Sie hat noch etwas versehwollene Augen. Um die Nasenwurzel ist sie rosa wie eine junge Maus. Aber als sie in den Laden herein kommt, legt sie den Kopf bereits wieder schief, als sie die Herren anlächelt und sie kann die Gobelinstoffe genau so anpreisen wie immer.
„Ganz nett“, flüstert sie, und rollt die Stoffballen ein wenig auseinander, die Rüdwin anschleppt. „Auch hübsch!“ „Nein, das gelbe nicht, Rüdwin, das gefällt Herrn Hammacher nicht.“
„Hier etwas für Herrn Römer! Huh — fressen Sie mich nicht. Ich finde es hübsch. Gut, es ist ja nicht mein Stoff, nehmen wir das altgoldene. Also ja. Wir brauchen uns nichts anderes anzusehen, das nehmen Sie ja doch.“
„Ich schon“, brummt Hammacher, „aber mein Margarinedirektor nicht. Was teuer ist, muß auch teuer aussehen.“
Er hält den Stoff gegen Iras blaßes Gesicht. „Schön“, sagt er und sieht sie lächelnd an.
„Mein Himmel, was machen Sie für Zähne“, lacht Ira entgegen, „Sie können wohl Knochen knacken?“
„Ja“, antwortet Hammacher stolz, „das kann ich. Ich habe eben einen Fabrikanten geknackt. Einen grobknochigen, zähen Herrn. Acht Zimmer Scharmützelsee. Dafür die Stoffe.“
Ira gratuliert herzlich und seufzt. Sie möchte auch mal Glück haben. Einen großen Auftrag zum Beispiel. Sie ist doch nicht Verkäuferin sondern Kunstgewerblerin oder Lebensverschönlerin wie Herr Römer das nennt. Kummer? Ja, sie hat neben den täglichen Miseren unter mannigfaltigem kleinen Malheur einen großen, gewaltigen Kummer, aber einen außerordentlichen privaten.
Die Herren verabschieden sich. In der Tür kehrt Hammacher noch mal um, als hätte er was vergessen. Er rennt auf Ira zu, schwenkt den Hut und sagt: „Also der Herr Bräutigam ... huuiit? Ja man sieht es. Na, es muß mal sein. Erlebt jeder, der eine vor, der andere nach der Ehe. Ist noch nicht lange her? Sehen frisch bekümmert aus. Sind nun viel allein. Na, kommen Sie mal zu uns. Jeden Donnerstag halb Neun. Nee, nur ein paar Menschen. Gut, also diesen Donnerstag. Meine Frau wird sich freuen.“
Er schwenkt nochmal den Hut und stürzt aus dem Laden. Römer wartet kopfschüttelnd im Wagen. „Nee, wissen Sie“, seufzt er, „die Schnee. Was haben Sie bloß?“
Hammacher schüttelt auch den Kopf. Er hat gar nichts, er ärgert sich über die Einladung. Vor allem, daß er gelogen hat. Seine Frau wird sich durchaus nicht freuen. Es sind schon immer genug Frauen mit demütigen Augen da. „Sie tut mir aufrichtig leid,“ sagt er lauter als nötig ist. „Es weiß doch jeder, wie es einem zu Mute ist, wenn der erste davonläuft. Da muß man ein bißchen nett sein.“
„Hm“, sagt Römer, „und wann wollen Sie bauen?“
Das versteht Hammacher nicht oder vielmehr er will es nicht verstehen. Darum muß Römer noch ausdrücklich erklären: „Ja, wenn Sie gegen alle nett sein wollen, denen der erste Freund davonläuft ...“
Es gibt einen kleinen Streit über Ira Schnee, ob sie unter die Rubrik „alle“ fällt, oder was besonderes ist. Ihr Schicksal, wird von den beiden festgestellt, ist eine durchschnittliche Nachkriegsdeklassierung. Die Art, wie sie es trägt, tapfer, wenn auch ungeduldig. Ihr Hochmut ist unecht. Ihr Aussehen gut, seit sie sich die Haare abgeschnitten hat, die sie noch vor einem Vierteljahr zu einem Knoten gebunden in einem kleinen Netzsäckchen trug, in einem Säckchen wie Kinder sie für die Murmeln haben. Ihr Körper ist wohl geformt trotz einer gewissen Neigung zur bäuerlichen Breite, die wiederum nicht zu ihren Bewegungen paßt. Im ganzen: die beiden sehen sich fragend an. Sie ziehen die Schultern hoch, lachen. Im ganzen? Na, es ist halb so wichtig.
Und während Ira Schnee ihre fünfte englische Zigarette in Brand setzt, um dann lächelnd und fletschend vor einem kleinen Taschenspiegel das Hammachersche Gebiß, dieses merkwürdige Vorschieben von Kinn und Unterkiefer nachzumachen, während Ira Schnee hin und her überlegt, ob sie versuchen soll, wieder Anschluß an ihre alten Kreise zu finden oder ob sie sich besser in Hammacher verliebt, was, wie sie erfahren hat, auch kein größeres Risiko ist als so eine Geschichte mit einem unverheirateten Jungen ihrer Kreise, der nichts ist und nichts kann und nichts bietet, nicht einmal eine Heirat, was zwar das meiste aber auch das wenigste ist, was man verlangen kann, während Ira Schnee also beschließt, am Donnerstag erstmal zu Hammachers zu gehen und „das Terrain zu sondieren“ (so pflegte ihr Vater immer zu sagen), währenddessen sind Römer und Hammacher längst mit anderen Dingen beschäftigt.
Sie sind im Holzhof der Tischlerei von Gebrüder Sachse und suchen mit dem alten Sachse, dem Alleininhaber, von den Architekten „Herr Gebrüder“ genannt, Hölzer und Fourniere für die Breuelschen Möbel aus. Sie kramen die Hölzer sorgfältig alle um, lassen die unbrauchbaren liegen und schleppen in Hemdsärmeln, die steifen Hüte auf den Köpfen, vergnügt pfeifend die brauchbaren in die Mitte des Holzhofes. Dazu scheint eine brühwarme Sonne.
Wer denkt an Frauenzimmer, wenn er mit sonnenwarmem Holz hantieren darf!
Am Donnerstagabend hat Ira Schnee ein hellblaues Crêpe-de-Chinekleidchen an, ein hübsches, kurzrockiges Abendkleid vom Jahr zuvor, Ellen Hammacher ein schwarzes Spitzenkleid, zipflig und lang, soeben von der Schneiderin geliefert.
Hammacher ist erst fünf Minuten zuvor heimgekommen. Ira hat ihn in der Badewanne schnaufen und prusten hören, denn die Hammachersche Viereinhalbzimmer-Neubauluxuswohnung ist schrecklich hellhörig. Jedenfalls sind die Damen zunächst allein.
Sie gehen lächelnd aufeinander zu, drücken sich fest die Hand und nicken übertrieben mit dem Kopf. Sie sprechen schnell aufeinander ein. Heftig, mit viel gegenseitiger Zustimmung.
Sie mögen sich nicht. Was können sie auch schon voneinander haben außer Kummer und Ärger und daß sie sich gegenseitig im Wege stehen?
Sie wird natürlich meinem Hamm nachstellen und er ihr, denkt Ellen.
Sie ist scheinbar glücklich mit ihm, aber sie hat auch Kummer, denkt Ira. Sie hat ihn. Aber sie hat ihn nicht ganz sicher.
Sie prüfen einander unbarmherzig. Ellen stellt befriedigt fest, daß Iras Brüste nicht mehr ganz fest sind und Ira findet Ellens etwas spitze Nase komisch. Frau Hammacher ist nach Iras Geschmack, der ein Eigengeschmack ist, zu mager für ihre Größe.
Während der Prüfung sprechen sie über kurze und lange Röcke, über kniefreie und knöchelfreie, über Zipfel und Rüschen. Es kommt heraus, daß Ellen einen Beruf hat. Sie ist Photographin, Modephotographin hauptsächlich. Sie schleppt ein Album heran und zeigt ihre letzten Arbeiten. Mannequins als Akte, in Unterkleidung und in Kleidung. „Die Schneider müssen den Körper sehen lernen und die Frauen müssen lernen, sich nach ihren Körpern anzuziehen und nicht nach der Mode. Dazu ist das“, sagt Ellen eifrig.
„Ich bewundere das“, ruft Ira, „was für selbständige Gedanken!“
Es kommen dann andere Leute, ein Möbelhändler, der nach Millefleurs riecht, ein bekannter Photograph, die Schauspielerin Schwild, die ihr Tagewerk, sieben Sätze in einer Ausländertragödie schon hinter sich hat, es kommt Römer ohne Pelerine aber statt Kragen und Schlips mit weißer Halsbinde zum schwarzen Abendanzug. Es kommen ein paar Leute ohne Gesicht und ohne Körper, ein paar Anzüge und ein paar Kleider also, von Pappköpfen überhöht. Und endlich kommt Hammacher.
Er reißt die Tür auf, daß sie zittert, steht als wäre er geblendet und schlägt die Hände über den Kopf zusammen vor Freude.
„Schön, daß Ihr da seid“, ruft er, „schön, schön!“
Er drückt oder küßt die Hände, er umarmt die Schauspielerin, er hält Iras Hand in der linken, während er mit der rechten dem Möbelhändler auf die Schulter klopft. Er sieht ganz famos aus in seinem Smoking mit der weißen Weste, einem Schmetterlingsschlips wie auf Draht geheftet, aber etwas größer, als die Mode vorschreibt, mit den gewellten Haaren, die er so gebürstet hat, daß sie blinken und glänzen.
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