Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows

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Rosa-weiße Marshmallows: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach einem traumatischen Erlebnis hofft Lisa, auf einer Farm in Wisconsin wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Heilung beginnt am Lagerfeuer mit dem Schamanen BigWam. Eines Tages ist sie verschwunden. Ist sie tot oder lebt sie noch? Wird ihre Schwester Caroline sie finden und das Rätsel lösen?

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„Weißt du, warum ich hier bin?“

BigWam nickte.

„Ich dachte immer, ich hätte gegen das erste Gebot verstoßen. Dabei kommt es erst an fünfter Stelle.“ Sie starrte ins Feuer. Die Flammen tanzten zu einer ihr unzugänglichen Musik. „Ich habe gehofft, hier den Sinn des Lebens wiederzufinden“, sagte sie mehr zu sich.

„Ich weiß. Und ich weiß auch, dass du ihn noch nicht gefunden hast.“

„Woher weißt du das? Hat dir das Tom verraten?“

BigWam zuckte mit den Schultern. „Was sollte ich schon von jemand Drittem erfahren? Ich sehe es in deinen Augen.“

Eigentlich hätte sie es beunruhigen sollen, dass ein Fremder ihre Geheimnisse in ihren Augen las. Doch aus irgendeinem Grund fühlte sie sich in BigWams Nähe wohl.

„Maude ... Weißt du, sie hat mich mit ihren Geschichten aus Kindertagen am Leben erhalten. Ich versprach mir so viel vom Leben auf dieser Farm.“ Lisa lächelte, obwohl ihr mehr zum Weinen zumute war. Dr. Bird hätte jetzt so etwas gesagt wie: ‚Sie können nicht das Leben von anderen leben.‘ Oder noch schlimmer: ‚Sie müssen Ihr eigenes Leben leben‘. BigWam sagte nichts. Er saß nur da.

„Ich kann mich nicht spüren, und ich will mich nicht ritzen oder mir meine Brauen oder sonst was ausreißen, bis nichts mehr nachwächst.“

Etwas ging von diesem Mann aus, das ihr Herz berührte und leichter machte. Als er ihren linken Arm nahm, ließ sie es geschehen.

„Zwölf Stiche“, sagte er und berührte ihre Narbe. Sein Griff verstärkte sich, als sie ihm den Arm entziehen wollte, und lockerte sich erst wieder, als sie sich entspannt hatte. „Das hätte eigentlich klappen müssen.“ Seine Stimme war leise und tief.

„Die Migräne meiner Mutter kam dazwischen“, sagte sie und lachte freudlos. Zum ersten Mal hatte sie nicht das Gefühl, sich erklären zu müssen. Sie durfte einfach nur sein. Sie schloss die Augen. Seine Hand lag warm um ihr Handgelenk. Unter dem massierenden Druck seines Daumens wurde die Narbe weich. „Ich habe das Badezimmer nicht verriegelt“, sagte sie mit einem Kloß in der Stimme. „War mir sicher, dass morgens um drei alle fest schlafen würden.“

„Wie gingen deine Eltern damit um?“ Er legte ihr den Arm zurück auf ihre Beine.

„Mein Vater hat schon immer viel gearbeitet, und meine Mutter hat eine außerordentliche Begabung, so zu tun, als gäbe es nichts Schlimmes auf der Welt. Sie ist immer fröhlich, denkt wohl, damit könnte sie alles Übel aus der Welt schaffen. Nur die Migräne stellt sich ihr manchmal in den Weg und setzt sie außer Gefecht. Warum interessiert dich das?“

„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich mache mir ein Bild, und erst später erkenne ich, was wichtig ist. Spielst du noch mit dem Gedanken, dir das Leben zu nehmen?“

So direkt hatte ihr diese Frage noch kein Erwachsener gestellt. Dr. Bird wollte vor allem mehr über ihre Gefühle wissen.

„Nein“, sagte sie. „Hin und wieder jucken meine Narben und schwellen an. Ich bekomme sogar Angst, dass sie aufplatzen und ich dann verblute und sterben muss. Ich weiß natürlich, dass das dumm von mir ist. Trotzdem.“ Sie verstummte und blickte ins Feuer. An manchen Stellen erschienen schwarze Kreise auf der Glut, die wieder verschwanden. Die tanzenden Flammen wollten ihr etwas mitteilen. Aber sie kam nicht dahinter, was.

„Hattest du damals keine Angst vor dem Sterben?“

„Damals?“ Sie seufzte tief und schwieg.

„Du musst es mir nicht sagen.“

„Nein, das ist es nicht. Ich habe gerade überlegt, wann das war.“ Sie wusste genau, wann das gewesen war. Sie tat nur so, als wüsste sie es nicht mehr, hoffte, so alles vergessen zu können. „Die Angst vor dem Leben war größer“, sagte sie schließlich.

Als sie so dasaß, mit dem Shirt über die nackten Beine gezogen, erinnerte sie sich plötzlich an New Haven, wie sie damals, noch bevor Caroline ihre Familie bereicherte, genau auf diese Weise mit dem Pyjama über ihren Knien auf den Stufen gesessen und auf ihren Vater gewartet hatte. Er arbeitete zu jener Zeit in New York in einer Anwaltskanzlei.

Sie hatte nie verstanden, warum sie nach dem Tod ihrer Großmutter in das Haus in Vermont ziehen mussten. Caroline hingegen war noch klein und hatte damit keine Probleme. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie sich mit Marie-Louise angefreundet, einem Mädchen, mit dem sich ihre Schwester schon bald in einer fremden Sprache unterhielt.

Das laute Knacken holte sie zu BigWam ans Feuer zurück.

„Was ist so falsch daran, wenn ich mir wünsche, mein Leben würde wieder wie früher werden?“, fragte sie.

„Für niemanden wird es wieder wie früher, Kleines.“

‚Kleines‘ hatte bisher noch keiner zu ihr gesagt – dafür war sie einfach zu groß gewachsen. Sie betrachtete seine massige Gestalt. Neben ihm wirkte auch sie klein. Sie strich sich das Haar hinters Ohr und legte die Stirn auf die Knie.

„Ich möchte wieder Freude und Glück spüren. Wenn nicht dieser schreckliche Tag ... – er hatte bereits beschissen begonnen.“ Sie nahm den Beutel mit den Marshmallows und schüttelte ihn lange. Sie brauchte BigWam nicht anzuschauen. Sie wusste auch so, dass er sie keine Sekunde aus den Augen ließ. Sie stellte die Tüte wieder hin. „Es war an Thanksgiving. Ich hatte mich erweichen lassen, für die Feiertage nach Hause zu fahren.“ Das Feuer drohte ihre Schienbeine zu verbrennen. Sie drehte sich und ließ sich den Rücken wärmen. „Diese eine Minute hat mein Leben für immer verändert. Ich glaube, es war sogar noch weniger. Sekunden, die mich nun für den Rest meines Lebens verfolgen und mir das Recht auf ein bisschen Freude rauben. Ich werde nie mehr glücklich sein.“ Sie zog hinten am Shirt, um etwas Luft zwischen Stoff und ihre Haut zu bringen.

„Du verbietest dir, jemals wieder glücklich zu sein? Mann, das ist echt hart.“

Lisa stand auf und entfernte sich vom Feuer. „Das wird mir hier viel zu heiß.“ Die Nachtluft kühlte ihre Beine und den Rücken. Dann kam sie zurück und setzte sich wieder. „Nicht ich bin es, die das Glück nicht mehr zulässt. Es sind diese Sekunden, die immer wieder hochkommen und mir die Luft zum Leben nehmen.“

„Kannst du mir mehr darüber sagen?“

BigWams ruhiges Gesicht wurde vom Licht der Flammen beleuchtet und wirkte sonderbar belebt. Sie suchte in ihm, was sie bei Dr. Bird immer gestört hatte, und fand es nicht.

„Es fühlt sich an, als hätten sich diese Sekunden von der Zeit abgekoppelt und wären nun für alle Ewigkeit bei mir. Sie verfolgen mich durch den Tag und lassen mich in der Nacht nicht zur Ruhe kommen. Und wenn ich endlich eingeschlafen bin, träume ich davon.“

BigWam öffnete eine Bierdose und hielt sie ihr hin. Dankend nahm sie das Bier und genehmigte sich einen tüchtigen Schluck. Angenehm kühl rann es ihr die Kehle hinunter.

„Du brauchst einen Traumfänger.“

„Einen Traumfänger? Was kann der?“ Sie rülpste leise in die Faust.

„Der fängt die bösen Träume ein und lässt nur die guten durch. Wann hast du Geburtstag?“

„Am zwölften März. Aber ich brauche jetzt einen Traumfänger, nicht erst an meinem Geburtstag ...“

BigWam stoppte sie mit seiner großen Hand. „Dann bist du im indianischen Sternzeichen des Wolfs geboren.“

„Oh, das ist viel besser als Fisch.“

BigWam lachte. Sein Lachen war hell wie das einer Frau und passte nicht zu seiner tiefen Stimme.

„Also, der Wolf, oder bei vielen anderen Indianerstämmen auch der Puma, ist in der Tierwelt ein kräftiges Lebewesen.“ BigWams Augen glitzerten – gerade so, als würde er ihr ein großes Geheimnis verraten.

Lisa saß ihm zugewandt da. Das Bier in ihren Händen hatte sie vor lauter Konzentration vergessen. Was sie zu hören bekam, setzte sich nicht nur in ihrem Kopf fest, es sickerte durch ihre Haut und floss in alle Zellen.

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