit seiner überheblichen Art aus der Fassung. Sie wischte sich die Finger an der Hose sauber, packte eine neue Bohne und zog daran. Die Bohne ließ sich nicht ernten. Kevin lachte sie aus. Sie schielte mit schmalen Augen zu ihm. „Hast du gehört, dein kleiner Bruder hat gewonnen.“ Warum sagte sie das? Irgendetwas krabbelte über ihre Finger. Sie schrie auf und schüttelte die Hand.
„Angst vor Spinnen?“ Kevin hielt die Kamera hoch und machte ein Bild von ihr.
„Ich vertrage auf meinen Narben kaum etwas. Was willst du überhaupt?“, fragte sie und schob die Kamera aus ihrem Gesicht.
„War eh nur eine doofe Wette“, sagte Kevin und presste ein lautes Lachen aus dem Hals. Langsam ging er rückwärts aus dem Garten und fotografierte sie.
Sie hörte sein Lachen noch lange und zwang sich, ruhig zu bleiben, weiter Bohnen zu ernten und sich nicht nach ihm umzudrehen. Was hast du nur, fragte sie sich. Er ist ein Kind.
Nachdem die Küche nach dem Mittagessen wieder blitzsauber war, machte sie sich auf die Suche nach Roy. Sie fand ihn schließlich drinnen vor dem laufenden Fernseher. Er kniete auf dem Bett seiner Eltern und spielte gleichzeitig mit einer Batman-Puppe. „Weil er der Held ist, den Gotham verdient. Aber nicht der, den es gerade braucht. Also jagen wir ihn. Weil er es ertragen kann. Denn er ist kein Held. Er ist ein stiller Wächter, ein wachsamer Beschützer. Ein dunkler Ritter.“ Roys Stimme klang tief und drohend.
„Da steckst du“, unterbrach sie ihn, nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.
„He, das ist Sponge Bob! Das darf ich schauen.“
„Du warst doch mit Batman in Gotham und hast gar nicht hingeschaut.“
„Doch, hab ich.“
„Ich fahre nach Lake Geneva und wollte wissen, ob du Lust hast, mich zu begleiten.“ Lisa legte die Fernbedienung auf den Nachttisch.
Roy gab ihr keine Antwort, ließ den Batman auf den Boden fallen, stieg vom Bett und zog die Bettdecke mit sich. Gut gelaunt hüpfte er aus dem Schlafzimmer.
„Wo willst du hin?“, rief sie ihm nach. „Wir müssen noch deine Mutter fragen.“ Sie schüttelte die Decke auf und legte sie wieder ordentlich aufs Bett.
Roy war im Flur stehen geblieben und hatte auf sie gewartet. „Sie ist bestimmt einverstanden“, sagte er und sprang durch die offene Tür hinaus zum Auto.
Sie hatte Agnes nicht gefunden, sondern nur Dave in der Küche angetroffen, der seine Frau ebenfalls suchte. Dave gab ihr Agnes’ Autoschlüssel. Er fragte nicht einmal, wie lange sie fort sein würden.
Nun saß sie im Auto. Neben ihr auf dem Beifahrersitz zappelte Roy mit den Füßen. Sie drehte den Schlüssel, und Roy klappte die Lüftungsschlitze auf, er richtete sie alle auf sich. Dann, als wüsste er genau, was kommen würde, starrte er mit verschränkten Armen geradeaus und wartete.
Junge, du machst es mir nicht einfach, dachte Lisa. „Kevin war heute bei mir im Garten“, begann sie und lächelte ihn an, als er zu ihr schaute.
„Hat er mir gesagt“, antwortete er finster.
„Ich habe ihm deinen Sieg unter die Nase gerieben. Dann ist er wieder gegangen.“
Ein Aufleuchten in seinen Augen. „Er hat sie nicht geküsst?“, fragte er mit heller Stimme.
„Was?“ Sie dachte, sie hätte sich verhört. „Meine Narben? Warum sollte er meine Narben küssen? Igitt!“ Lisa schüttelte sich. „Dein Bruder ist neun. Für nichts auf der Welt dürfte er sie küssen. Er hat sie nicht einmal berührt.“
„Hat er aber gesagt.“ Der Knabe schaute mit hochgezogenen Schultern aus dem Fenster.
„Glaub ihm nicht immer alles.“ Sie stellte den Motor ab. „Roy“, begann sie und brach ab. Seine Arme pressten sich eng um seinen Körper. „Roy, das mit dem Heiraten ...“ Der Junge ließ den Kopf hängen, als hätte sie den Stecker gezogen. „Ich habe es mir ganz gut überlegt, ehrlich.“ Lisa wollte ihm die Hand auf die Schultern legen und ließ es bleiben. „Schau mich bitte an.“ Er hob seinen Kopf. Große runde Augen blickten ihr entgegen. „Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Du bist der mutigste und tollste Junge auf der ganzen Welt.“ Roy schloss die Augen. „Du darfst mir glauben: Wäre ich so alt wie Caroline, hätte ich mich in dich verliebt.“
Roy sagte nichts.
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