Er küßt jetzt Ira ganz offen auf den Mund, nickt der Berta zu, indem er sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger die Lippen klopft (aber natürlich, nickt Berta zurück, natürlich bin ich diskret). Dann ist er verschwunden.
Ira hängt schluchzend an Bertas Hals. „Erstens“, sagt Berta, „erkälten Sie sich, so mit nischt drunter. Und zweitens wie kommt er denn ’raus?“
„Aber er hat doch natürlich den Schlüssel“, antwortet Ira, schlüpft in ihr Zimmer, in ihr Bett, in ihren Schlaf.
„Natürlich“, sagte Berta, und löscht das Licht in Flur und Küche, denn der alte Ramnitz ist polternd vom Stammtisch nach Hause gekommen und wenn er Licht sieht, schimpft er wegen Lichtverbrauch und findet außerdem immer was, das er sich wünschen könnte.
Hammacher trifft kurz vor Mitternacht im Café Wien ein. Er geht schnell mit zusammengekniffenen Augen durch den Rauchnebel, das Menschenschwatzen unter der Musikhaube. Unten ist Ellen nicht. In den Seitengängen oben kann er sie nicht finden. Endlich im breiten Raum hinter der Musik sieht er sie: Römer sitzt bei ihr. Das ist unangenehm. Da sie nun weiß, daß er an diesem Abend nicht mit Römer zusammengearbeitet hat, wird sie ihm auch die anderen Abende nicht glauben, und eine ganz falsche, eine übertriebene Vorstellung von dem Geschehnen bekommen.
Er klopft sich mit seinem steifen Hut aufs Knie, stopft die freie Hand in seine Manteltasche, wobei sie auf einen fremden Schlüssel, ach ja, Iras Schlüssel, stößt und schiebt sich langsam, ein bißchen großspurig auf den Tisch der beiden zu.
„Guten Abend“, sagt er freundlicher als er möchte. „Guten Abend, Römer! Wo kommen Sie denn her? Ich war noch mit Herrn Gebrüder einen Kognak trinken. Herrlicher Kerl!“
„Ja, er ist wirklich komisch“, sagt Römer nebenbei und fährt dann in seinem Gespräch mit Ellen fort. Sie streiten sich über moderne Männerkleidung. Er hat schon ein paar lustige Modelle auf den Tisch gezeichnet. Hammacher zeigt sich interessiert. „Obwohl es Quatsch ist, ist es diskutabel“, brummt er und hat gleich ein paar Verbesserungsvorschläge im Bleistift.
Damit kann man eine halbe Stunde hinbringen, aber dann hilft es nichts, sie müssen doch nach Hause. Ihre Wege laufen gleich vom Café aus getrennt.
„Ich war nämlich mit Römer verabredet“, lügt Ellen, als sie im Auto sitzen.
„So, du warst mit Römer verabredet“, sagt Hammacher gleichgültig und sieht zum Fenster hinaus. Und nach einer Weile. „Nein, du warst mit Römer verabredet? Wirklich mit Römer verabredet? Na, das ist ja komisch.“
„Das ist nicht komischer als dein Kognak bei Herrn Gebrüder,“ antwortet Ellen und sieht nach der anderen Seite hinaus.
„Wieso? Was meinst du? Na nun sag’ doch aber mal“, murmelt Hammacher.
Aber Ellen antwortet nicht und Hammacher erwartet auch keine Antwort.
Hammacher versucht zu Hause ein paarmal von der Sache anzufangen. Aber er kommt nicht weit. Ellen will keine Erklärungen oder Beteuerungen oder Lügen.
Nein, lieber nicht! Im Anfang einer Geschichte erfährt sie doch nicht die Wahrheit. Wahrscheinlich weiß Hammacher sie selbst nicht.
Sie sprechen noch ein paar freundliche Worte miteinander, sie duschen noch zusammen mit Stöhnen und Prusten, sie frottieren sich. Sie küssen sich schnell und voll Angst, es könnte dabei zu Geständnissen oder Rührungen kommen. Aber Gott sei es gelobt, nein, sie sind nur höflich miteinander. Sie lächeln sich an, nicken: „Gute Nacht! Gute Nacht!“
Jeder geht in sein Zimmer. Ellen macht leise die Tür zu Hammachers zu. Atmet auf, geht vor den Spiegel und beginnt ihre Haare zu bürsten. Vor allen Dingen die Seiten striegelt sie sich sorgfältig. Das Haar soll da voller werden, der schmale Schädel breiter. Vielleicht ist es dann überhaupt leichter. Vielleicht, wenn man etwas kräftiger aussieht, kann man sich etwas besser durchsetzen. Zieht Menschen nicht nur an, sondern ...
Sie legt die Bürste auf die Bürstenschale, nimmt das hauchdünne Haarnetz und streift es über den Kopf, bindet es mit einem Sturmriemen fest. Zieht Menschen nicht nur an, sondern man hält sie auch. Was hat man denn schon von Menschen, wenn man sie nicht halten kann? Es folgt ein Marsch ins große Zimmer. Konfektsuche. Sie findet Ingwer und gebrannte Mandeln, offiziell Hammachers Lieblingskonfekt. Er ißt aber nie davon. Nun, wenn es nichts Besseres gibt, so tritt sie, unter jedem Arm ein Sofakissen, wieder den Rückmarsch an.
Sie schichtet drei Lagen Kissen übereinander, setzt sich aufrecht ins Bett, einen Roman auf den Knien, den sie nicht liest, gebrannte Mandeln zwischen den Zähnen zermalmend, die sie nicht schmeckt und fängt an, kühl und ruhig zu rechnen. Das kann sie noch. Denn wenn sie auch weiß, daß sie verwundet ist, so kann sie noch gar nicht beurteilen, wie schwer und wie tief es ist. Sie hat den Schlag gespürt, aber es schmerzt noch nicht.
Also jetzt ist es wieder so weit. Es ist in drei Jahren das zweite Mal, wenn man die Karnevalsaffären abrechnet. Das erstemal war es die kleine Schmahl mit dem Soubrettenlachen, ein schmuddliges, begabtes Frauenzimmer. „Sehr geehrte Frau Hammacher, er ist gar nicht so fabelhaft wie er aussieht“, schrieb sie zum Schluß. „Sie können ihn behalten ...“
Ellen Hammacher möchte über die Frechheit lachen wie damals, aber es geht nicht. Sie liest lieber eine Seite in ihrem Roman. Ein mittelalterlicher König und ein ebensolcher Jude streiten sich über den freien Willen. Nein, gewiß ist Hamm nicht fabelhaft. Das weiß sie auch ohne die Schmahl. Sie hat ein, zwei Ehejahre daran gelitten, daß sie es nicht zugeben wollte. Nur sein Ansatz ist großartig, seine Intuition und wenn er will seine Einsicht. Aber dann hört es meist auf. Gedankenpause. Der Romanjude äußert etwas über die Freiheit durch Geld. Ellen denkt nun blitzschnell. Wer ist es? Ich will wissen, wer es ist! Wer ist es diesmal? Schlimm. Man ladet niemanden ein und plötzlich steht so eine fremde Dame mitten in der Ehe drin. Sie ist da, aber man kann weder mit ihr sprechen noch darf man von ihr sprechen.
Ist es die Schwild? Vielleicht. Hammacher verfällt immer wieder dem verschönernden Abglanz des Orchesterabgrundes. Frauen von weitem sind so angenehm, sagt er. Oder? Oder die Brandt? Nein! Die Löwenberg? Die mit den breiten Hüften und dem albernen Lachen? Kaum! Oder? Ja, oder die Kleine, die so unmotiviert auftauchte. Wie hieß sie nur? Ellen kann nicht auf den Namen kommen. Irgendwas wetterliches war es. Regen? Hagel? Wind? Nein!
Sie horcht hinaus. Der Wind weint, ein paar Regentropfen zischen über das Fensterglas. Zwei Autos und ein Motorradfahrer knattern und hupen.
Ellen beginnt zu frieren. Das geht immer so wenn sie scharf nachdenkt. Regen oder Hagel? Nein, so hieß sie nicht. Aber sie ist es. Ellen merkt es daran, wie böse sie ihr ist. Diesmal wird es nicht so glatt abgehen. Richtig! Schnee hieß sie. Diesmal wird Ellen sich das nicht so ohne weiteres gefallen lassen. Entweder wird sie davongehen. Das kann man doch. Oder aber dieser Schnee den Hals umdrehen. Man muß wirklich nicht alles so über sich ergehen lassen, was die anderen Herrschaften beschließen. Der Herr Gemahl oder die fremde Dame. Oder eigentlich doch nur die fremden Damen. Denn wenn sie ihn nur so recht rührend ankucken, so tut er ja doch, was sie wollen. Sie wird es sich nicht gefallen lassen. Duldsam ist zwar modern und Ellen ist sehr für das Moderne, für das Heutige und gar nicht für das, was die älteren Herrschaften schön finden. Aber diesmal wird sie unmodern, mit Pech und Schwefel, mit Feuer und Schwert losgehen. Gut. In Ordnung. Sie schmeißt das Buch vom König und vom Juden aus dem Bett, löscht das Licht, streckt sich.
Es ist halb zwei. Das Haus ist still geworden. Auch die jungen Ehepaare haben heimgefunden. auch die Lautsprecher müssen feiern, weil die Luft keine Musik mehr liefert. Es ist die Stunde in der die stilleren Stadtstraßen wieder zu Landstraßen werden mit Regen und Wind darüber.
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