Er ist in jeder Hinsicht ein Junge, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann. Er sieht sehr gut aus mit seinen blonden Haaren und den fröhlichen blauen Augen, er ist nicht sonderlich groß, hat aber eine gute Figur. Ein schöner junger Mann. Intelligent, und man kann sich mit ihm gut unterhalten, aber etwas hat er in seiner Art, mit dem sie nicht zurechtkommt. Er ist eigensinnig, jedesmal wenn sie diskutieren, ist er insgeheim darauf bedacht, recht zu bekommen, das letzte Wort zu behalten. Bei solchen Gelegenheiten ist ihr etwas in seinen Augen aufgefallen, eine Kälte, die sie frösteln läßt. Vielleicht ist es das, was sie bedenklich stimmt. Im Sommer hat er auch so Andeutungen gemacht, die darauf schließen lassen, daß er es ernster meint, als sie es tut. Und das möchte sie auf keinen Fall, sie will sich nicht an einen einzigen binden, noch nicht, noch lange nicht. Schließlich ist zwischen ihnen nicht mehr gewesen, als daß er mit ihr am häufigsten getanzt hat, daß sie es war, die er nach Hause brachte. Es gab sicher viele, die sie darum beneideten. Aber zwischen ihnen ist nie mehr gewesen, als daß sie Hand in Hand nach Hause gingen, wenn es niemand sah, nie mehr als eine flüchtige Umarmung zum Abschied. Und obwohl das alles sehr schön war, heißt das ja wohl noch lange nicht, daß sie ein Liebespaar sind. Oder hat es vielleicht dazu geführt, daß er sich ihrer sicher glaubt? Vorhin war das auch wieder zu merken, als er ihre vorsichtigen Einwände, zum Tanz mitzugehen, einfach überhörte. Er fegte sie hinweg, tat, als würde er sie gar nicht wahrnehmen. Eigensinnig , das ist er.
Wie auch immer, nun sitzt sie wieder da und ist verliebt. Möglicherweise gibt dieser Abend Antwort auf alles, worüber sie nachsinnt?
Sie muß ihre Sachen durchsehen. Die Bluse, die sie geschenkt bekommen hat, will sie heute abend anziehen. Sie wird sie noch einmal mit dem Plätteisen überbügeln müssen. Der Rock aus dem guten Stoff hat das wohl nicht nötig.
Als sie nach unten in die Küche kommt, steht Ane am Herd und kocht Kaffee.
»Gerade wollte ich dich zum Kaffee rufen«, sagt sie zu Julie, die in der Tür steht.
»Ach, ich kann doch eine Tasse hier in der Küche trinken, und dann würde ich gerne meine Bluse bügeln.«
»Natürlich mußt du heute zusammen mit uns Kaffee trinken, weißt du. Erst gibt es Geburtstagskaffee. Bügeln kannst du hinterher.«
Vorsichtig hängt Julie die Bluse über eine Stuhllehne, dort kann Ane sie nicht übersehen und muß sie bewundern.
»Oh, die ist ja wunderschön.«
Und dann erzählt Julie, daß die Bluse ein Geschenk von zu Hause ist, daß sie in dem Paket war und daß ihre Mutter sie genäht hat. Bestimmt mit Hilfe von Synna, die einen Schneiderkursus besucht hat. Dann wird ihr ganz heiß, weil sie schon die ganze Zeit viel zuviel redet.
In der guten Stube ist der Tisch mit dem Festtagsgeschirr gedeckt, mit einem bestickten Tischtuch, das strahlend sauber und frisch gestärkt ist, und mitten auf der Tafel thront eine große Torte. Wieder ist Julie verlegen, das wäre doch nicht . . . Aber Ane sagt, daß es ihnen doch auch Freude bereitet, ihr zeigen zu können, wie sehr sie sie mögen. Sie ist doch so tüchtig, und sie hoffen, sie noch lange hierbehalten zu können.
»Falls du es nicht vorziehst, uns demnächst zu verlassen, um zu heiraten«, neckt Herr Fuglevik sie. »Denn du kommst jetzt ja bald in das Alter.«
Wenn sie doch erst in einem Alter wäre, in dem sie dieses verräterische Rotwerden hinter sich hätte!
»Laß doch das Kind in Ruhe mit deinen Scherzen«, schimpft Ane.
Nicht nur eine leckere Torte mit Konfitüre und viel Sahne hat Ane herbeigezaubert, Julie bekommt auch Geschenke. Von Ane schön bestickte Taschentücher in einer Schachtel und von den Kindern einen Taschenspiegel mit Kamm.
Sie läßt das Bügeleisen auf dem Ofen heiß werden, streicht es auf der Plättdecke gründlich ab. Es darf nicht zu heiß sein, damit es keine Brandflecke auf der wertvollen Bluse gibt, und es darf kein Ruß dran sein. Sicherheitshalber bügelt sie die Bluse von der linken Seite. Das wäre eine schöne Bescherung, wenn sie sie mit Rußflekken verderben würde und ausgerechnet heute eine alte Bluse anziehen müßte.
Sie nimmt sich viel Zeit, um sich zurechtzumachen. Sie wäscht sich von Kopf bis Fuß, legt aus dem kleinen Fläschchen, das nach Maiglöckchen riecht, ein paar Tropfen auf. Aus der Kommode holt sie die feinste Unterwäsche, Mieder und Unterhemd, Schlüpfer und Unterkleid. Alles riecht frisch nach Heidemyrte, die sie selber gepflückt und in kleinen Beuteln aus Verbandmull zwischen die Sachen gelegt hat. Getrocknete Sträuße der Heidemyrte hängen auch zwischen ihren Kleidern an den Haken entlang der Wand. Das hält die Motten fern.
Die Bluse ist wunderbar und paßt sehr schön zu dem marineblauen, knöchellangen Rock aus dünnem Wollstoff, zu dieser Jahreszeit ihr bestes Kleidungsstück. Er ist glockenförmig geschnitten, sitzt eng um die Hüften und wird zum Saum hin sehr weit.
Darüber trägt sie einen breiten Gürtel in demselben Stoff wie der Rock. An den Füßen schwarze Knopfstiefel. Mit Ausnahme der Bluse sind das die Sachen, die sie zur Konfirmation getragen hat.
Sie freut sich über die neue Bluse. Die sie zur Konfirmation bekam, spannt über dem Busen, obwohl sie die Knöpfe schon versetzt hat, soweit es ging. Nun braucht sie sich deshalb nicht mehr zu genieren. Den Rock mußte sie nicht weiter machen. Der war gleich so genäht, daß sie hineinwachsen konnte. An dem Gürtel hat sie auch nichts geändert. Sie sieht fast so aus wie damals. Um den Busen herum und an den Hüften hat sie ein bißchen zugelegt, aber sie ist noch genauso schlank, und gewachsen ist sie auch nicht mehr, glücklicherweise. Bei der Konfirmation war sie die größte von allen Mädchen in der Kirche. Einsneunundsechzig.
Sie bürstet das schwarze Haar, bis es knistert und glänzt. Es reicht ihr bis zur Taille und ist so üppig und dick, daß sie es zu zwei Zöpfen flechten muß, die sie in einem Kranz um den Kopf legt.
Sie weiß, daß man von ihr sagt, sie sei schön, aber es fällt ihr schwer, das selber zu beurteilen. Von Synna sagt man das auch, und daß Synna schön ist, das kann sie sehen. Sie hat Ähnlichkeit mit den Verwandten der Mutter, sie ist nicht so groß wie Julie, und sie hat nicht dieses rabenschwarze Haar. Synnas Haare sind hellbraun, im Sommer, wenn sie von der Sonne gebleicht sind, bekommen sie einen goldenen Schimmer. Außerdem hat sie natürliche Locken. Als sie klein war, umhüllten die hellen Löckchen ihr Gesicht wie eine Wolke, während Julie, die nur leicht gewelltes Haar hat, fleißig flechten mußte, um solche Locken zu bekommen. Aber Synna flicht ihr Haar genauso zu Zöpfen wie Julie. Sie hat große, braune Augen, wie man das nur von Tieren kennt, und sie stehen in einem merkwürdigen Kontrast zu den hellen Haaren.
Im Schein der Petroleumlampe, der auf ihr Gesicht fällt, steht sie vor dem Spiegel und betrachtet sich. Noch ist ihr Gesicht kindlich rund, obwohl sie versucht, eine erwachsenen Miene aufzusetzen. Sehr verändert hat sie sich nicht, seit sie fünfzehn ist und vom Pastor konfirmiert wurde. Ihre Nase ist kurz, mit einer Andeutung zur Stupsnase. Die Lippen sind voll, die Augen groß und graublau, mit etwas schweren Lidern, schwarzen Wimpern und schmalen, geraden Brauen darüber. Synna sagt, daß sie ganz besondere Augen hat. Daß sie die Menschen mit einer Direktheit und Ruhe im Blick anschauen kann, daß sie verlegen werden. Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt oder wenn ihr jemand zu nahe tritt, können ihre Augen ganz ausdruckslos sein oder vor Verachtung blitzen. Synna sagt, daß sie in der Lage ist, die Leute mit ihrem Blick einzuschüchtern. Das sagt Synna, doch selber kann sie das nicht feststellen. Ingebrikt sagt allerdings, daß sie schöne Augen hat.
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