„Warum müssen alle Erinnerungen an Kurt ausgelöscht werden?“ fragte ich mit einer Stimme, die nicht gerade fest war.
Beatrice wehrte ab: „Lieber Dan, wir wollen von der Sache nicht mehr reden. Das ist ein wunder Punkt in meiner Familie, verstehen Sie. Wir Kinder haben nie erfahren, warum.“
„Einmal fragte ich Papa“, sagte Erland. „Worauf er explodierte! Ich weiß nur, daß Kurt tot ist. Und daß mit seinem Tod irgend etwas Furchtbares und Unerfreuliches verbunden ist.“
Er nippte an seinem Whisky und raunte mir dann zu: „Fragen Sie Irma. Sie kommt heute zum Abendessen. Fragen Sie jemand, der nicht zur Familie gehört.“
Beatrice waren seine Worte nicht entgangen, und sie wurde ganz blaß.
„Nein, was Sie auch tun, fragen Sie Irma auf keinen Fall“, drang sie in mich. „Sie dürfen unter keinen Umständen mit ihr über Kurt sprechen. Das würde zu einer Katastrophe führen!“
Die Sonne schien durch ein Seitenfenster und warf einen weißen Fleck auf den Boden. Mitten in dem Lichtfleck schlief die dänische Dogge Elof.
„Was ist Ihr Beruf?“ fragte ich Beatrice. „Ich würde wetten, Sie üben eine künstlerische Tätigkeit aus. Weil Sie ein so feines Gefühl für Kunst haben.“
„Ich habe mit Mode zu tun“, antwortete sie. „Entwerfe Kleider und so. Das hier habe ich selbst gemacht.“
Sie wies kokett auf ihr veronesergrünes, weiß abgesetztes Kleid. Es war einfach und gleichzeitig ein wenig romantisch-mädchenhaft. Ein Mittelding von beginnendem Empire und leichtsinnigem Rokoko, zum Beispiel mit einer Andeutung von Puffärmeln.
Der Rock schwebte mutwillig um ihre schlanken Beine und verlieh ihr zusammen mit dem unentwickelten Busen die knabenhafte Keuschheit, die paradoxerweise die Charleston tanzenden jungen Mädchen der zwanziger Jahre so anziehend gemacht hatte.
Plötzlich erkannte ich, daß sie mir nicht nur ihr Kleid zeigte, sondern mehr von sich selbst.
Ich begegnete dem Blick ihrer großen hellbraunen Augen. Da lachte sie ein wenig verlegen und verschwand.
„Ich muß nach dem Essen sehen“, rief sie mir über die Schulter zu, wie um ihr Verhalten zu erklären.
Wir stammten aus demselben Kirchspiel. Ihr Vater, General Noijbe, besaß ein großes Gut vier Kilometer von meinem Elternhaus Strålnäs entfernt, den Herrenhof Frälsetorp, und dort war sie aufgewachsen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, sie als Kind jemals gesehen zu haben. Ich war erst sieben Jahre alt, als meine Mutter mit mir nach Tågby zog, und Beatrice mochte damals fünf gewesen sein.
Sie konnte sich an mich ebensowenig erinnern. Gottlob hatte ich einen so gewöhnlichen Nachnamen, daß sie mich nicht mit einem gewissen Gendarm Johansson in Verbindung brachte, den an einem verschneiten Novembertag 1935 der Tod ereilt hatte. Auf dem Weg zwischen Strålnäs und Boxholm.
„Ich hasse sie“, dachte ich verzweifelt. „Sie und das ganze Noijbe-Gesindel. Mördersippe!“
Erland hatte sich mit einem neuen Whisky versorgt. Er schien sich mit der Umwelt versöhnt zu haben und zeigte sich auch mir gegenüber freundlich gestimmt.
„Wissen Sie, Dan“, flüsterte er mir vertraulich zu, „das mit Kurt ist hochinteressant. Wenn Irma auftaucht, werde ich sie, hol’s der Teufel, fragen. Mögen die andern sagen, was sie wollen!“
„Tun Sie das“, spornte ich ihn an.
In diesem Augenblick kam ein Auto über den Kiesweg gefahren. Es war ein schwarzer Mercedes-Diesel, am Steuer saß eine sechzig- bis siebzigjährige Dame. Sie hatte aufgestecktes Haar und wirkte altmodisch elegant. Beatrice lief die Treppe hinunter und schloß sie in die Arme.
„Wenn man vom Teufel spricht“, murmelte Erland düster.
„Ist das Irma?“ fragte ich leise.
Er nickte. Dann flüsterte er zurück: „Jetzt werde ich sie fragen. Das alte Schätzchen ahnt nicht, was ihm blüht!“
Irma Bergner war trotz ihrer Jahre eine sehr schöne Frau. Das helle Haar war vermutlich gefärbt, aber es sah so weich und glänzend aus wie bei einem jungen Mädchen. Die Augen waren blau und groß, die Wangen frisch. Ich mußte an eine Heckenrose an einem kühlen Herbsttag denken. Ihre Farbe ist besonders intensiv, wenn der erste Frost zugebissen und der Tod unter den Gewächsen und Blättern ringsum Ernte gehalten hat. Schade nur, daß Irma Bergner ihre Schönheit nicht durch einfache Kleidung und Schmucklosigkeit wirken ließ. Statt dessen war sie so überladen, daß sie in dieser Umgebung protzig erschien.
Der Kaffee wurde eingeschenkt und der Kuchen angeboten. Irma aß mit gutem Appetit und sprach vom Wetter, vom unanständigen Fernseh-Programm und von der Gesundheit des Generals.
„Sie war mit Kurt von Spoor verlobt“, berichtete mir Erland in Verschwörerton. „Dann starb er, wie es halt so ging. Sie soll den Armen überredet haben, sich das Leben zu nehmen. Später verheiratete sie sich mit einem Direktor Bergner. Können Sie sich vorstellen, daß sie zu ihrer Zeit eine so unglaubliche Schönheit war, daß sich alle Männer die Beine nach ihr abgelaufen haben?“ „Das kann ich wirklich. Sie hat eine wundervolle Kopfform. Und wie ging es mit dem Bergner?“
„Er starb ... lassen Sie mich überlegen ... 1959, glaube ich.“
„Hat er sich auch ihretwegen das Leben genommen? Durch Überredung oder sonst eine raffinierte Methode?“
„Durchaus möglich“, murmelte Erland. „Nein, wir dürfen nicht ungerecht sein. Er stürzte mit 132 anderen in Südamerika ab. War es nicht in Argentinien? Irma war damals zu Hause in Schweden und muß also als unschuldig angesehen werden.“
Irma hatte ihr Geplauder eine Weile auf Marianne Bundin konzentriert. Sie hatte in Marianne das „Töchterchen des Arztes“ erkannt und wollte wissen, wie es „dem guten Doktor“ und „der entzückenden Doktorfrau“ ging.
Erland zeigte bereits, daß er mehr zu sich genommen hatte, als ihm gut tat. Er hockte schwerfällig in seinem Sessel und stierte vor sich hin.
„Fragen Sie sie nach Kurt“, ermahnte ich ihn und wies mit dem Kinn auf Irma. „Wenn Sie’s wagen!“
„Ob ich’s wage?“ zischte er aggressiv. „Hältst du mich für feige, du kleiner Farbenkleckser?“
Er erhob sich und nahm den Silberbecher vom Tisch. Ein Gänseblümchen fiel aufs Tischtuch, ohne daß er es merkte.
„Du, Irma“, begann er mit schwerer Zunge, „diesen Becher habe ich immer so schön gefunden. Wie ist es damit, hat Beatrice ihn nicht von dir zur Taufe bekommen?“
Irma brach mitten in ihrem Geplauder mit Marianne Bundin ab. Ihre Augen wurden wachsam. Das Gesicht straffte sich, der Mund wurde hart und bestimmt.
„Ja, allerdings“, sagte sie mit kalter, klarer Stimme.
„Hier steht aber Irma und Kurt“, fuhr Erland fort. „Wer ist Kurt? Ich wollte schon immer wissen, wer das ist. Oder war. Und Beatrice nimmt es auch wunder. Ich finde, es ist unser Recht, das zu erfahren. Er war immerhin Beatrices Taufpate. Und seinen Paten möchte man doch kennenlernen. Oder wenigstens wissen, wer es war. Oder etwa nicht?“
Sicher fünfzehn Sekunden lang war es totenstill im Zimmer. Totenstill bis auf das Ticken einer Standuhr, das leise Schnarchen des Hundes Elof und das Knistergeräusch zweier Zwergpapageien im Bauer.
Dann stand Irma auf. Sie war sehr blaß geworden, und ihre Augen schienen tiefer in den Höhlen zu liegen als zuvor.
„Was du nicht wissen willst!“ war das einzige, was sie sagte, ehe sie auf dem Absatz kehrtmachte und hinausschwebte.
Wir hörten einen Wagenschlag zuknallen. Der Mercedes fuhr an, und wir sahen ihn in einer Wolke von Staub und stiebendem Kies hügelabwärts verschwinden.
Einige Stunden waren vergangen. Ich war nach Båstad hinuntergefahren, um mich umzuziehen.
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