Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows

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Rosa-weiße Marshmallows: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach einem traumatischen Erlebnis hofft Lisa, auf einer Farm in Wisconsin wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Heilung beginnt am Lagerfeuer mit dem Schamanen BigWam. Eines Tages ist sie verschwunden. Ist sie tot oder lebt sie noch? Wird ihre Schwester Caroline sie finden und das Rätsel lösen?

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„Spiel nicht, iss endlich!“ Agnes’ Augen funkelten ihren Sohn an.

Roy schob sich lustlos ein paar Reiskörner in den Mund und rutschte gleichzeitig an den Rand der Bank. Er schob sich noch eine Gabel in den Mund und beobachtete seine Mutter. In dem Moment, als Agnes ihrem Mann ein zweites Mal Suppe schöpfte, stand der Junge blitzschnell auf, rannte durch die Gartentür hinaus und war verschwunden. Agnes stand auf und rief Roy mit drohender Stimme hinterher. Der Junge kam nicht. Sie rief ihn ein weiteres Mal, ging ein paar Schritte bis zur Hausecke und kam zurück. Sie schüttelte den Kopf.

„Lass nur“, sagte Dave. Er legte Agnes die Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. „Der verhungert schon nicht.“

„Das hat er noch nie gemacht“, meinte Agnes.

Er hat das Buch gesehen, dachte Lisa, sagte aber nichts. Ein letzter Versuch, versprach sie sich. Ein allerletzter Versuch, Roy zum Lesen zu bewegen. Dann würde sie das Kind in Ruhe lassen.

Die anderen waren aus der Küche verschwunden – zurückgeblieben waren nur die beiden Frauen, die nun den Abwasch machten. Gesprochen wurde wenig. Das Radio lief und spielte Hits aus den Achtzigern. Agnes drehte Lisa die ganze Zeit den Rücken zu. Lisa hatte den Eindruck, dass Agnes ihr auswich.

„Ich würde gerne mit Roy den ,Grüffelo‘ lesen. Denkst du, ich mute ihm damit zu viel zu?“, fragte Lisa und stellte die trockenen Teller in den Schrank.

„Ob du ihm mit einem Kinderbuch zu viel zumutest?“ Agnes’ Stimme klang höhnisch.

Was war denn bloß los mit ihr? Ohne den Blick von Agnes zu nehmen, hängte Lisa mit ungeschickten Fingern das Geschirrtuch an den Haken. Agnes stellte das Radio ab, und Lisa atmete insgeheim auf. Sie hatte dieses Lied schon immer gehasst.

„Du hast ihm erzählt, dass du dich töten wolltest.“ Der Hohn in ihrer Stimme war verschwunden.

Lisa bekam eine Gänsehaut. Mit zusammengepressten Lippen wartete sie auf Agnes’ Ausbruch.

„Warum denkst du wohl, haben wir den Kindern nichts gesagt?“, fragte Agnes gefährlich leise.

Lisas Magen zog sich zusammen. Die Luft wurde dick, und als ihr klar wurde, dass sie jetzt etwas sagen musste, war ihr Kopf leer. „Was?“, stotterte sie.

Agnes stützte die Arme in die Seiten und reckte ihren Hals. Die Finger wurden weiß, so sehr krallten sie sich an ihrer Taille fest. „Wie kannst du nur einem kleinen Jungen so was Schreckliches erzählen und von ihm verlangen, dass er’s für sich behält?“ Agnes holte zittrig Luft. „Er ist so zart und zerbrechlich.“

„Das weiß ich doch auch“, ging Lisa dazwischen. „Ich weiß das. Aber was hätte ich tun sollen? Er wollte sie unbedingt berühren, und anschließend wollte er wissen, warum ich solche Narben habe. Was hättest du gesagt? Hättest du ihn angelogen?“ Schweiß rann Lisa zwischen den Brüsten herunter.

„Warum wollte er deine Narben anfassen?“ Agnes schüttelte ungläubig den Kopf.

„Die Kinder hatten eine Wette am Laufen, wer als Erster meine Narben berührt.“

Jetzt war Agnes sprachlos. Lisa nutze diesen Moment und sprach mit einer etwas festeren Stimme weiter.

„Ich nahm ihm das Versprechen ab, dass er mir dafür regelmäßig vorliest, wenn ich es ihm verrate.“

Agnes zog einen der Stühle zu sich und setzte sich rittlings hin. Lange schaute sie Lisa an. „Er fragt mich dauernd, warum es Menschen gibt, die sich das Leben nehmen wollen. Er will wissen, wie man ihnen rechtzeitig helfen kann. Woher ich sicher sei, dass du dir nichts mehr antun würdest, und ob Tiere sich auch das Leben nehmen würden. Und wie Kühe sich das Leben nehmen würden, und wie es Hühner anstellen würden – und Rufus, könnte er sich mit der Kette erwürgen?“

„Ich spreche mit ihm“, sagte Lisa, und erst als Agnes nickte, verließ sie mit dem Bilderbuch unter dem Arm die Küche.

Sie traf zuerst auf Kevin. Er lag inmitten der Hühnerschar und ließ sich von ihnen in den Körper hacken. Die Tiere standen auf seinem Bauch und zogen ihn an den Haaren.

„Was machst du da?“ Lisa nahm den Kessel und ging zu ihm ins Gehege.

Sie hatte nicht mehr so viel Angst wie zu Beginn. Die Hühner kamen immer noch angerannt, sobald sie den Eimer erblickten. Doch Lisa hatte einen Trick: Wenn keiner hinsah, ließ sie zwei Handvoll Futter von außerhalb des Drahtgitters in die Ecke rieseln. Dann erst trat sie ins Gehege und warf das restliche Futter auf den Boden, holte die Schalen, leerte das Wasser vom Vortag aus, füllte die Gefäße neu und stellte sie wieder hin. Seit sie die Hühner allein fütterte, holte sie auch die Eier und brachte sie Agnes in die Küche.

Lisa warf die Körner in eine Ecke. Die Hühner flatterten von Kevin weg und rannten dem Futter hinterher, als hätten sie seit Wochen nichts mehr bekommen. Dabei hatte Lisa sie auch heute wie immer direkt nach dem Frühstück gefüttert. Da erst sah sie, dass Kevin mit seiner Kamera auf dem Boden lag. Er hatte Kratzspuren im Gesicht.

„Machst du Bilder, wie die Hennen dich killen?“, fragte sie. Kevin stand auf, und Lisa klopfte ihm das T-Shirt von hinten sauber. „Was machst du da?“

„Ich will an einem Wettbewerb mitmachen. Tierbilder ist das Thema“, erklärte er.

„Darf ich mal sehen?“

Kevin zeigte ihr die Bilder aus der Froschperspektive: eine ganze Speicherkarte voll von Hühnern mit riesengroßen Schnäbeln und hungrigen Augen.

„Das ist echt gruselig!“

„Mal was anderes.“ Kevin folgte ihr aus dem Gehege.

„Wie bist du auf diese Idee gekommen?“ Sie stellte den Kessel an seinen Platz und nahm das Kinderbuch.

„Das ist mein ,Grüffelo‘!“, rief Kevin. „Wer hat dir erlaubt, das Buch aus dem Zimmer zu holen?“

„Das wusste ich nicht. Ich dachte, es gehört euch beiden. Ich will mit Roy lesen.“

„Er hat eigene Bücher. Das ist meins!“ Kevin schob den Kiefer vor und wirkte genauso grimmig wie sein Onkel.

„Und wenn ich dir verspreche, dass du mich einen ganzen Tag lang fotografieren darfst?“

Kevins Augen leuchteten auf. „Und du machst, was ich will?“

„Ich bleib angezogen“, entgegnete sie streng und war sich nicht sicher, was genau sie glaubte, in Kevins Gesicht gesehen zu haben.

„Roy kann nicht lesen“, sagte Kevin. „Er kann das einfach nicht. Ich habe es mit ihm auch schon versucht.“

„Ja, ich denke, das wird schwierig. Weißt du, wo er ist?“

Kevin hob seine Kamera und machte ein Bild von ihr. „Er liegt unter seinem Bett.“

Lisa ging mit dem Buch an den Ort zurück, wo sie es entwendet hatte, und legte den ,Grüffelo‘ auf das untere Stockbett. Um nichts in der Welt würde Kevin seinen Bruder oben schlafen lassen, vermutete sie. Sie faltete die Pyjamas zusammen und legte sie unter die Kissen, schüttelte die Bettdecken auf, begann, die Legosteine zusammenzuräumen, summte dabei und schaute unter das Bett, als wäre es reiner Zufall.

„Du hast versprochen, mit mir zu lesen.“

Reglos lag Roy unter dem Lattenrost. Seine Augen waren rot umrandet, die Lippen fest verschlossen.

„So schlimm?“

Roy nickte.

„Das versteh’ ich gut. Manchmal ist etwas so schlimm, da möchte man mit niemandem darüber sprechen. Ich könnte nie mit jemandem über meine Narben sprechen. Nur mit dir. Kommst du mir zuliebe unter dem Bett vor?“

„Ich habe es Mom verraten“, sagte er leise und schob sich mit Händen und Füßen noch weiter unters Bett.

„Ja, ich weiß. Für ein Mal hast du Glück gehabt. Es ist nicht so schlimm. Sie hat es vor dir gewusst.“ Lisa streckte ihm die Hand entgegen. „Komm jetzt.“

„Ich dachte, du hättest nur mit mir über deine Narben gesprochen ...“, entgegnete Roy.

„Hab’ ich auch. Maude hat es deiner Mutter gesagt.“

„Dann hast du’s Maude gesagt?“ Roy kroch unter dem Bett hervor.

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