Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows

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Rosa-weiße Marshmallows: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach einem traumatischen Erlebnis hofft Lisa, auf einer Farm in Wisconsin wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Heilung beginnt am Lagerfeuer mit dem Schamanen BigWam. Eines Tages ist sie verschwunden. Ist sie tot oder lebt sie noch? Wird ihre Schwester Caroline sie finden und das Rätsel lösen?

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„Hier drüben“, vernahm sie direkt über sich.

Agnes musste vor dem Fenster stehen. Lisa biss sich auf die Lippen. Was, um Himmels willen, hatte sie da geritten? Am liebsten wäre sie aus ihrem Versteck gekommen, hätte fröhlich ‚He, Leute, ich wollte einfach nur mal mutig sein‘ gerufen und dabei ihr helles Nachthemd als Zeichen des Friedens geschwungen.

Agnes zog sich nun am Fensterbrett hoch und setzte sich geschmeidig wie eine Katze ins Fenster.

Lisa hielt den Atem an. Wie konnte sie sich in diesem Moment fragen, ob Agnes ihr Kleid schmutzig machen würde? Das war doch jetzt nicht wichtig. Mittlerweile stand der Mond so, dass er in den Stall hineinschien. Agnes brauchte jetzt nur den Kopf zur Seite zu drehen, und schon wäre Lisa entdeckt.

Lisa dachte an ihr sicheres Bett. Kurz darauf begannen ihre angezogenen Beine zu brennen. Sie hätte sie gerne ausgestreckt, traute sich aber nicht. Sie biss die Zähne zusammen. Sich vorzustellen, sie läge im Bett, klappte nicht mehr. Sie musste unbedingt von hier verschwinden. Ganz leise rückte sie vom Fenster weg in die dunkle Ecke. War der Boden feucht oder nur kalt? Sie verdrängte den Gedanken an all den Kuhmist. Zentimeter um Zentimeter kroch sie in den Schatten. Mit der Hand stieß sie gegen die Schaufel. Sie kniff die Augen zu und verfluchte Tom, der das Ding dort stehen gelassen hatte: Die Schaufel war zur Seite geglitten und scheppernd zu Boden gefallen. Eine Katze rannte miauend aus dem Stall.

„Wer ist da?“ Ein Kopf lugte durchs Fenster und zog sich sogleich zurück, als die zweite Katze auf das Fensterbrett sprang.

„Scht, nicht so laut, du weckst das ganze Haus“, sagte die Männerstimme.

Lisas Herz raste. Das war BigWam! Was hatten die beiden vor? „Ist dir jemand gefolgt?“, hörte sie ihn flüstern.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Was mache ich da? Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie mutig gewesen. Warum hatte sie nicht damit begonnen, ein Huhn zu küssen? Das wäre für den Anfang weiß Gott mutig genug gewesen. Lisa presste ihren Mund zusammen. Sie befürchtete, der Herzschlag hoch im Hals würde sie verraten. Weshalb wollte sie überhaupt beweisen, dass sie keine Angst hatte? Ihre Mutter war doch gar nicht da.

„Das waren die Katzen. Wer sollte mir gefolgt sein?“, flüsterte Agnes.

„Ich weiß nicht. Ich habe ein ungutes Gefühl. Da ist jemand im Stall“, sagte BigWam.

Lisa schnappte nach Luft. Er, der so viel mehr wahrnahm als alle anderen. Was sollte sie ihm sagen, wenn er sie hier am Boden kauern sähe?

„Das sind die Katzen“, wiederholte Agnes.

Lisa schloss die Augen und atmete leise aus.

„Ich höre etwas. Lass uns nachsehen.“

Lisa begann, stark zu schwitzen. Jetzt würde BigWam sie entdecken.

„Es war ein anstrengender Tag. Alle sind früh ins Bett gegangen. Sag lieber, was du von mir willst.“

Aha, Agnes wusste es also auch nicht. Obwohl Lisa es eigentlich nicht wollte, spitzte sie die Ohren.

„Sei nicht so schnippisch, meine Kleine. Du weißt ganz genau, was ich von dir erwarte.“

„Ich dachte, wir müssen dir das Geld nicht sofort zurückzahlen“, sagte Agnes.

„Hör dir an, was er zu sagen hat.“

„Ich weiß nicht ...“

„Früher hattest du an solchen Sachen richtig Spaß.“ BigWam lachte heiser.

„Da war ich ja noch ein halbes Kind. Alles, was nicht mit Schule zu tun hatte, machte Spaß.“

Lisa fragte sich, warum Agnes Stimme so klang, als wäre sie auf der Hut.

„Nicht doch“, flüsterte er. „Du hast mir ewige Treue geschworen. Wir zwei gegen den Rest der Welt.“ Sein leises Lachen klang, als hätte er eine Erkältung.

„Ich hatte ja nur dich.“

„Ist dort nicht Lisa?“, fragte er.

„Verdammte Scheiße. Wo?“ Agnes rutschte vom Sims.

„Ist das nicht Lisas Fenster, das da oben offen steht?“ hörte sie BigWam flüstern, als säße er direkt neben ihr. Alles an ihr zog sich zusammen, die feinen Härchen an Nacken und Armen stellten sich auf. Wo war der Schamane, der Abend für Abend ihr Innerstes berührt hatte?

„Es ist ja auch heiß. Alle haben das Fenster und die Läden offen“, entgegnete Agnes. „Jetzt sei nicht so paranoid.“

„Sie ist hier. Ich kann sie fühlen.“

Lisa hielt sich die Nase zu, damit ihr Schnaufen sie nicht verriet.

„Ach komm, hör auf. Die schläft wie die anderen.“

„Nein. Lass mich im Stall nachschauen.“

Lisa schloss die Augen. Seine Hartnäckigkeit verrät mich am Ende noch! Sie wäre jetzt gern im Boden versunken.

„Lisa und im Stall? Echt jetzt? Für sie stinkt ja schon das Hühnerfutter. Aber wenn du willst, na bitte, such den Stall ruhig mit deinem Handylicht ab. Ich dachte, du wolltest ihn nicht unnötig warten lassen.“ Agnes murmelte noch etwas, das sich wie ‚muss morgen früh wieder auf der Matte stehen‘ anhörte. Schritte entfernten sich. Dann fielen Türen leise zu. Kurz darauf wendete das Auto und rollte ohne Licht davon.

Lisa stützte sich auf dem Boden ab und streckte vorsichtig die Beine aus. Sie horchte, doch das Auto kam nicht zurück. Nur ihre Zähne klapperten, sonst war es ruhig. Das Herz hämmerte gegen die Rippen. Sie lehnte den Kopf an die Wand und ließ die angehaltene Luft aus ihren Lungen entweichen. Sie blieb noch eine Weile so sitzen. Das Blut begann, wieder gleichmäßig zu zirkulieren. Als sie aufstand, stützte sie sich an der Wand ab und wartete, bis sie nicht mehr schwankte. Dann schlich sie langsam aus dem Stall – und blieb wie angewurzelt stehen. Im Bruchteil einer Sekunde schärfte sich ihr Blick: Rufus stand breitbeinig auf dem Hof. Die Kette war straff angezogen, und er knurrte leise. Der Mond leuchtete in seine irr verdrehten Augen. In diesem Moment begann er zu bellen. So schnell sie konnte, lief sie ins Haus. Drinnen wartete sie mit dem Rücken gegen die Tür auf irgendeine Reaktion. Alles blieb still. Glück gehabt – keiner war aufgewacht. Das fahle Mondlicht schien durchs Fenster und erhellte schemenhaft den Flur. Lisa schlich auf Zehenspitzen zur Treppe. Sie hielt sich am Handlauf fest und zog sich Stufe für Stufe hoch. Mit weichen Knien verschwand sie in ihrem Zimmer. Rasch streifte sie ihre Schuhe von den Füßen, roch an den Händen und stieß einen leisen Fluch aus. Wie gern wäre sie jetzt einfach ins Bett gekrochen. Doch die Hände stanken nach Stall – und die Beine und das Gesicht? Das konnte nicht bis morgen warten. Sie schlich in dieser Nacht ein zweites Mal aus dem Zimmer und huschte ins Bad. Um diese Zeit konnte sie die Dusche nicht anstellen; das prasselnde Wasser hätte definitiv alle im Haus geweckt. Sie zog das Nachthemd aus und wusch sich am Waschbecken mit viel Seife das Gesicht, die Beine und den Po. Agnes und BigWam? Was ging da vor? Waren die beiden ein heimliches Liebespaar? Am meisten war sie über BigWam bestürzt, den sie beinahe nicht wiedererkannt hatte. Konnte ein Schamane auch eine dunkle Seite haben? Sie schrubbte ihre Finger, jeden einzeln. Sie seifte sich ihre Lippen ein. Der bittere Geschmack blieb. Leise klopfte es an der Tür.

Sie hielt erschrocken inne. Wasser und Seife tropften von den Händen auf den Boden. „Wer ist da?“, fragte sie leise. Erneutes Klopfen, dann vernahm sie dumpf Toms Stimme hinter der Tür.

„Ist alles in Ordnung da drin?“

„Ja, ja, alles gut“, sagte sie und spülte rasch die restliche Seife weg.

„Brauchst du noch lange?“

„Nein, einen Moment noch.“ Sie nahm das Handtuch von der Stange, trocknete sich flüchtig ab, wischte den Boden auf, schüttelte es aus und hängte es wieder auf. Dann schlüpfte sie ins Nachthemd, zerrte daran, weil es an ihrem feuchten Körper klebte. Auf den Zehenspitzen drehte sie sich vor dem Spiegel und erschrak. Ihr erster Impuls war, das Nachthemd sofort wieder auszuziehen. Der Fleck ist nicht groß, beruhigte sie sich. Mit den Händen versteckte sie ihn in einer Falte. Im Finstern wird Tom nichts sehen, dachte sie, löschte das Licht im Bad und öffnete die Tür.

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