In dieser Zeit kennt sie sich selbst nicht wieder. Es gibt Tage, da kommt er in ihren Gedanken fast gar nicht vor, dann wünscht sie sich beinahe sogar, daß er ihr gar nicht schreibt. Odd und Erik sind stets in ihren Gedanken, die beiden sieht sie ja schließlich jeden Tag im Geschäft. Bestimmt ist sie ein bißchen in sie verliebt, ohne daß sie sagen kann, wen sie mehr mag. Odd sieht besser aus, aber er ist erst neunzehn, und in seinem Gesicht zeigt sich kaum der erste Flaum. Erik ist fünfundzwanzig, männlich, erwachsen. Manchmal, wenn sie an ihn denkt, empfindet sie eine Wonne, die ihr durch und durch geht. An solchen Tagen vergißt sie, daß es Ingebrikt gibt. Dann wieder denkt sie, daß niemand außer ihr solche Gedanken und Gefühle hat. Daß es nicht normal sein kann, sich darüber zu freuen, daß gleich zwei, noch dazu Brüder, um sie werben und ihr das Gefühl geben, attraktiv zu sein. Denn dieses Gefühl hat sie, und es ist herrlich. Eitelkeit, so hat man sie gelehrt, ist eine der schlimmsten Sünden.
An anderen Tagen ist sie unglücklich, weil er kein Lebenszeichen von sich gibt. Fühlt sich elend, weil sie durch ihren Leichtsinn vielleicht alles verdorben hat. Und könnte sie jemals einen bekommen, der besser ist als Ingebrikt?
Genauso wechselhaft wie ihre Gefühle ist das Wetter in dieser Zeit. Den einen Tag ist es strahlend schön mit Herbstsonnenschein über Land und Meer. An anderen Tagen heult der Herbststurm um die Häuser, peitscht den Regen gegen die Fensterscheiben, bricht Baumkronen herunter und jagt Blätter und Zweige in wirbelndem Tanz durch das Dämmerlicht.
An einem solchen Abend sitzt sie in ihrem Zimmer, fühlt den Sturm, der draußen wütet, fast mehr, als sie ihn hört. Obwohl es draußen so ungemütlich ist, spürt sie mit allen Fasern ihres Herzens, wie sehr sie die Herbststürme liebt. Ihre eigenen unglücklichen Gedanken sind es, die dort draußen im Kampf liegen, die wüten und heulen und drohen. Alles, was sie hört und sieht, stürzt auf sie ein und nimmt sie wieder gefangen und verwandelt sich in Worte, die sie niederschreibt.
Schon vor längerer Zeit hat sie begonnen, ihre Gedanken in Gedichten festzuhalten. Dann und wann ist ihr die vermessene Idee gekommen, Dichterin zu werden. Aber diesen Einfall hat sie verworfen. Das ist eine Grille, etwas, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Sie, die sehr viel liest, sei es Lyrik oder Prosa, hat längst begriffen, daß mehr dazu gehört, eine Dichterin zu sein, als nur ihre Gedanken auf ein Stück Papier zu kritzeln. Sie schreibt für sich selbst. Dadurch kann sie ihre inneren Spannungen abbauen. Wenn Gedichte von ihr in der Lokalzeitung gedruckt wurden, hat sie das stolz und glücklich gemacht. Mehr wird nie dabei herauskommen, das weiß sie.
Eines Nachmittags, der Laden ist gerade voll, kommt der Brief. Herr Fuglevik überreicht ihn Julie, mit seiner lauten Stimme lenkt er die Aufmerksamkeit aller darauf, und sie spürt unter den Kommentaren der anwesenden Männer die verräterische Röte in ihrem Gesicht aufflammen. Aber sie versucht sich nichts anmerken zu lassen und steckt den Brief, ohne ihn zu öffnen, in die Tasche der karierten Schürze, die sie im Laden trägt.
Den ganzen Tag über ist ihr, als brenne der Brief in der Tasche, bis es endlich Feierabend ist und sie in ihrem Zimmer im Korbsessel unter der angezündeten Lampe sitzt, nachdem sie sich auch noch die Zeit genommen hat, den Ofen anzuheizen. Er bullert leise in der Ecke und verbreitet behagliche Wärme in dem von der Lampe erleuchteten Zimmer. Sie spürt das Herz in der Brust schlagen, während sie den Umschlag öffnet. Aber dann bekommt sie erst richtiges Herzklopfen.
Als ob sie es nicht geahnt hätte, daß er ihr mit einem Gedicht antworten wird. Als sie auf die Amtsschule ging, haben sie sich eine Zeitlang auch Gedichte geschrieben. Die Briefe von damals liegen weggeschlossen unten im Schubfach ihrer Kommode.
Das Gedicht ist lang, hat viele Strophen. Es ist zu sehen, daß er sich tüchtig plagen mußte, viele der Reime holpern. Wohl deshalb hat die Antwort so lange auf sich warten lassen.
Nichts außer dem Gedicht. Genau wie sie es mit ihm gemacht hat, nur die Verse, sonst nichts. Sie wird ihm mit einem Gedicht antworten. Obwohl, für einen Moment kommt ihr der Gedanke, daß das nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat, sich Gedichte zu schicken. Sie fragt sich, was er dabei gedacht haben mag, als er die Verse für sie schrieb. Stellte er sich vor, daß es zwischen ihnen nun ernst ist? Aber ist es das auch? Nein, sie ist viel zu müde, um darüber nachzusinnen. Und sie ist viel zu müde, um daran denken zu können, ihm zu schreiben. Ohne daß die Worte ihr zufallen, hat es sowieso keinen Sinn, und jetzt, in diesem Moment hat sie keinen anderen Gedanken, als zu schlafen. Als hätte sein Gedicht eine unendliche Müdigkeit in ihr ausgelöst.
Julie ist es immer leichtgefallen zu lernen. Nach der Grundschule und auch, als sie von der weiterführenden Schule abging, hatte sie in allen Fächern gute Noten. Dasselbe, als sie die Amtsschule verließ. Ja, da waren ihre Zensuren so gut, daß der Direktor der Amtsschule sie in sein Büro rief, um ihr zu sagen, daß sie ihre Fähigkeiten nutzen und weitermachen müsse. Er meinte, sie sollte sich für das Seminar in Volda bewerben. So weit sie zurückdenken kann, ist das immer ihr Traum gewesen. Zur Schule gehen, mehr lernen. Ihr größter Wunsch war es, das Abitur zu machen, aber daran ist jetzt überhaupt nicht zu denken. Erst die Mittelschule und dann das Gymnasium, das dauert Jahre. Und anschließend ginge es dann mit der Ausbildung weiter. Erstens wäre das viel zu teuer, als daß die Eltern dafür aufkommen könnten, denn zur Familie gehören ja noch mehr Kinder, für die gesorgt werden muß. Und außerdem ist es zu spät, sie ist schon zu alt. Das Seminar, das wären nur drei Jahre, und die Eltern haben ihr zugeredet. Sie konnte sich nicht dazu entschließen. Deshalb arbeitet sie dieses Jahr. So hat sie noch Zeit, gründlich darüber nachzudenken, und ein paar Kronen kann sie sich außerdem zurücklegen. Wenn sie nur nicht diese Zweifel hätte. Falls sie heiratet, und das wird sie ja eines Tages, wäre alles umsonst. Und als unverheiratete strenge Lehrerin kann sie sich selbst einfach nicht vorstellen. Deshalb ist sie froh, daß sie dieses Jahr bekommen hat, sie braucht die Zeit, um sich entscheiden zu können. Noch kann sie die Sache vor sich herschieben, erst Ende des Frühjahrs läuft die Bewerbungsfrist ab.
Wenn sie an den Abenden mit solchen Gedanken allein in ihrem Zimmer sitzt, überkommt sie Heimweh. Am meisten vermißt sie dann Synna. Mit ihr kann sie Dinge besprechen, über die sie sonst mit keinem reden kann. Hier hat sie niemanden. Mit Solveig kann sie über nichts anderes als über alltägliche Sachen reden, und Ane kann sie mit so etwas nicht behelligen. Außerdem würde sie dann wohl annehmen, daß es ihr hier nicht gefällt, wenn ihr solche Gedanken im Kopf herumgehen. In jedem Brief an Synna hat sie sie gebeten, für ein Wochenende auf Besuch zu kommen. Bis Weihnachten ist es noch so unendlich lange hin. Ihr gefällt es wirklich gut hier, aber ab und zu wünscht sie sich, daß Synna da wäre. Dann wäre alles vollkommen. Und wenn Synna gar eine Arbeit in der Nähe finden würde? Aber das sind nur Träume. Für junge Frauen gibt es hier keine Arbeit. Höchstens als Dienstmädchen, und das würde die Mutter auf gar keinen Fall zulassen. Außerdem wird Synna zu Hause gebraucht, noch dazu, wo sie selbst jetzt hier ist. Aber auf einen Wochenendbesuch könnte sie ja vielleicht noch vor Weihnachten kommen. Wie gerne würde sie ihr zeigen, wie gut sie es hier getroffen hat.
Die Tage sind voll ausgefüllt. In dem Maße, wie sie sich an die Arbeit gewöhnt, erhält sie mehr Verantwortung im Laden. Ane sagt, sie hat es satt, hinter dem Ladentisch zu stehen, ihr gefällt die Hausarbeit besser. Dadurch ist Julie die längste Zeit des Tages im Geschäft. Wenn Herr Fuglevik besonders viel zu tun hat, kommt es vor, daß er ihr auch noch die Verantwortung für die Kasse überträgt, dann muß sie das Geld zählen und nach Ladenschluß abrechnen. Das macht ihr Spaß. Buchführung war ein Fach, das sie mochte. Es erfordert Genauigkeit und Konzentration, und jedesmal ist man gespannt, ob am Ende alles stimmt. Herr Fuglevik ist mit dem Neubau unten am Kai beschäftigt. Dort läßt er ein neues Geschäft bauen, mit Lager und Speicher. Im Neubau wird es auch einen Platz geben für die Fischannahme, die er betreibt, und hinter dem Laden ist ein separates Büro vorgesehen. Gleich nach dem Winter soll der Neubau eingeweiht werden.
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