Bettina Ehrsam - Rosa-weiße Marshmallows

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Rosa-weiße Marshmallows: краткое содержание, описание и аннотация

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Nach einem traumatischen Erlebnis hofft Lisa, auf einer Farm in Wisconsin wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Heilung beginnt am Lagerfeuer mit dem Schamanen BigWam. Eines Tages ist sie verschwunden. Ist sie tot oder lebt sie noch? Wird ihre Schwester Caroline sie finden und das Rätsel lösen?

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„Warum bist du so? Ich hab dir doch nichts getan.“ Sie schob den Hut aus dem Gesicht und zog die Handschuhe fest nach hinten. Beides war ihr zu groß.

„Mit dir wird’s wohl länger dauern“, brummte er, ohne sie anzuschauen.

Gemeinsam ersetzten sie kaputte Pfähle, reparierten den Stacheldraht und liefen das ganze Gehege ab. Gesprochen wurde kaum. Es war ein gutes Schweigen, welches sie nicht mit leeren Worten füllen mussten.

Regelmäßig warf Lisa einen Blick zur Herde, die sich durch das laute Hämmern nicht aus der Ruhe bringen ließ. Kälber lagen im Gras oder sprangen herum. Lisa suchte den Stier. Roy hatte ihr von ihm erzählt. „Das ist der ohne Euter“, hatte er ihr erklärt. Dort, zwischen ein paar Kühen, stand er. Er war nicht einmal das größte Tier. Abseits, im Schatten einer mächtigen Tanne, stand eine Kuh einsam und verlassen und schaute sehnsüchtig zu den anderen hinüber.

„Warum steht die so allein?“ Lisa hielt mit beiden Händen den Pfosten und Tom schlug ihn ein.

„Wer?“, fragte er.

„Die dort.“ Sie machte mit dem Kinn eine Bewegung zur Kuh. Der Hut rutschte ihr in die Augen.

„Das ist Erna.“

Genervt schob sie den Hut zurück. „Was hat sie? Ist sie krank? Schau mal, wie aufgebläht sie ist. Hat bestimmt zu viel Klee gefressen. Sollte man ihr nicht den Bauch aufstechen?“ Sie war richtig stolz, noch zu wissen, dass Klee die Kühe blähte.

„Wird wohl von allein vorübergehen“, lachte Tom.

„Warum lachst du? Ich dachte, sie könnten daran sterben.“

„In ein paar Wochen wird sie ihr Kalb zur Welt bringen.“

„Kannst du nicht einfach sagen, sie ist schwanger?“

„Sie ist trächtig“, korrigierte er sie.

Lisa blickte Tom von der Seite an. Konzentriert wickelte er den Stacheldraht von der Rolle. Die scharfen Stacheln blitzten in der Sonne. „Ich finde, sie sieht unglücklich aus“, bemerkte sie, nur damit sie etwas gesagt hatte.

„So, findest du. Halt mal den Draht.“

Sie ließ den Pfosten, auf dem sie sich abgestützt hatte, los und hielt mit beiden Händen den Draht fest. „Findest du nicht, dass sie traurig aussieht?“, begann Lisa von Neuem.

„Das findest du nur, weil sie abseits der anderen steht. Konzentrier dich und halt den Draht mit beiden Händen fest, so wie ich es dir gezeigt habe.“

„Ich kann nicht.“ Der Hut drohte wieder über ihre Augen zu rutschen.

„Zieh mit beiden Händen“, sagte er.

„Ich zieh ja schon!“

„Fester! Das ging vorhin viel besser.“

„Was meinst du mit vorhin?“

„Bevor du Mitleid mit der Kuh hattest.“ Tom schlug eine Krampe über den Stacheldraht in den Pfahl hinein. Lisa rutschte aus und stieß gegen Tom. „Verdammt!“ Er zog die Arbeitshandschuhe aus. Aus seinem Arm floss aus einer langen Wunde Blut. Rot rann es über den Handrücken und tropfte zu Boden.

„Tut mir leid. Ich bin ausgerutscht“, sagte sie mit schwacher Stimme. Mit zittrigen Fingern gab sie ihm ein zerknülltes Taschentuch. Er zog die Augenbrauen zusammen und starrte auf das Papiertuch in ihrer Hand. „Sieht nur so aus, ist aber noch unbenutzt. Nimm schon, ich kann kein Blut sehen.“ Sie wandte sich ab und fächerte sich mit dem Hut Luft zu.

Er tupfte den Arm sauber. „Ist nicht schlimm. Blutet schon nicht mehr.“

„Sieh doch, sie ist ganz allein ...“ Sie zeigte mit dem Hut auf Erna. Eine Haarsträhne umspielte Lisas Kinn. Dieser vergessen geglaubte Schmerz ohne Erbarmen, ohne Horizont war wieder da. Ihr Herz füllte sich mit Trauer. Mitten unter Menschen zu sein, und keiner, der dein Leiden sieht. Toms Hämmern holte sie wieder zurück. „Schau ihr in die Augen, sie sieht traurig aus“, sagte Lisa und ignorierte den Blutfleck am Ärmel seines Hemds.

„Du kannst von hier aus ihre Augen sehen?“, fragte er.

„Kannst du das etwa nicht?“

Er schüttelte den Kopf. „Bist du jetzt zu den Tierpsychiatern gewechselt?“

„Warum bist du so?“

„Wie bin ich denn?“, lachte er. „Es ist nicht außergewöhnlich, dass ein Tier sich von der Gruppe absondert.“ Er krempelte den Ärmel wieder hoch und untersuchte die Wunde. Sie blutete nur noch an einer Stelle und war nicht so tief, wie sie gedacht hatte.

„Woher soll ich das wissen? Du bist derjenige, der auf einer Farm aufgewachsen ist“, blaffte sie.

„Habt ihr in Vermont keine Landwirtschaft?“

Lisa verdrehte die Augen. Wieso ärgerte sie sich überhaupt über ihn?

„Wenn wir fertig sind, gehen wir zu Erna. Die freut sich bestimmt, dich kennenzulernen“, sagte er lachend.

Lisa gab ihm keine Antwort.

Noch zwei Pfosten mussten ersetzt werden. Sie arbeiteten schweigend weiter. Jetzt lag das Schweigen wie ein unsichtbarer Graben zwischen ihnen.

Als sie fertig waren, verstaute Tom den Rest des Stacheldrahts hinten auf der Lade, schnallte seinen Werkzeuggürtel ab und warf ihn daneben. Lisa stolperte mit all dem alten Holz, das sie tragen konnte, herbei. Er nahm es ihr ab, lud es hinten auf den Truck und holte den Rest.

„So, jetzt ist Erna dran.“ Tom ging voran. Beim Gatter blieb er stehen und drehte sich um. „Worauf wartest du noch?“, rief er und winkte sie mit ungeduldiger Hand zu sich.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie. Sie hatte keine Lust auf weitere Unfreundlichkeiten und wollte nur noch unter die Dusche.

„Die beißen nicht.“

„Es gibt aber hin und wieder Angriffe von Kühen auf Menschen. Und die Hörner sehen ziemlich gefährlich aus.“ Lisa zupfte an den Handschuhen herum.

„Komm schon“, sagte er.

„Ich habe noch meine Handschuhe an.“

„Wirf sie ins Auto und komm endlich“

„Ich warte im Auto“, rief sie ihm zu und drehte sich weg.

Noch bevor sie einsteigen konnte, stand er bei ihr, rupfte die Handschuhe von ihren Händen, warf sie hinten auf die Ladefläche und nahm sie beim Arm.

„Die Rinder tun dir nichts. Zudem können sie nicht lange schnell laufen.“

„Das kann ich auch nicht“, sagte Lisa. Obwohl es wie ein Witz klang, war es keiner.

Sein Griff war fest wie ein Schraubstock. Sie wollte stehen bleiben und wurde von ihm einfach weitergezogen.

„Macht es dir Spaß, mich zu quälen?“

„Stell dich nicht so an. Du hast behauptet, die Rinder seien unglücklich. Ich zeige dir jetzt, dass sie es bei uns gut haben.“

„Das hab ich doch so nicht gemeint. Au! Du tust mir weh.“

Als hätte sie nichts gesagt, ging er weiter, ohne sie loszulassen. Ihr blieb nichts anders übrig, als hinter ihm herzustolpern. Warum nur hatte sie Ernas traurige Augen ansprechen müssen? Das hatte sie nun davon – sie mit ihrem ewigen Mitleid.

Er verlangsamte das Tempo, sprach mit leiser Stimme beruhigend auf das Tier ein. Die Finger um ihren Arm wurden locker.

„Ich glaube, das ist nah genug für mich.“ Lisa blieb zurück.

Er ging mit ausgestreckten Händen vorsichtig auf Erna zu und streichelte das Tier zwischen den Augen. Erna rieb ihren Kopf an seinem Bauch und begrüßte ihn wie einen alten Freund.

„Siehst du, sie macht nichts. Komm her“, sagte er.

Erna verscheuchte mit ihrem Schwanz die Fliegen. Ansonsten stand sie still da, den Kopf fest an seinen Bauch gedrückt. Tom lachte, als Erna ihn schubste, streichelte sie zwischen den Augen und den Hörnern, tätschelte sie am Hals und sprach ihr gut zu. Lisa gab sich einen Ruck und blieb dicht hinter ihm stehen. Sie musste sich beherrschen, Tom nicht die Arme um seine Mitte zu schlingen und den Kopf zwischen seine kräftigen Schultern zu legen.

„Komm.“ Er nahm ihre Hand und drückte sie an Ernas Hals. Das Fell war warm und zuckte unter ihrer Hand.

„Siehst du, sie tut dir nichts“, flüsterte er.

Sie hörte ihn kaum; in ihrem Kopf surrte es viel zu laut. Sie hoffte, er würde nicht fühlen, wie sehr sie bebte.

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