Flugangst, Kakerlaken und fünf Tore
Auf dem Fußballplatz läuft es besser. Mit der A-Jugend erreicht er noch einmal das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, wo sie jedoch am VfB Stuttgart scheitern. Doch die Leistungen des jungen Mittelstürmers mit der Schuhgröße elf haben sich herumgesprochen. Im Winter 1977 erhält Michael Post aus Frankfurt. Seine Anschrift ist zwar falsch geschrieben – statt Ophoffsfeld 38 in Essen-Schonnebeck steht dort Ophofstraße 38 in Essen-Schonebeck –, aber wen interessiert das schon, wenn man vom Deutschen Fußball-Bund zur U18-Auswahl eingeladen wird. Er hat es schwarz auf weiß vor sich liegen, dass er jetzt zu den besten Fußballspielern Deutschlands in seinem Alter zählt. Noch in diesem Dezember soll er zu einer Länderspielreise nach Israel mitkommen.
»Ich wollte da nicht hin, ich habe zu Hause gesessen und gedacht: ›Scheiße, wat machse jetzt?‹ Ich bin ja vorher noch nie geflogen. Da hab’ ich mir fast in die Hosen geschissen. Normalerweise läuft man da ja freiwillig hin, wenn die Nationalmannschaft ruft, aber die weiten Reisen waren nicht mein Ding. Ich war nie jemand, der Fernweh hatte. Am liebsten war ich zu Hause, weil ich meine Ruhe haben wollte. Das war schon in Essen in der Kreisauswahl so: Wenn es nur für eine Woche zum Lehrgang in die Sportschule Kaiserau bei Dortmund ging und wir mit vier Mann auf ein Zimmer mussten – da bin ich kaputtgegangen. Und jetzt ging es sogar nach Israel!«
Zunächst geht es Ende Dezember 1977, wenige Tage nachdem Michael 18 geworden ist, mit dem Auto nach Neu-Isenburg bei Frankfurt am Main, wo die Spieler im Hotel zusammentreffen und von Trainer Herbert Widmayer empfangen werden. Widmayer kümmert sich seit Anfang der siebziger Jahre um die Nachwuchsmannschaften des DFB. Er ist einer dieser Trainer, die man harte Hunde nennt. Im Zweiten Weltkrieg war Widmayer Kampfflieger und überlebte zwei Abschüsse. 1961 wurde er mit dem 1. FC Nürnberg Deutscher Meister und im Jahr darauf Pokalsieger. Wiederum ein Jahr später wurde er als erster Trainer der neugegründeten Bundesliga entlassen. Widmayer nahm das alles mit Galgenhumor: »Ich bin dreimal in meinem Leben abgeschossen worden – zweimal im Krieg und einmal in Nürnberg.«
Von Neu-Isenburg aus fahren sie am nächsten Morgen weiter zum Frankfurter Flughafen, wo Michael zum ersten Mal in ein Flugzeug steigt.
»Von dort sind wir erst mal nach Zürich geflogen. Ich hatte vorher eine Riesenangst, aber der erste Flug dauerte nur 55 Minuten und war einfach nur geil. Das Starten und Landen hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich ganz euphorisch war, als wir in Zürich angekommen sind. Aber der zweite Flug war die Hölle, vier Stunden am Stück, da ging es direkt zur Sache mit Turbulenzen. In Israel haben wir im Kibbuz Shefaim gewohnt. Das war auch nicht so sauber. Nachts sind da die Kakerlaken über den Flur gelaufen, und zu essen gab es nur Hammelfleisch.«
In Israel stehen vier Spiele gegen die Nationalmannschaften von Dänemark, Norwegen, Israel und Griechenland an. Im deutschen Team stehen Spieler wie Thomas Allofs von Fortuna Düsseldorf, Thomas Kroth von Kickers Offenbach sowie ein schüchterner blonder Mittelfeldspieler aus Augsburg, der kaum ein Wort sagt, wenn die Mannschaft beim Essen beisammensitzt: Bernd Schuster. Allesamt verheißungsvolle Talente, die in den achtziger Jahren auch als Profis Erfolge feiern werden: Kroth wird mit drei verschiedenen Mannschaften den DFB-Pokal gewinnen, Allofs wird ihn schon ein halbes Jahr später in den Händen halten und anschließend sogar mit Düsseldorf im Europacupfinale stehen. Und Schuster wird mit der Nationalmannschaft 1980 Europameister werden. Doch nach dem ersten Spiel klopfen alle nur Michael Tönnies auf die Schulter. Gegen Dänemark hat er in der ersten Halbzeit drei Tore innerhalb von zehn Minuten geschossen. Trainer Widmayer, der seine Fußballwelt sonst in zwei Sorten von Menschen aufteilt – in Experten und Osterhasen – hat noch eine weitere entdeckt:
»Der Tönnies, das ist ein Genie!«, ruft Widmayer begeistert in der Kabine. »Mit der Pike macht der die Bälle noch rein!«
In der zweiten Hälfte trifft Michael noch zweimal. Deutschland gewinnt 8:0.
»Im ersten Spiel lief es noch gut, da habe ich nicht nachgedacht, weil wir erst seit zwei Tagen da waren. Nachher wurden die Leistungen ja schlechter, weil ich kaum etwas gegessen habe. Im zweiten Spiel bin ich ausgewechselt worden und im dritten sollte ich auf einmal Manndecker spielen. Dabei habe ich mich dann auch noch verletzt, weil ich versucht habe zu grätschen. Ein halbes Jahr später sollte ich noch zum UEFA-Turnier nach Polen mitfahren, aber in einem der letzten Spiele für die Schalker A-Jugend habe ich eine Rote Karte bekommen und wurde daraufhin noch aus der Mannschaft gestrichen. Später bin ich noch einmal von Berti Vogts zu einem U21-Lehrgang eingeladen worden – das war’s dann aber auch. Es hat mich zwar stolz gemacht, dass ich mal dabei gewesen bin, aber ich war auch ganz froh, dass ich da nicht mehr hinmusste. Vielleicht auch deshalb, weil ich immer ein bisschen pessimistisch war und mir das nicht so recht zugetraut habe. Für internationale Klasse hat es bei mir aber einfach nicht gereicht.«
Zocken wie die Profis
Im Sommer 1978 steigt Michael zu den Profis auf und trainiert nun zusammen mit Spielern wie Rolf Rüssmann, Klaus Fischer und Klaus Fichtel. Denen hat er schon als Kind mit seinem Vater in der Glückauf-Kampfbahn zugejubelt. Auch hier macht er sogleich im Training auf sich aufmerksam: Am Spielfeldrand stehen Nationalspieler Rolf Rüssmann und Präsident Siebert, als Michael Tönnies mit seinem rechten Fuß ausholt. Mit einem lauten Klatschen knallt der Ball gegen die hölzerne Torlatte und prallt in weitem Bogen zurück. »Wa, Rolli«, sagt Siebert zu Rüssmann, »so einen Bums möchtest du auch mal haben.«
Rüssmann kümmert sich besonders um die jungen Spieler wie Michael Tönnies. »Mensch, Junge«, sagt Rüssmann zu ihm, »du hast es doch drauf, du musst es nur zeigen.« Und Michael Tönnies nimmt sich das zu Herzen. Daher bleibt er am Abend vor dem nächsten Testspiel nur bis ein Uhr in der Disko. Seine Freundin Martina hatte sich schon gefreut, dass er endlich mal wieder mit ihr feiern geht. Und nun, da sich die Disko füllt, müssen sie schon wieder los. Missmutig geht sie hinter ihm her. Auf der Treppe zum Ausgang laufen sie einem großen Mann mit hellblondem Haar in die Arme – Rolf Rüssmann: »Oh, Micha, willste schon weg?«, fragt er überrascht.
»Ja, wir haben doch morgen ein wichtiges Spiel«, antwortet Michael Tönnies leicht beschämt.
Rüssmann hebt im Vorbeigehen den Daumen. »Das ist die richtige Einstellung«, sagt er und verschwindet im Menschengewirr. Michael Tönnies schaut ihm noch einen Moment nach, während seine Freundin vor sich hin meckert: »Wir gehen, wenn die anderen kommen.«
Am nächsten Tag steht Michael Tönnies auf einem Fußballplatz in Gladbeck und weiß nicht, was mit ihm los ist. Kein Pass will ihm gelingen. Er steht völlig neben sich, obwohl er doch gestern so früh zu Hause war. Nach dem Spiel kommt Rüssmann zu ihm.
»Na, du bist wohl doch nicht sofort nach Hause gegangen?« Es klingt für Michael, als fühle sich Rüssmann verarscht.
Zur neuen Saison ist Ivica Horvat zum FC Schalke 04 zurückgekehrt – schon einmal hat der Jugoslawe den Klub trainiert und ist mit ihm 1972 Pokalsieger geworden.
Horvat nennt ihn Tänis, weil er den Namen Tönnies nicht aussprechen kann. Bei Horvat wissen die Ersatzspieler schon vor dem Spiel, wer von ihnen eingewechselt wird, denn zum Abschluss der Mannschaftsbesprechung fragt Horvat stets einen Spieler: »Bist du fit?« Dann wissen sie, dass dieser Spieler auch als erster eingewechselt wird – egal, wie es steht. Wenn es nötig ist, baut der Trainer die Aufstellung um.
Michael Tönnies steht oft im Kader, doch zum Einsatz kommt er nicht, denn es gibt da ein Problem. Er konkurriert mit Klaus Fischer um den Posten als Mittelstürmer. Fischer ist zu der Zeit einer der besten Stürmer Deutschlands, Nationalspieler und Schalkes Rekordtorschütze mit knapp 150 Toren in der Bundesliga. An ihm kommt er nicht vorbei.
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