Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Von mir aus kannst du auch eine Zeichnung davon machen. Ich verlange einzig, dass du es keinem erzählst.“
„Ich kann gut mit Geheimnissen. Frag Dad. Wir haben eins.“ Roy blickte sie mit trotzigem Ausdruck um den Mund an.
Sollte sie ihm sein Geheimnis entlocken, nur um ihm zu zeigen, wie schnell er alles ausplapperte? Das wäre gemein. Er ist doch noch ein Kind, ermahnte sie sich. „Ich will eine Gegenleistung.“
„Ich habe in meinem Sparschwein zwölf Dollar und dreiundzwanzig Cent.“
Lisa schüttelte den Kopf. „Ich habe selbst Geld. Ich will etwas anderes. Ich will, dass du mir jeden Tag etwas vorliest“, sagte sie.
Roy ließ die Schultern hängen.
„Dann lassen wir das“, Lisa stand auf.
„Ich tu’s. Ich tu’s“, sagte Roy schnell.
„Schwöre es bei allem, was dir lieb ist.“ Lisa setzte sich im Schneidersitz direkt vor Roy hin.
Die roten Flecken am Hals färbten sich dunkel und wanderten in sein Gesicht. Mit weit gestrecktem Arm hob er drei Finger in die Luft und beteuerte ernst und feierlich: „Ich schwöre es beim Grab meiner Mutter.“
„Wir wissen beide, dass deine Mutter noch lebt. Schwör auf was anderes.“
„Ich schwöre es beim Grab meiner Großmutter.“ Roy ließ den Arm auf sein Bein fallen.
„Kanntest du deine Großmutter?“
Roy schüttelte den Kopf. „Muss ich sie gekannt haben?“
„Der Schwur ist stärker, wenn du die Person gekannt hast, die jetzt im Grab liegt.“
„Meine Großmutter und mein Großvater sind vor meiner Geburt gestorben. Nur Tobias habe ich gekannt, das war mein Meerschweinchen.“ Seiner Stimme war anzuhören, wie viel Angst er hatte, Lisa würde ihm das Geheimnis doch nicht verraten.
Lisa kamen Zweifel. Sie sollte aufstehen und gehen. Wie sollte sie einem Kind erklären, wie es ist, wenn es rein gar nichts mehr gibt, was dich ans Leben bindet? Wenn du nichts mehr fühlst, nur noch den bleischweren Deckel, der auf dir lastet und dich kaum noch atmen lässt. Wenn du mit jedem Tag, der ins Land zieht, immer mehr zur Überzeugung kommst, der Tod sei das Beste für dich und deine Umwelt? Wenn du, obgleich alle so tun, als wollten sie dir helfen, in ihren Augen erkennst, dass du es nicht verdient hast, am Leben zu sein? Wenn die eigene Mutter nicht müde wird, vorzugeben, wie sehr sie dich liebt, und tagtäglich ihre ganze Kraft dafür aufbringt, so zu tun, als wäre nichts geschehen? Dass die Einsamkeit unter den Menschen, die dich lieben, ein Gewicht, eine Farbe und einen Klang hat und es nichts Grauenvolleres gibt?
Nach ihrem Suizidversuch war es ihr noch schlechter gegangen. Die vorwurfsvolle Trauer, die ihr am Krankenbett begegnete, saugte ihr die letzte Energie aus dem Körper. Ihre Kraft reichte noch knapp zum Atmen. Sie war so geschwächt gewesen – sogar zu müde, um zu sterben. Wie sollte sie das einem Kind erklären? Wie sollte sie das irgendjemandem erklären?
Sie hatte Medikamente bekommen, die ihren Tag in Gleichgültigkeit verwandelten. Es hatte sich nicht viel anders angefühlt, als tot zu sein. Das war eine im Vergleich herrliche Zeit gewesen. Sie verfluchte lange den Tag, als die Medikamente durch andere, weitaus weniger effektive ersetzt worden waren. Heute brauchte sie keine Tabletten mehr – vor einem Jahr noch unvorstellbar.
Sie gab sich einen Ruck, beugte sich ganz nah an sein Ohr. Schnell und leise flüsterte sie:
„Ich habe es absichtlich getan.“ An seinen aufgerissenen Augen und seinen Händen vor dem Mund erkannte sie, dass Roy sie verstanden hatte.
„Warum hast du das gemacht?“ Seine Stimme klang dumpf hinter seinen Händen.
Lisa blickte wieder zum Horizont. Sie hätte es ihm nicht sagen sollen.
„Lisa?“ Diesmal klang seine Stimme ängstlich.
Eine durchsichtige Glocke stülpte sich über sie. Lisa hielt den Kopf gesenkt. Konzentriert schaute sie zwischen ihre Füße, als würde ihr dort das Geheimnis der Schöpfung offenbart.
Die Bienen summten nicht mehr. Die Hühner starrten mit gereckten Hälsen zu ihnen herüber. Das laue Lüftchen blieb stehen, und mit ihm stand die ganze Welt still. Als sie endlich sprach, klang ihre Stimme, als käme sie von weit her.
„Ich wollte nicht mehr leben.“ Sie hob langsam den Kopf. Eine ihr vertraute, bleierne Müdigkeit hatte sie befallen.
Er schnappte nach Luft. „Willst du immer noch sterben?“ Seine Stimme schwoll an. „Sterben ist voll doof ...!“ Er machte eine Pause, blickte Lisa an, wartete, und als Lisa nichts sagte, sprach er weiter: „Mein Großvater ist gestorben, da war Mom noch ganz klein.“
„War er ein netter Mann?“, fragte sie.
Roys Gesichtszüge entspannten sich. „Ach, du weißt doch.“ Er winkte mit der Hand ab. „Da war ich noch gar nicht geboren.“
„Hat deine Mom nie von ihm gesprochen?“
Er schüttelte den Kopf. „Nur dass er starb, als sie noch klein war. Soll ich sie fragen?“
„Nein, ist nicht nötig.“ Lisa schaute sich um. Sie hatte ein Rascheln gehört, konnte aber niemanden entdecken.
„Du bist jetzt bei uns und willst nie mehr sterben!“ Er fasste mit beiden Händen ihr linkes Handgelenk und drückte zu. Ihre Narbe begann zu pulsieren, wand sich unter den Kinderhänden wie ein gefangener Wurm und beruhigte sich wieder. „Du kannst für immer bei uns bleiben“, versprach er.
„Ja, Roy. Ich will leben.“ Lisa strich diesem Engel, denn das musste dieser Junge sein, über den Kopf. Wie kann ein Kind stark wie ein Fels und zugleich leicht wie eine Feder sein? Etwas sickerte in ihr Herz – und sie lächelte.
Erst später, als sie sich zurückerinnerte, sollte ihr klarwerden, dass sich Roy in diesem Moment wohl in sie verliebt hatte.
5
Lisa machte in ihren mit Strasssteinen besetzten Stoffschuhen ein paar vorsichtige Schritte in den Stall. Wände und Boden waren nass. Links neben ihr rauschte es leise. Der schwarze Schlauch lag nachlässig aufgerollt in der Ecke, und aus der Messingspritze drang ein feiner Strahl Wasser.
Beim Frühstück hatte sie erfahren, dass Tom, jetzt wo die Kühe auf der Weide blieben, den Stall schrubben wollte.
Von den feuchten Wänden und dem Boden ging ein übler Geruch aus. Als sie Tom so beobachtete, wie er in schwarzen Gummistiefeln und blauen Stallhosen mit einer Art Schneeschaufel über den nassen Boden kratzte und den aufgeweichten Mist vor sich herschob, wusste sie auf einmal nicht mehr, was sie ihm eigentlich hatte sagen wollen. So leise, wie sie gekommen war, drehte sie sich um und verließ den Stall.
Das Kratzen hörte auf.
„Du hast Farbe bekommen und bist kräftiger geworden“, hörte sie Toms Stimme hinter sich.
Dana war auf einmal in ihrem Kopf: ‚Zurückhaltung beim Essen! Dicke Mädchen machen keine gute Partie .‘ Lisa streckte die Wirbelsäule durch, bevor sie sich Tom zuwandte. Abgestützt auf den Schaufelstiel grinste er sie an. Seine Fingernägel waren kurz geschnitten und die Knöchel an der Hand aufgeschürft.
„Was erwartest du? Dreimal am Tag essen, da wird jede fett“, sagte Lisa und erschrak selbst über die Heftigkeit in ihrer Stimme.
Tom zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern und schob weiter den Mist zusammen. Dann stellte er den Schieber an die Wand, nahm die Schaufel und lud alles auf die Schubkarre.
„Ich ...“, begann Lisa.
Zwei Fliegen umkreisten seinen Hut auf dem Fenstersims. Dann schaute sie wieder zu ihm. Er hatte den Unterkiefer nach vorne geschoben und arbeitete weiter, als wäre sie gar nicht anwesend. Wie Agnes, dachte sie und biss sich auf die Lippen. Warum hatte sie so heftig reagiert? Ohne etwas Bestimmtes zu sehen, blickte sie aus dem Stallfenster und begann, das Weiche unter ihrem Fuß gleichmäßig zu verteilen.
„Du kannst bleiben, solange du willst. Schließ einfach die Tür, wenn du gehst.“ Tom lachte über seinen Spruch, nahm den Hut von der Fensterbank und setzte ihn auf. Mit seiner typisch langsamen Bewegung zog er ihn tief in die Stirn, nahm die Schubkarre an den Griffen und ging so nah an ihr vorbei, dass sie zurückstolperte.
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