Ihre Uhr, die an der langen Silberkette um ihren Hals hängt, ist gleich sieben. Sie will nicht nach draußen gehen und ihn dort erwarten, will keinen Übereifer zeigen. Doch den Mantel hat sie schon mal angezogen, während sie wartet. Der Mantel, den hat sie auch neu zur Konfirmation bekommen. Marineblau, halblang und mit einem schwarzen Persianerkragen. Der Kragen ist abnehmbar, so kann sie den Mantel das ganze Jahr über tragen.
Der Abend ist mondhell. Sie steht am Fenster und schaut nach draußen. Als sie die beiden auf das Haus zukommen sieht, nimmt sie sich viel Zeit, ehe sie das Zimmer verläßt, denn sie muß kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Nicht, daß es noch ein Feuer gibt. Sie schaut nach dem Ofen, den sie angeheizt hatte, bevor sie sich wusch und anzog. Dann löscht sie die Lampe und tastet sich im Dunkeln die Treppe hinunter.
Der Wind hat sich gelegt. Ein milder und stiller Abend im Mondschein. Am Himmel sind die ersten Sterne aufgegangen und verkünden, daß es Herbst ist.
Von ihren Begleitern eingerahmt, geht sie die Straße hinunter. Die beiden reden ununterbrochen. Sie selber sagt nichts, wie immer, wenn sie auf Fremde trifft. Sie muß sich die Menschen erst ansehen, bevor sie sich mit ihnen locker und ungezwungen unterhalten kann, Bekanntschaft mit ihnen schließt. Da hört sie Musik. Ihr Herz beginnt zu klopfen. So ist es immer, diese Erwartung, daß jetzt, jetzt alles geschehen kann.
Das Jugendhaus ist mit Girlanden aus buntem Krepppapier geschmückt. An der Decke hängen große Petroleumlampen, die den Saal in gedämpftes Licht tauchen. Die Bühne ist mit Herbstlaub dekoriert. Augenblicklich nimmt die festliche Stimmung des Lokals sie gefangen. Überrascht bemerkt sie, daß der Musikant, der dem Akkordeon die Töne entlockt, Odd ist, der jüngere der Brüder, die ihr in letzter Zeit den Hof machen. Daß er Akkordeon spielen kann, wußte sie nicht, und noch dazu so gut, wie sofort zu hören ist. Sie sieht ihm an, daß er sie bemerkt hat, die Verwunderung steht ihm im Gesicht geschrieben. Er und auch die anderen hier werden sich bestimmt fragen, wie sie es geschafft hat, in solcher Begleitung zum Tanz zu kommen. Unter all den Blicken wird ihr ganz heiß. Die meisten hier wissen bestimmt, daß sie im Laden arbeitet, sie aber kennt fast niemanden. Bestimmt wird man sie heute abend auf Schritt und Tritt beobachten.
Noch ist die Tanzfläche leer. Es dauert immer seine Zeit, bis sich der erste Mutige ein Herz faßt. In den Saalecken, im Schutz der Dunkelheit, stehen die Burschen in Gruppen zusammen und unterhalten sich. An den Wänden aufgereiht sitzen steif die festlich gekleideten Mädchen und warten darauf, daß man sie zum Tanz holt. Julies Augen wandern die Reihen suchend ab, und dort, Gott sei Dank, entdeckt sie Solveig. Als Julie auf sie zugeht, wirft sie den Kopf leicht in den Nacken, macht aber Platz, so daß Julie sich setzen kann und das Gefühl hat, etwas geschützter zu sein vor den neugierigen und lästigen Blicken.
»Schau an, du wolltest also doch zum Tanz?«
»Nein, das hatte ich wirklich nicht vor, aber dann habe ich einen ehemaligen Schulkameraden von zu Hause getroffen, und der hat mich überredet mitzukommen.«
»Na, wenn das so ist«, sagt Solveig, und es hört sich immer noch gekränkt an, aber Julie redet unbeirrt weiter, bis Solveig besänftigt ist. Denn es darf ja nicht der Eindruck entstehen, sie sei sich zu fein, gemeinsam mit den anderen Mädchen zum Tanz zu gehen. Dann wäre sie hier im Ort schnell unten durch.
Als erster fordert Ingebrikt sie auf. Darüber ist sie froh, denn mit ihm hat sie schon sehr viel getanzt, so daß sie fast jeden seiner Schritte genau kennt, und er ist ein guter Tänzer. Es kommen auch andere und holen sie, Burschen, die sie nicht kennt. Mit Erik, dem älteren der beiden Brüder, die manchmal auf ihrer Brottruhe sitzen, tanzt sie häufiger. Er fragt sie, wer Ingebrikt ist, und sie gibt ihm dieselbe Antwort, die sie den anderen gegeben hat, daß er nur ein Schulkamerad ist, nicht mehr.
Einige der Burschen haben getrunken und krakeelen herum. Zuerst begreift sie nicht, wie das angehen kann, denn Schnaps ist in dieser Zeit nicht aufzutreiben. Aber sie werden hier wohl Starkbier brauen, wie bei ihr zu Hause im Dorf auch. Sie selbst gehört zu den Alkoholgegnern, absolut. Für sie gibt es nichts Schlimmeres als Betrunkene. Nur gut, daß Ingebrikt nicht trinkt.
Später am Abend wird sie von einem zum Tanz aufgefordert, der Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Das ist das Unangenehmste, was ihr passieren kann, dennoch zögert sie etwas, bevor sie nein sagt. Sie ist ja fremd hier, und man weiß nie, was wird, wenn sie jemandem einen Korb gibt. Und natürlich ist er beleidigt.
»Ach so, du bist hergekommen, obwohl du was Besseres bist. Hast dir einen importierten Kavalier mitgebracht und bist dir zu fein, mit uns hier aus dem Dorf zu tanzen.«
»Du kannst ein anderes Mal wiederkommen, wenn du nüchtern bist«, sagt sie und heftet ihren Blick so fest auf ihn, daß er sich zurückzieht. Dann kommt Ingebrikt und rettet sie, und für den Rest des Abends weicht er nicht mehr von ihrer Seite.
Alles ist so wunderbar. Ingebrikts fester Griff um ihre Taille, die Musik und der Rhythmus, der ihre Bewegungen steuert, alles so jenseits des Alltags. Das Herz in ihrer Brust klopft, von der wilden, wirbelnden Bewegung ist sie ganz benommen und merkwürdig berauscht. Aber nicht nur die Bewegung ist es, die sie schwindelig macht. Es ist die Verliebtheit, die wieder da ist, aber es sind auch die vielen Augen, die sie beobachten, besonders die von Odd und Erik, die Blicke, die sie den ganzen Abend auf sich gerichtet spürt, als wollten sie sie durchbohren. Ist sie etwa eitel? Sie hofft, sie benimmt sich auf dem Tanz so, daß ihr nach dem Abend niemand etwas nachsagen kann.
Ingebrikt hat ihr oft gesagt, daß sie distanziert wirkt, unnahbar, daß sie eine ganz besondere Fähigkeit besitzt, Menschen auf Abstand zu halten.
»Wenn ich nur wüßte, was du denkst!« hat er mehr als nur einmal gesagt.
Nur gut, daß er oder jemand sonst das nicht weiß, denn den Tag, an dem sie ihre geheimsten Gedanken mit anderen teilt, möchte sie selber bestimmen. Ob das je geschieht, irgendwann?
Die Zeit vergeht viel zu schnell, so könnte sie die ganze Nacht bis zum Morgengrauen tanzen. Mit den glücklichen Augen von Ingebrikt, in die sie schaut, mit seinen Armen, die er um sie gelegt hat, und mit all den Menschen hier ringsum im Saal. Doch um Mitternacht ist alles vorüber.
Sie gehen die Straße entlang inmitten einer Gruppe lachender und johlender Jugendlicher. Nachdem sich Paar um Paar allmählich aus der Gruppe gelöst hat und zurückgeblieben ist und auch die nach Hause geeilt sind, die niemanden gefunden haben, ist der Lärm verebbt. Sie geht neben Ingebrikt, und jetzt nimmt er ihre Hand, und sie läßt ihn gewähren.
Sie sitzen draußen am Rande des Kais auf einer Kiste. Die Nacht ist ruhig, und der Mond scheint. In der Stille kaum hörbar das Glucksen des Meerwassers an den Pfählen der Mole, Streifen des Mondlichtes auf der schwarzblanken See. Hier sitzen sie und plaudern. Er erzählt ihr, daß er Theologie studieren will, wenn er mit dem Gymnasium fertig ist. Da lacht sie.
»Du willst Pastor werden, wo du doch so viel Spaß am Tanzen hast?«
»Soll ich denn nicht Pastor werden können, bloß weil ich gern tanze?«
»Ein Pastor, der tanzt, das hab’ ich noch nicht gehört.«
Darüber sprechen sie und darüber, was Sünde ist und was nicht. Und obwohl sich seine Ansichten von allem unterscheiden, was sie bisher gedacht und geglaubt hat, sagt er doch vieles, was so klug ist, daß sie darüber noch nachgrübeln wird, wenn diese Nacht längst vorüber ist.
»Das war ein schönes Gedicht von dir in der Zeitung«, sagt er, und das kommt für sie so unvermittelt, daß sie sich erst einmal sammeln muß, bevor sie etwas sagen kann: »Woher weißt du denn, daß ich das war?«
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