Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows
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„Gibt’s nicht ohne.“ BigWam schüttelte die Tüte in seiner Hand.
Tom griff über ihre Beine, angelte zuerst nach dem Grillspieß und nahm eine Handvoll Süßigkeiten aus dem Beutel. Eines nach dem anderen spießte er die Marshmallows auf und drehte sie dann so lange über der Glut, bis sie goldbraun wurden und herrlich nach Karamell dufteten.
„Willst du mal?“, fragte er leise. Seine Finger streiften sanft ihre Hand.
Ein Kribbeln tanzte durch ihren Körper und ließ ihren Hals eng werden. Sie wartete, bis sich das Flattern im Bauch etwas gelegt hatte. Dann hörte sie Maudes warnende Worte. ‚Er ist zwar mein Bruder, aber ... Er ist nichts für dich. Ein Weiberheld, nicht viel besser als deine Verflossenen.‘ Die kann mich mal, dachte sie und schob die unliebsame Warnung beiseite. Sie senkte die Lider. Tom saß neben ihr. Das war das Einzige, was zählte. Sie legte ihren Kopf zur Seite, schlug ihre Augen auf, als hingen Gewichte an den Wimpern, und strahlte das Lächeln, das die Männer so an ihr mochten. Sein Körper spannte sich an, und sie hörte, wie er Luft holte. Langsam biss sie eine kleine Ecke ab.
„Vorsicht, verbrenn dich nicht“, flüsterte er.
Sein Atem streifte ihr Haar. Etwas in seinem Gesicht, ein Aufflammen, ließ sie alles um sich herum vergessen. Ihre Blicke trafen sich. Was sie in seinen Augen sah, war nicht gespielt. Das war echt. Seine Finger berührten ihr Haar. Ihre Kopfhaut begann zu prickeln.
„Du hast da was“, murmelte er und strich vorsichtig über ihr Kinn. Sie konnte nicht anders, als in sein Gesicht zu schauen. Langsam zog er ihr angebissenes Marshmallow vom Stock und hielt es ihr hin. Seine Finger berührten beinahe ihre Lippen.
„Hast du was zu essen mitgebracht?“, fragte BigWam laut.
Tom und Lisa zuckten gleichzeitig zusammen. Obwohl Tom noch neben ihr saß, fühlte sie sich alleingelassen. Beide starrten ins Feuer. Tom schob sich scheinbar gleichgültig das von ihr angebissene Stück in den Mund.
„Nein, warum?“, erklang Maudes Stimme leise hinter ihr.
Vorsichtige Schritte näherten sich dem Feuer. Lisa blickte nicht nach hinten, fühlte auch so den stechenden Blick auf ihrem Rücken.
„Das ist der Eintrittspreis, um am Feuer sitzen zu dürfen“, sagte sie stattdessen und lehnte sich mit steifem Körper an Tom. Schau nur, es ist mir egal, was du sagst, dachte sie grimmig. Es war nicht mehr dasselbe. Maude hatte alles zerstört.
BigWam hob die Tüte und streckte sie Maude hin. „Marshmallow?“, fragte er.
Maude schüttelte den Kopf.
„Wenn du nichts zu essen dabeihast, musst du davon nehmen. Das ist der Eintrittspreis, um hier am Feuer sitzen zu dürfen“, wiederholte er Lisas Worte und schüttelte den Plastikbeutel.
Maude rührte sich nicht.
„Komm schon, die Tüte muss endlich leer werden, sonst bringt Lisa sie das nächste Mal wieder mit.“
Tom legte die Hand auf Lisas Finger und drückte sie leicht. „Ich muss“, sagte er, hielt ihre Hand noch eine Sekunde länger als nötig und stand auf.
Hatte sie Bedauern aus seiner Stimme gehört?
Tom drückte seiner Schwester den Spieß in die Hand. „Immer schön drehen, sonst werden sie flüssig und fallen ab.“ Er warf Lisa einen letzten Blick zu und ging davon.
Sie schaute ihm nach und hoffte vergebens, er würde sich nochmals nach ihr umdrehen. Er stieg ins Auto und fuhr los, ohne ihnen zuzuwinken. Die Scheinwerfer waren noch lange zu sehen. Ging er zu einer anderen? Aus den Augenwinkeln sah sie Maude neben BigWam stehen. Wie sie mit gesenktem Kopf – den Spieß in der einen und die Tüte in der anderen Hand – verharrte, kam es Lisa vor, als sei ihrer Freundin der Ort, an dem sie aufgewachsen war, völlig fremd.
„Setz dich zu Lisa“, sagte BigWam und zeigte auf den frei gewordenen Platz.
Maude setzte sich vorsichtig hin. Der Baumstamm bewegte sich kaum. Jede Faser ihres Körpers schien angespannt. Lisa bemerkte, wie Maude immer wieder zu ihr herüberschielte.
Lisa saß vornübergebeugt da, und als ihr Maudes Blicke zu viel wurden, versteckte sie ihr Gesicht hinter den Händen. Lass mich in Ruhe, lass mich einfach in Ruhe, dachte sie und hoffte vergebens, Maude würde aufstehen und gehen.
„Willst du ein Bier?“, fragte BigWam. Der Plastikbeutel raschelte, dann war es ruhig. „Was soll ich damit?“, hörte sie BigWam auf einmal fragen.
Lisa schaute hoch und sah, wie Maude die Tüte zerknüllte und ins Feuer warf. Die Flammen wurden blau. Das Plastik warf Blasen, flammte auf und schrumpelte zu einem hässlichen Klumpen zusammen.
BigWam öffnete das Bier und reichte es Maude. „Auf euch Mädchen“, sagte er und hielt seine Dose in die Luft. „Lisa, ist deines schon leer?“
Lisa warf ihm einen bösen Blick zu. Sie nahm ihr Bier, und Maude stieß schnell mit ihr an, bevor Lisa ausweichen konnte.
„Auf uns“, sagte Maude mit belegter Stimme.
Lisa schwieg. Mit dem Bier in der Hand starrte sie in die Glut.
Niemand sprach, einzig das Knacken des Feuers war zu hören, und als Lisa zu BigWam schielte, war sein Platz leer. Wie konnte dieser Koloss von Mensch einfach so unbemerkt verschwunden sein?
10
Maude drehte mit beiden Händen den Spieß über der Glut. Rufus begann zu bellen und hörte erst nach einer Weile wieder auf.
„Verdammter Hund“, murmelte Lisa.
„Ich hätte es dir sagen sollen“, sagte Maude mit leiser Stimme.
„Hättest du. Mir verbietest du, mit Tom etwas anzufangen, und hinter meinem Rücken verlobst du dich mit Philipp.“
Maude atmete tief ein. „Glaub mir, du hast keine Ahnung, wie ich mit mir gerungen habe. Ich hätte dir so gerne davon erzählt. Andererseits wollte ich dich mit meinem Glück nicht traurig machen.“ Sie schaute auf den Ring an ihrer linken Hand.
„Du bist meine Freundin. Du musst meine Traurigkeit aushalten.“
„Und wenn ich das nicht kann?“ Maudes Stimme war nur ein Flüstern.
„Du bist während meiner schlimmsten Zeit bei mir gewesen. Warum solltest du das nicht können?“
„Da war ich nicht schuld.“
„Und du denkst, ich würde dir dein Glück nicht gönnen?“
Maude beugte sich nach vorne und starrte ins Feuer. Mechanisch drehte sie den Spieß zwischen ihren Fingern. „Nein, natürlich nicht“, seufzte sie leise. „Aber es wäre schlimm, dich traurig zu machen, wo du doch wieder glücklich werden willst.“
„BigWam hat gesagt, man darf sein Glück nicht von anderen Menschen abhängig machen. Ich denke, das gilt auch andersrum.“
„Wie meinst du das?“ Maude senkte ihre Hände. Die vordersten Marshmallows schmolzen und fielen ins Feuer. Sie zog den Stecken rasch zu sich und blies kräftig darauf. „Philipp wird nicht zwischen uns kommen, versprochen. Willst du probieren?“ Maude hielt ihr die Marshmallows hin. „Dr. Bird wäre begeistert, wenn er dich hier sehen könnte.“ Maude verstellte ihre Stimme: „Lisa, die frische Landluft und die gesunde Milch haben Sie regelrecht aufblühen lassen.“
„Nein, so würde er das nicht sagen. Er würde sagen: ‚Lisa, Sie haben sich zum Positiven verändert. Was war der Auslöser, der Sie aus dem Loch geholt hat? Können Sie Ihre Gefühle beschreiben?‘ Er wollte immer über meine Gefühle sprechen, und wehe, du sagtest, du hast keine. Diesen Fehler habe ich nur ein Mal gemacht.“
Es war nicht die frische Luft und auch nicht das gesunde Essen. Mit dem Füttern der Hühner und der Arbeit im Garten wollte sie vor allem zeigen, dass sie dazugehörte. Der Auslöser war Roy gewesen. Sie wollte ihm helfen, ein bisschen mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Doch neben einem Bruder wie Kevin war das schwierig. Kevin war ein cleveres Bürschchen. Wenn am Küchentisch eine Frage gestellt wurde, wusste er immer als Erster die Antwort.
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