Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Er ist ein Rudeltier und neigt zur Vorsicht, wenn er allein unterwegs ist. Der Wolf-Geborene ist besonders sensibel und einfühlsam. Er hat ein Gespür für die Gefühlswelt seiner Umgebung, was ihn auch verwundbar macht. Er ist bekannt für seine Hilfsbereitschaft.“ BigWam nahm sein Messer aus der Hose und kratzte drei Symbole in den sandigen Boden. Dann deutete er der Reihe nach auf jedes einzelne und sagte: „Präg sie dir gut ein: Das ist das Symbol für die Macht der Liebe, das für die Transformation und das da“, er klopfte mit der Klinge darauf, „das steht für den Mut.“
„Kannst du sie mir nicht auf ein Blatt Papier zeichnen? Ich kann sie mir so nicht merken.“
„Ich habe nichts zum Schreiben bei mir“, brummte er.
„Ich gebe dir morgen Stift und Papier, und du zeichnest mir die Symbole bitte nochmals auf.“
„Warum willst du sie aufgezeichnet haben? Willst du sie dir unter die Haut ritzen lassen?“
So etwas wäre für sie früher nie infrage gekommen. Aber jetzt wusste sie auf einmal, dass eine Tätowierung ihre Rettung wäre.
„Könntest du mir auch einen Traumfänger zeichnen?“
„Und was noch? Ein Pferd?“
„Nein. Aber wenn du mich so fragst, einen Wolf.“ Sie lachte auf und schaute ihn an. Deshalb hatte Tom gewollt, dass sie sich zu BigWam ans Lagerfeuer setzte. Das war nicht irgendeine blöde Aufgabe, die mit einer Mutprobe vergleichbar war.
BigWam brummte zufrieden. „Komm morgen wieder und bring Papier und Stift mit.“
Lisa konnte nicht einschlafen. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, es könnte einen Ausweg geben. Sie stand auf und öffnete die Fensterläden. Kühle Luft strömte in ihre Kammer. Sie sah die Glut in der Feuerstelle und BigWams Silhouette, die sich vor dem orangefarbenen Licht abzeichnete. Was machte er noch dort? Sie beobachtete ihn eine Weile und ging dann wieder ins Bett.
Es war zwecklos. Sie war einfach nicht müde, und zudem hatte das Gespräch am Lagerfeuer sie hungrig und durstig gemacht. Lisa schlug die Decke zurück und stand auf. Im Dunkeln schlich sie auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tastete sich unten im Flur die Wand entlang zum Lichtschalter, und bevor sie ihn drücken konnte, vernahm sie laut und deutlich Agnes’ Stimme.
„Wir sind keine Therapeuten. Ich kann das nicht.“
Lisas Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Jetzt sah sie, dass die Tür zum Schlafzimmer ihrer Gastgeber einen Spaltbreit offen war.
„Das verlangt auch keiner von uns“, sagte Dave.
„Aber sie ist da und stört das ganze Haus.“
Lisa machte einen Schritt zurück.
„Ach komm. Sie tut doch keinem was. Und jetzt gibt sie sich Mühe und steht früh auf. Was willst du noch mehr?“ Das Bett knarrte.
„Das sagst du nur, weil sie hübsch ist.“
Lisas Herz stach. ,Nur weil du hübsch bist.‘ Wie oft hatte sie das schon zu hören bekommen!
„Du weißt, dass ich nur dich liebe. Hab’ lange genug gekämpft, bis du endlich Ja gesagt hast.“
Rascheln von Bettdecken – waren das Küsse ...? Lisa setzte den Fuß auf den Treppenabsatz.
„Du kennst mich, ich kann den Mund nicht halten und habe immer Angst, etwas Falsches zu sagen. Und wenn sie in eine Depression fällt, bin ich schuld. Womöglich bringt sie sich noch um, und eines der Kinder findet sie.“
Eine Bettfeder quietschte. Lisa spürte den Luftzug an ihren nackten Beinen.
„Du kennst ihre Geschichte. Wir haben lange mit Maude gesprochen, und das Geld haben wir ohne Zögern genommen. Die paar Monate werden wir wohl aushalten.“ Den letzten Satz sprach Dave undeutlich.
„Die paar Monate? Ein halbes Jahr, mit Option auf Verlängerung, das hast du wohl vergessen. Wenn wir Pech haben, bleibt sie ein ganzes Jahr – oder noch länger.“
„Sie ist Maudes Freundin.“
Das Bett schlug gegen die Wand. Jemand hatte sich heftig bewegt. Lisa stieg die erste Stufe hoch.
„Immer Maude“, Lisa hörte ein Fingerschnippen, „und du springst! Und sag nicht, dass sie jetzt in Boston ist. Seit sie dort ist, ist es noch viel schlimmer geworden.“ Agnes schnaubte. „Und wenn ich von meinem Bruder nichts mehr höre, sagst du, der würde bestimmt bald wieder kommen. “
Dave brummte etwas.
„Schickst du sie mir zuliebe spätestens nach einem halben Jahr weg? Ich habe den Tag im Kalender rot markiert.“
Dave gab keine Antwort.
Wie sie gekommen war, schlich Lisa auf Zehenspitzen die Treppe wieder hoch. Eine Stufe knarrte leise. Mit angehaltenem Atem blieb sie stehen und horchte. Es blieb still. Ein Kauz schrie zwei Mal, dann war es wieder ruhig. Müdigkeit übermannte sie; jetzt wollte sie für den Rest des Lebens nur noch schlafen.
Im Zimmer angelangt, schloss sie leise die Tür und legte sich aufs Bett. Die eben noch verspürte Zuversicht war schlagartig verschwunden. Hunger hatte sie auch nicht mehr, nur der Durst blieb. Ihr Körper schmerzte, so müde war er.
6
Am nächsten Morgen hörte Lisa schon auf den Stufen zur Küche die Kinder lachen. Auch Agnes und Dave waren bereits am Frühstücken. Sie unterhielten sich über Felder oder Ferkel, sie konnte sie vom Flur aus nicht richtig verstehen. Nur Tom hörte sie nicht, doch der sprach nie viel. An der Wand neben der Tür hing der Kalender mit den Landschaftsbildern. Sie hob Blatt um Blatt. Der 14. Oktober war rot umkreist. Sie überschlug in ihrem Kopf, wie lange ihr noch blieb.
Die Tür wurde aufgerissen, und die Knaben stürmten an ihr vorbei durch die Diele.
„He, Roy, komm zurück!“, rief Lisa. Der Blondschopf verschwand in letzter Zeit immer auffallend schnell, sobald sie auftauchte, und war dann nicht mehr aufzufinden. Was gingen sie die Lesekünste des Jungen an? Doch er war ihr ans Herz gewachsen, und vielleicht konnte sie ihm ja helfen. „Du musst mir noch vorlesen“, rief sie ihm nach. Die Tür fiel laut krachend ins Schloss. Sie ging ins Kinderzimmer, achtete darauf, nicht auf einen Legostein zu treten, und schaute sich das dürftige Bücherregal an. Lisa nahm das Bilderbuch ‚Der Grüffelo‘ heraus und schlug es auf.
In der Geschichte ging es um eine kleine Maus und ihren Freund, den schrecklichen Grüffelo, den sie sich nur ausgedacht hat und der dann aber auf einmal wirklich auftaucht. Lisa mochte dieses Buch, klemmte es unter ihren Arm und ging zu den anderen in die Küche. Außer den Kindern saßen alle noch am Tisch. Sie legte das Kinderbuch hinter sich auf den Fenstersims, trank den Kaffee, den Agnes ihr eingeschenkt hatte, und aß dazu ihre Eier und den Toast. Keiner sprach mit ihr.
„Wo ist eigentlich BigWam? fragte Lisa. „Es ist schon ein paar Tage her, dass ich ihn gesehen habe.“
„Der kommt und geht, wie es ihm passt“, sagte Agnes und seufzte tief.
Lisa schaute zu Agnes, dann zu Dave und zu Tom. Keiner sagte mehr zum Thema, obwohl BigWams Kommen und Gehen Agnes ganz offensichtlich besorgte.
„Kann ich in nächster Zeit die Nachmittage frei haben? Ich will nach Lake Geneva“, sagte Lisa.
Dave schaute Agnes an und zuckte mit den Schultern. Tom trank seinen Kaffee, als würde es ihn nichts angehen, und Agnes schaute Lisa mit nachdenklichem Gesicht lange an.
„Natürlich kannst du nachmittags nach Lake Geneva. Du kannst auch eines der Autos nehmen, wenn keiner es braucht. Was willst du denn jeden Nachmittag dort machen?“, fragte Dave.
Agnes warf ihm einen schnellen Blick zu, sagte aber nichts.
„Ich wollte nur wissen, ob ihr mich am Nachmittag entbehren könnt.“
Dave nickte und brummelte eine Zusage, Tom stellte seine Tasse auf den Tisch und stand auf. Nur Agnes hätte gerne mehr erfahren, das konnte Lisa an ihrem neugierigen Blick erkennen. Aber sie fragte nicht, und Lisa erklärte nichts.
Beim Mittagessen sprachen Tom und Dave über Saatgut, Kevin schaute sich die Bilder auf seiner Kamera an und stieß einen Fluch aus, als ihm Suppe auf das Display tropfte. Roy schwieg und schaute in seinen Teller. Die Vitamintablette lag neben dem extra für ihn gekochten und mit fein gehacktem Gemüse vermischten Reis. Agnes hatte sich mit dem Kleinschneiden des Gemüses wirklich Mühe gegeben. Hinten auf der Fensterbank lag noch immer ‚Der Grüffelo‘. Roy hatte das Buch noch nicht gesehen, da war sich Lisa sicher. Sie schaute ihm zu, wie er den Löwen mit einem Glas Wasser hinunterspülte. Dann verteilte er den Reis im Teller und drückte ihn flach, fuhr mit der Gabel hindurch, als würde er Schnee räumen, und häufte das Essen am Tellerrand auf.
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