Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows

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Rosa-weiße Marshmallows: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach einem traumatischen Erlebnis hofft Lisa, auf einer Farm in Wisconsin wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Heilung beginnt am Lagerfeuer mit dem Schamanen BigWam. Eines Tages ist sie verschwunden. Ist sie tot oder lebt sie noch? Wird ihre Schwester Caroline sie finden und das Rätsel lösen?

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„Gib schon her“, zischte Lisa und riss den Eimer an sich.

„Au!“ Roy ließ den Kübel los.

„Entschuldige“, sagte sie rasch, als sie Roys rote Hände sah. „Das wollte ich nicht.“

Das Gegacker schwoll an, die Hühner schlugen mit den Flügeln wild um sich. Lisa unterdrückte einen Schrei und trat nach den Tieren. Einige wichen zurück, andere füllten sofort die Lücke. Hinter sich hörte sie Toms Lachen.

„Du musst sie füttern“, sagte Roy und warf Futter auf die andere Seite des Geheges. Die Hennen rannten den Körnern hinterher.

Lisa bekam wieder Luft und stellte den Futtereimer auf den staubigen Boden. Dann tauchte sie erst mit der linken, dann mit der rechten Hand die Schalen in die Körner. Die Hühner scharten sich wieder um sie, flatterten an ihr hoch, versuchten, an das Futter in ihren Händen zu gelangen, andere wollten in den Eimer steigen. Lisa blieb reglos mit den beiden Gefäßen in den Händen stehen. Um nichts in der Welt wollte sie sich erneut vor Tom blamieren.

„Du hast ja gar keine Angst mehr.“ Roy verjagte die Hühner vom Kessel und warf eine weitere Handvoll Körner in die Ecke. Die Hennen rannten über den Boden, wirbelten den Sand auf.

„Tut mir leid, wenn du jetzt enttäuscht bist. Aber mir wird ganz anders, wenn ich mir vorstelle, deine ganze Klasse käme hier vorbei, nur um zu sehen, wie dämlich ich mich anstelle.“ Lisa lächelte kurz. „So, das hätten wir. Hab’ ich das nicht gut gemacht? Und jetzt, wohin damit?“ Sie hielt ihm die vollen Schalen hin.

Roy nahm sie ihr aus der Hand und leerte die Körner in den Kessel zurück.

„Was machst du da?“

„In die kommt Wasser rein“, sagte Roy und stellte die Schalen auf den Boden zurück.

Tom hörte nicht auf zu lachen, und als Roy auch noch mitlachte, wäre sie am liebsten aus dem Hühnergehege gerannt. Doch aus irgendeinem Grund wollte sie Tom diesen Gefallen nicht tun. Der ist mir sowas von egal, dachte sie, nahm den Futterkübel mit beiden Händen und blieb mit fest zusammengepressten Lippen stehen.

Roy tauchte seine Hand in den Kessel. „Hin und her. Nicht alles auf einen Haufen“, erklärte er leise und streute das Futter wie ein Sämann auf den Boden. „So, jetzt du.“

Lisa klopfte sich die Hand an ihrer Jeans ab und blickte hinein. Alle Hühner kamen wie auf Kommando angerannt.

„Willst du deine Händchen nicht schmutzig machen?“, rief Tom. Er war dicht an das Gehege herangetreten. Seine Finger umklammerten das Drahtgeflecht; das ärmelfreie Shirt war hochgerutscht und gab seinen gut trainierten Bauch frei.

„Ich mag deinen Onkel nicht“, sagte sie so laut zu Roy, dass Tom sie verstehen konnte.

„Er kann ganz nett sein“, sagte Roy und blickte kurz zu Tom.

„Das kann ich kaum glauben.“

„Doch, ich mag ihn.“ Roy blickte wieder zu Tom. „Er kann super Geschichten erzählen.“

„Bestimmt nicht so toll, wie ich das kann.“ Lisa griff ins Futter und verstreute die Körner so, wie Roy es ihr gezeigt hatte.

„Die geborene Hühnerfütterin“, bemerkte Tom mit viel Pathos in der Stimme.

Lisa drehte sich blitzschnell um und warf ihm die restlichen Körner an den Kopf. Ein paar Hühner rannten los, klatschten an den Draht, reckten die Hälse durch die Lücken, pickten nach dem verlorenen Futter.

Tom machte einen Schritt zurück. „Roy, kannst du Lisa die wichtigste Regel erklären?“

„Kein Tier darf zum Spaß gequält werden“, sagte Roy wie aus der Pistole geschossen.

„Nein, nicht diese. Die andere.“ Tom sammelte einige Körner zusammen und hielt sie dem Huhn hin, das als Einziges noch immer versuchte, an das Futter auf der anderen Seite zu kommen. Vorsichtig pickte das Tier aus seiner Hand und ließ sich von ihm am Kopf streicheln.

„Immer vor dem Essen die Hände waschen?“ Roy warf einen hilfesuchenden Blick zu Lisa, die nur den Kopf schüttelte und mit den Schultern zuckte.

„Auch gut, aber ich meine nicht die.“ Tom hob seinen Kopf und sprach weiter, dabei ließ er Lisa nicht aus den Augen: „Futter vergeudet man nicht.“

„Ich versteh’ nicht, was du so toll an ihm findest“, sagte Lisa. Dabei hatte sie sein liebevoller Umgang mit einem gewöhnlichen Huhn vorhin wirklich beeindruckt.

Tom zog langsam den Hut in die Stirn. Der Schatten der Hutkrempe verdeckte seine gefährlich schmalen Augen. „Roy, vergiss das Wasser für die Hühner nicht“, sagte er und ließ die beiden stehen.

Der Knabe hob die Gefäße vom Boden und stapfte mit finsterer Miene aus dem Gehege.

„Was ist los?“ Lisa eilte ihm nach. „Du vergisst das Wasser regelmäßig, stimmt’s?“

Roy sagte kein Wort und füllte die Schalen mit dem Gartenschlauch. Mit hängendem Kopf ging er an Lisa vorbei. Sie öffnete für ihn das Gehege, und er stellte den Tieren das Wasser hin. Roy kam aus dem Hühnertrakt und stapfte davon.

„Das ist doch nicht schlimm“, rief sie ihm nach. Jetzt, wo sie das Hühnerfüttern hinter sich hatte, konnte sie wieder durchatmen.

Roy verharrte mit dem Rücken zu ihr. „Warum sagst du das?“, fragte er.

Lisa setzte sich ins Gras. Roy hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand jetzt mit hochgezogenen Schultern da und starrte auf den Boden.

„Es ist doch nicht schlimm, wenn man mal etwas vergisst“, sagte sie mit weicher Stimme.

Roy drehte sich zu ihr und schaute sie mit großen Augen an. „Man darf doch nicht vergessen, den Tieren Wasser zu geben. Sie verdursten ohne Wasser. Dad sagt, verdursten sei der schlimmste Tod.“

„Da hast du natürlich recht“, sagte Lisa. „Aber du hast es doch gar nicht vergessen. Wir waren ja noch nicht richtig fertig mit dem Füttern.“ Lisa ließ sich nach hinten auf die Ellbogen fallen. Sie legte den Kopf in den Nacken, ihr Haar streifte den Boden. „Hättest du es vergessen?“, fragte sie mit geschlossenen Augen. Die Sonne schien auf ihr Gesicht. Ein lauer Wind raschelte durch die Blätter des Apfelbaums.

Roy kam auf sie zu. „Nein, hätte ich nicht.“

„Also. Warum ärgerst du dich dann so?“

„Alle sagen, ich hätte einen Kopf wie ein Sieb.“

Sie hörte vorsichtige Schritte herannahen. „Sagt wer?“ Sie öffnete ihre Augen und sah, wie Roy hastig eine Träne wegwischte. „Sagt wer?“, wiederholte sie mit weicher Stimme.

„Alle.“ Er drückte die dünnen Arme fest gegen seinen Oberkörper.

„Ach komm, das ist doch gar nicht wahr. Ich jedenfalls nicht. Wer sind alle?“

„Alle halt, außer du.“ Roy kickte dem Löwenzahn den gelben Kopf ab.

„Komm, setz dich zu mir.“ Lisa klopfte mit der Hand neben sich auf den Boden.

„Frau Luffman“, stöhnte Roy und ließ sich neben sie fallen.

Lisa streckte sich auf dem Boden aus und gähnte laut. „Wer ist Frau Luffman?“

„Meine Lehrerin.“ Roy drehte sich auf den Bauch und stützte sich auf seinen Unterarmen ab. Sein Atem streifte ihr Gesicht.

„Und wer noch?“

„Mom und Dad.“

Lisa tat es in der Seele weh, als sie ihn das sagen hörte. „Ach, die plappern doch nur nach, was Frau Luffman sagt. Ich kenne das. Ich mag Frau Luffman nicht.“

„Ich auch nicht“, kicherte Roy.

„Mach dir nichts aus dieser Lehrerin, was weiß die denn schon? Wahrscheinlich mag sie sowieso nur die braven Mädchen“, meinte Lisa.

„Ja, und sie ist alt und mag keinen Lärm.“

„Ach, so eine ist das.“ Lisa kam hoch und setzte sich im Schneidersitz hin. Ein Marienkäfer hatte sich verirrt und krabbelte an Roys Rücken hoch. Sie beugte sich über das Kind und nahm das Insekt behutsam auf ihren Finger. Der rote Käfer mit den sechs schwarzen Tupfen krabbelte vom Finger auf ihren Handrücken und blieb stehen. „Du darfst dir etwas wünschen. Augen zu und fest pusten. Wenn er nicht mehr auf meiner Hand ist, geht dein Wunsch in Erfüllung.“ Lisa hielt Roy den Marienkäfer unter die Nase. „Achtung, gleich fliegt er weg“, sagte sie. Doch das Tierchen hatte es sich anders überlegt und verstaute seine durchsichtigen Flügel wieder unter den Deckflügeln.

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