Auf einmal fühlt sie sich ungeheuer glücklich. Und hatte er nicht von einem Päckchen gesprochen, das er für sie abgegeben hat?
Ane steht im Flur und nimmt sie in Empfang. Auch sie streckt ihr die Hand entgegen.
»Ich möchte dir herzlich zum Geburtstag gratulieren, Julie. Daß du aber auch nichts gesagt hast, sonst hätte ich mir doch die Zeit genommen, um dir einen Kuchen zu backen.«
»Nein, das ist doch wirklich nicht nötig!«
»Du weißt sicher schon, daß jemand hier war mit einem Päckchen für dich«, sagt Ane, die sie vom Fenster aus gesehen haben muß. »Ich habe ihn gefragt, ob es einen besonderen Anlaß gibt, und so erfahren, daß du heute Geburtstag hast. Also weißt du, Julie, du bist wirklich zu bescheiden. Aber der junge Mann machte einen guten Eindruck.«
»Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen. Er ist der Sohn von unserem Lehrer«, stottert Julie.
»Er ist beim Sohn des Pastors zu Besuch, hat er gesagt, und daß sie in Molde dieselbe Schule besuchen.«
»Sie gehen dort beide in die Abiturklasse. Er hat mich übrigens gefragt, ob ich heute abend mit ihnen zum Tanzen gehe. Ob ich das wohl machen kann?«
»Warum denn nicht? Ein Lehrersohn und der Sohn eines Pastors, bessere Kavaliere kannst du dir doch gar nicht wünschen. Und wenn du erst da bist, kannst du dich ja an Solveig halten. Aber wie ich dich kenne, kannst du auch gut selber auf dich aufpassen.«
Das Päckchen liegt auf dem runden Tisch. Sie sitzt im Sessel und schaut es nur an. Es ist fast wie am Weihnachtsabend. Man möchte die Geschenke auspacken, und gleichzeitig soll die Spannung noch etwas länger anhalten. Außerdem gibt es bald Mittag, sie wird sich das Ganze bis nach dem Essen aufheben. Vorfreude, schönste Freude.
Am Mittagstisch wissen alle Bescheid. Julie steht im Mittelpunkt.
»Du darfst dich zuerst bedienen, du hast heute deinen Ehrentag«, sagt Herr Fuglevik äußerst zuvorkommend.
Ane reicht ihr die Fleischklöße, die Kartoffeln und den gestampften Kohl. Der schmeckt wunderbar und fremd nach Muskat. Sie sitzen um den langen Tisch in der geräumigen Küche, Herr Fuglevik an der einen Stirnseite, Ane an der anderen. In der ersten Zeit hat Julie sie Frau Fuglevik genannt, wurde von ihr aber bald aufgefordert, Ane zu ihr zu sagen. Aber Herr Fuglevik wird nur mit dem Nachnamen angesprochen, auch von Ane, die mit ihm verheiratet ist. Die Kinder sitzen auch mit am Tisch, drei Jungen, die noch die Grundschule besuchen. Zwei erwachsene Töchter gehören auch dazu, aber sie wohnen nicht mehr zu Hause.
Gutmütig neckt Herr Fuglevik sie mit Ingebrikt, und zum Vergnügen der Jungen wird sie rot.
»Der wäre sicher keine schlechte Partie!« sagt Herr Fuglevik.
»Davon kann keine Rede sein«, protestiert sie verlegen, »wir sind bloß zusammen aufgewachsen.«
Beim Aufschnüren des Paketes läßt sie sich Zeit. Erst legt sie das graue Packpapier ordentlich zusammen, dann packt sie die Geschenke von den kleinen Brüdern aus, einen Block Schreibpapier und Briefumschläge mit geblümtem Futter. Von Johanne bekommt sie gestrickte Fingerhandschuhe, die sie mit ihrem Monogramm bestickt hat. Das Päckchen von Synna enthält ein Notizbuch mit festem Einband. In das Buch hat ihr Synna geschrieben: »Ich denke, du wirst für dieses Tagebuch Verwendung haben, jetzt, wo ich nicht mehr bei dir bin und du mir deine Geheimnisse nicht mehr anvertrauen kannst.«
Als sie das Geschenk von der Mutter auspackt, überkommt sie ein schlechtes Gewissen wegen all der vorwurfsvollen Gedanken und des Selbstmitleids von heute früh. Denn die Mutter hat ihr eine wunderschöne Bluse genäht. Aus cremefarbenem, glänzendem Seidenstoff. Und so sorgfältig ausgeführt, von oben bis unten zu knöpfen, mit klitzekleinen Knöpfen, die mit dem Blusenstoff bezogen sind. Dieselben Knöpfe auf den langen Manschetten der gekräuselten Ärmel. Entlang der Knopfleiste gereihte schmale Biesen, dazu ein großer flacher Kragen, besetzt mit Spitzen um den runden Halsausschnitt. Das ist das schönste Kleidungsstück, das sie je besessen hat.
Als ob das nicht mehr als genug wäre, liegt ein Umschlag vom Vater dabei mit fünf Kronen.
»Kauf dir davon, was du möchtest!« hat er auf den beiliegenden Zettel geschrieben.
Julie ist völlig aus dem Häuschen. So viel Aufhebens ist vorher noch nie von ihrem Geburtstag gemacht worden. Und ein Brief ist auch noch dabei und eine Karte von allen gemeinsam.
»Du mußt nicht glauben, daß wir nun jedesmal, wenn du Geburtstag hast, einen solchen Aufwand treiben. Aber dieses Mal bist du ja weit weg von zu Hause und allein, deshalb wollten wir dir in diesem Jahr eine besondere Freude machen. Auch um dich daran zu erinnern, daß du ab jetzt erwachsen bist. Es ist nun bald an der Zeit, daß du darüber nachdenkst, was du mit deinem Leben anfangen willst. Du gehst nun in dein neunzehntes Lebensjahr und bist den Kinderschuhen entwachsen. Die ungezügelte und unschuldige Kindheit liegt hinter dir. Du weißt ja, wir sind für dich da und werden helfen, so gut wir können und soweit es die finanziellen Verhältnisse zulassen. Ich finde, du solltest dieses Jahr nutzen und Erfahrungen sammeln und weiter über die Pläne nachdenken, die wir vor längerer Zeit in diesem Jahr besprochen haben. Daß du die Fähigkeiten dazu besitzt, weißt du.«
Ja, sie wird darüber nachdenken, aber nicht heute, denn dann bekommt sie wieder nur Zweifel und gerät ins Grübeln. Sie will zum Tanz, und sie freut sich darauf. Und sie ist auch sehr glücklich, daß alle zu Hause auf diese Weise an ihren Ehrentag gedacht haben.
Noch ist es viel zu früh, um sich für das Fest fertig zu machen. Das würde nur zur Folge haben, daß sie dort in verknitterten Sachen ankäme. Ruhe zum Lesen hat sie auch nicht mit diesem Durcheinander von Gedanken im Kopf. So bleibt sie im Sessel vor dem Fenster sitzen und blickt nach draußen. Die See, die Landschaft, hin und wieder Spaziergänger, die die Straße entlangkommen, Sonntagsfriede.
Ingebrikt. Seltsam, daß er ausgerechnet jetzt hier aufgetaucht ist. So war es mit ihm in den letzten Jahren aber schon immer. Er ist gekommen und gegangen, auch in ihren Gedanken. Sie war in ihn verliebt, und dann war es vorüber, wieder und wieder. Sie kennen sich nun schon seit Ewigkeiten. Obwohl er zwei Jahre älter ist als sie, waren sie doch in derselben Clique. Schon in der Grundschule hat sie immer nur ihn gesehen. Viele schöne Erinnerungen hängen daran. Sie muß an die mondhellen Winterabende denken, an denen die großen Schlitten vollgepackt wurden mit Kindern und Jugendlichen, und die größten und stärksten Jungen saßen ganz hinten und steuerten den Schlitten mit einem Ast, den sie sich von einem Baum geschnitten hatten. Ingebrikt sorgte immer dafür, daß er hinter ihr saß, so daß er sie festhalten konnte, wenn die Fahrt zu schnell wurde. Das war herrlich aufregend. Und nachdem sie konfirmiert worden war, hatte er nur noch Augen für sie. Sobald das Eis auf dem Fjord trug, waren sie auf Schlittschuhen draußen. Zwischen den Mädchen gab es einen Wettbewerb, wer die nettesten Jungen zum Anschieben gewinnt. Ingebrikt gehörte dazu, er schob sie, bis sie das Gefühl hatte, mit dem hinderlichen Rock, der sich wie ein Segel um die Beine legte, über das Eis zu fliegen. Wenn Tanz war, tanzte er fast nur mit ihr, und für gewöhnlich brachte er sie auch nach Hause. Deshalb war es kein Wunder, daß sie von den anderen für ein Paar gehalten wurden. Aber er war sehr oft weg. Er begann auf dem Gymnasium in Molde und fuhr an den Wochenenden selten nach Hause. Hinzu kam, daß sie letzten Winter die Amtsschule in Vestnes besuchte. Aber diesen Sommer über haben sie sich sehr häufig gesehen.
Es ist schon eine merkwürdige Sache mit Ingebrikt. Trifft sie ihn und sieht sie ihn, flammt die Verliebtheit in ihr auf. Danach hat sie ein paar Tage lang Sehnsucht, und dann ist alles wieder vorbei, sie vergißt ihn völlig, bis er wieder auftaucht und alles von vorn beginnt. Wenn es um solche Dinge geht, ist es mit ihr nun mal nicht wie bei anderen. Sie kann sich so unglaublich leicht verlieben, und genauso schnell ist es auch wieder vorüber. Manchmal fragt sie sich, ob sie es jemals schaffen wird, sich dauerhaft in einen Jungen zu verlieben, denn das ist ja der Traum aller Träume, den einen zu finden, den man den Richtigen nennt.
Читать дальше