Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Nein, habe ich nicht. Sie kennt mich schon sehr lange und weiß das auch so.“ Lisa lachte und strich ihm über seinen Kopf. Der Teppichboden hatte sein Haar aufgeladen. „Komm, wir lesen draußen unterm Baum.“ Lisa stand auf und zog Roy mit sich.
„Das gehört Kevin.“ Roy zeigte auf das Buch unter ihrem Arm. „Er will nicht, dass ich seine Sachen nehme. Wenn er’s merkt, schlägt er mich.“
„Keine Angst. Kevin weiß davon und ist einverstanden. Ist er viel stärker als du?“ Lisa ging mit Roy an der Hand durch den Flur zur Tür hinaus, und sie überquerten den Vorplatz. Rufus stand auf und begann zu knurren. Als er Roy sah, hörte er auf und schaute ihnen nach. Sie bog, Roy hinter sich herziehend, in Richtung Hühner ab.
„Manchmal spucke ich in sein Bett. Das werde ich ihm nie sagen. Erst, wenn ich größer und stärker bin als er. Dann sag’ ich’s ihm“, sagte Roy entschlossen.
Lisa begann zu lachen, und als sie beim Apfelbaum ankamen und sich daruntersetzten, lachte sie noch immer – und Roy lachte mit.
„Was ist denn so lustig“? Tom stand plötzlich bei ihnen.
„Tom, hat dich mein Dad verhauen, als ihr noch Kinder wart?“
„Ja, das hat er eine Zeit lang jeden Tag gemacht“, sagte Tom mit gerunzelter Stirn.
„Wann hast du dich mit Dad vertragen?“
„Irgendwann. Ich weiß es nicht mehr.“
Lisa fühlte Toms Blick auf sich ruhen. Sie zwang sich, nicht zu ihm hochzuschauen, schlug vermeintlich ruhig das Bilderbuch auf und begann zu lesen. Die Maus spazierte im Wald umher. Der Fuchs sah sie kommen und freute sich sehr . Sie las die beiden Zeilen in Gedanken immer wieder, und irgendwann hob sie doch den Kopf und blickte Tom direkt ins Gesicht. Er stand neben ihr, seine Hände steckten in den Gesäßtaschen. Das Haar war ihm ins Gesicht gefallen. Sein weicher Mund war einmal nicht zu einem hämischen Grinsen verzogen. Lisa konnte nicht anders, sie starrte auf diese weichen Lippen.
„Was liest du?“, fragte Tom mit einer Stimme, die ihr die Hitze in den Kopf trieb.
„,Der Grüffelo‘. Ich lese den ,Grüffelo‘“, antwortete Roy, der nicht bemerkte, dass Tom nicht mit ihm gesprochen hatte. „Und du musst gehen. Ich kann nicht lesen, wenn du dabei bist.“
„Wenn das so ist ...“ Tom hob zum Abschied seine Hand und ließ die beiden unter dem Baum zurück.
Lisa hätte ihm gerne gesagt, er solle bleiben und sich zu ihnen setzen. Sie schaute ihm nach, wie er mit seinen langen Schritten um die Hausecke bog und verschwand.
Roys Kinderstimme holte sie zurück.
„Wie viel muss ich lesen?“
„Alles. Ich kenne die Geschichte nicht.“ Lisa legte das Buch auf seinen Schoß. „Die ersten beiden Zeilen habe ich gelesen.“
Bis Roy Hallo kleine Maus, wohin geht die Reise? entzifferte, dauerte es eine halbe Ewigkeit. Er setzte Buchstaben für Buchstaben zusammen, machte mitten im Wort eine Pause und holte tief Luft, warf Lisa vereinzelte Blicke zu, verrutschte mit seinem Finger und wusste nicht mehr, wo im Text er war.
„Roy, du machst das gut. Du kennst ja alle Buchstaben“, sagte Lisa und zeigte ihm, wo er weiterlesen musste.
Der Knabe lächelte sie an. „Ich bin einfach nicht so schnell wie Kevin.“
„Wer sagt denn, dass du schnell lesen musst? Richtig musst du lesen. Und ich verspreche dir, wenn wir das regelmäßig tun, wirst du richtig gut darin. Wir könnten ein Buch von Geistern und Gespenstern oder ein Abenteuerbuch oder eines über Tiere kaufen. Das lesen wir. Nur du und ich. Wenn du Lust hast, liest du, noch bevor die Ferien ganz zu Ende sind, nach dem Essen den anderen daraus vor. Werden die große Augen machen, wenn du so gut lesen kannst“
Roy wischte über die fleckig-rot gewordenen Wangen. „Ich kann nicht lesen“, klagte er.
„Und was war dann das eben? Warst du nicht dabei, als du mir vorgelesen hast?“, fragte Lisa.
„Ich habe vergessen, was ich gelesen habe.“
„Mein erstes Buch war von Beatrix Potter. Die Geschichte von Schweinchen Softie. Und ich wusste auch nur, dass es um ein Schweinchen ging, weil auf dem Umschlag sein Bild zu sehen war. Du siehst, das ist ganz normal. Du brauchst nur etwas Übung, das ist alles.“
„Wirklich?“
„Ganz bestimmt“, versicherte sie ihm.
Roy las weiter, bis er nur noch Fehler machte. Dann las Lisa das Buch zu Ende, und sie unterhielten sich über die mutige Maus. Wie klug sie war, und dass Stärke zwar gut sei, aber dass derjenige, der was im Kopf habe, es erst richtig weit bringe.
„Toll wäre, wenn wir auch einen Grüffelo hätten“, sagte Roy.
„Warum brauchst du einen?“
„Wegen Bruce. Der ist sogar viel stärker als Kevin. Der kann Köpfe mit links zu Brei schlagen“, sagte Roy und schlug mit der Faust in seine Hand.
„Was würdest du denn mit einem Ungeheuer machen? Da hättest du doch selbst Angst“, lachte Lisa.
„Ich würde ihn anketten, und er würde mich und Kevin in die Schule begleiten.“
„Du hast doch bereits einen Grüffelo. Er liegt angekettet vor dem Haus.“
Roy blickte sie mit offenem Mund an. Dann stand er auf, wollte noch etwas sagen, entschied sich anders und rannte davon. „Kevin!“, schrie er, „Kevin!“
Und noch bevor Lisa etwas sagen konnte, war der Junge verschwunden. Sie blieb zurück, saß noch eine Weile unter dem Baum und las die Geschichte ein weiteres Mal. Sie schaute sich um, doch Tom tauchte nicht wieder auf.
7
Sie saß mit Roy vor dem Haus und ließ sich vorlesen, als BigWam mit federnden Schritten an ihnen vorbei zur Feuerstelle ging, Holz aufschichtete und das Feuer entfachte. Am liebsten wäre sie sofort zu ihm hingegangen und hätte sich an ihren angestammten Platz gesetzt. Doch sie wollte ihn nicht stören. BigWam telefonierte gerade. Mit der freien Hand zeichnete er Kreise in die Luft und tigerte ums Feuer herum. Als hätte Roy bemerkt, dass sie ihm nur noch mit halbem Ohr zuhörte, fing er mit Stottern an. Lisa riss sich zusammen.
Sie legte den Finger unter das Wort. „Hier, nach dem Gedankenstrich noch einmal.“
Roy rutschte mit dem Finger die Buchstaben entlang. „F-r-e-u-n-d-s-c-h-a-f-t-e-n“ , las er und machte regelmäßig zwischen vier Buchstaben eine Pause und schnappte nach Luft, als würde er jedes Mal tief im See untertauchen.
„Freundschaften zu knüpfen, fällt ihr schwer, und das ist sehr schade“ , las Lisa den Satz für ihn zu Ende. „Schluss für heute. Morgen lesen wir weiter. Da erfahren wir, wie es den dreien bei ihrer Cousine ergeht.“
„Was ist eine Cousine?“, fragte Roy.
„Wenn Tom oder Maude Kinder haben, sind das deine Cousins, wenn es Jungs sind, und wenn es Mädchen sind, sagt man Cousinen.“
Roy sprang von der Bank und war augenblicklich verschwunden. Das Buch ließ er liegen. Lisa nahm die Lektüre ‚Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel‘ und seufzte. Sie hatte ihm das Buch gekauft und gehofft, es würde ihm ebenso gefallen wie ihr damals. Auf der ersten Seite hatte Roy mit dickem schwarzen Filzstift seinen Namen krumm hingeschrieben. Sie ging ins Haus und legte das Buch im Kinderzimmer aufs Regal. Als sie wieder nach draußen kam, saß BigWam auf seinem Baumstamm und trank aus einer Bierdose.
„Wie bitte? Ich hätte dir was zu essen mitbringen sollen?“ Lisa setzte sich zu ihm.
„Ich habe immer Hunger. Das ist eine meiner kleinen Schwächen.“ BigWam klopfte auf seinen Bauch.
„Das klingt tatsächlich leer.“
Er lachte hell und reichte ihr ein Bier. „Nicht den Ring wegreißen, ohne die Dose zu öffnen.“
„Kann man da überhaupt was falsch machen?“ Lisa zerrte an der Metalllasche.
„Gib her.“ Er nahm ihr das Bier aus der Hand und öffnete für sie die Dose.
„Ich habe dich die ganze Woche nicht gesehen. Wo warst du?“, fragte sie.
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