Michael sitzt bei diesem Spiel nur auf der Bank, aber er ist froh, überhaupt dabei zu sein. Nervös genug ist er auch so schon, 23.000 Zuschauer sind an diesem Samstag ins Herner Stadion am Schloss Strünkede gekommen. Ihm kommt es vor, als seien es noch viel mehr. Er hat noch nie zuvor vor so vielen Menschen gespielt, solche Massen kennt er nur aus der Zeit, als er selbst noch mit seinem Vater in der Glückauf-Kampfbahn zugeschaut hat. Doch jetzt ist er nicht mehr nur Zuschauer, sondern mittendrin. Beim Warmmachen spürt er die Massen auf den Rängen. Die Essener gehen schon nach wenigen Minuten in Führung, doch Schalke gleicht kurz darauf aus und dreht das Spiel noch vor der Pause in ein 2:1.
»Man rechnet ja immer damit, dass man eingewechselt wird. Und Uli Maslo guckte irgendwann in der zweiten Halbzeit zu mir herüber, zumindest glaubte ich, dass er mich ansah. Da durchzuckte mich sofort ein Schauer und ich dachte, ›Puh, jetzt geht’s los‹. Da hat der Köttel schon ziemlich weit rausgeguckt.«
Am Ende gewinnen die Schalker Nachwuchsspieler mit 5:1 und holen erstmals den Titel nach Gelsenkirchen. Obwohl er nicht mehr zum Einsatz gekommen ist, fühlt sich Michael Tönnies dennoch als Deutscher Meister. Noch völlig aufgewühlt und siegestrunken kommt er nach der Meisterfeier daheim in Essen-Schonnebeck an, und weil er jetzt nicht nach Hause gehen will, zieht er weiter. In der Nähe gibt es eine Gartenfeier, auf der auch sein Freund Uli Scherwinski ist. Schon von Weitem hört dieser Michael singend die Straße entlangschlendern: »So gelöst hatte ich ihn noch nie erlebt«, erinnert sich Scherwinski.
Uli Scherwinski und Michael Tönnies haben sich im Käfig kennengelernt, dort, wo Michael schon als Kind die Dosen vom Tor geschossen hat. Und auch jetzt mit 16 Jahren spielt er noch dort. Scherwinski ist drei Jahre älter. Aber als sie die ersten Male gegeneinander gespielt haben, hat Michael ihm und den anderen Freizeitfußballern nach Belieben den Ball durch die Beine gespielt und sich gewundert, dass sie das gar nicht störte. Bei Schalke würden wir uns schwarzärgern, wenn uns einer tunnelt, denkt sich Michael.
Die beiden haben die gleichen Interessen: Wenn sie nicht auf dem Fußballplatz sind, treiben sie sich in den Kneipen der Umgebung herum und spielen Karten. Und wenn Uli nicht weiß, wo Michael steckt, schaut er zuallererst in einer der Spielotheken in Schonnebeck nach. Meistens findet er ihn dort.
Bei Schalke wissen sie noch nichts von all dem. Und Michael lässt sich nichts anmerken, seine Leistungen leiden auch nicht darunter, im Gegenteil. Als Präsident Günter Siebert einige Zeit später ein Spiel seiner B-Jugend besucht, traut er seinen Augen kaum. Beim 14:0 gegen Wacker Gladbeck trifft Michael Tönnies neunmal. Siebert ist sofort klar, dass er dieses Talent rechtzeitig an den Verein binden muss. »Komm mal morgen mit deinem Vater in mein Büro«, sagt er nach dem Spiel zu ihm, »dann machen wir den Vertrag fertig.«
»Der will nur spielen!«
Zu Verhandlungen kommt es gar nicht erst, denn sein Vater Werner stellt sofort eins klar: Geld gibt es zu Hause dank seiner Firma genug. »Der Junge will kein Geld, der will nur spielen!«, sagt er zu Siebert.
So etwas hört Siebert auch nicht oft, aber er fragt nicht nach, er will gar nicht wissen, ob er das richtig verstanden hat. Stattdessen ruft er seinem Mitarbeiter Willi Regenhardt im Nebenzimmer zu: »Willi mach’ mal den Standardvertrag fertig!«
Ab der Saison 1978/79 wird Michael Tönnies 3.200 Mark Grundgehalt brutto verdienen, plus Prämien, wenn er spielt.
»Es war immer mein Traum, Profi zu werden. Spieler wie Rüssmann, Fischer, Abramczik, Sobieray, Lütkebohmert, Fichtel, Bongartz und die Kremers-Zwillinge habe ich vorher nur im Fernsehen oder Stadion gesehen und auf einmal sollte ich mit dazugehören. Ich wäre auch bereit gewesen, für hundert Mark netto zu spielen, aber mittlerweile sehe ich das anders. Mein Vater hat es zwar gut gemeint, wenn er gesagt hat, dass ich kein Geld brauche. Er war stolz auf seine Firma und darauf, dass er seine Familie damit versorgen konnte. Auf Dauer hat das aber auch dazu beigetragen, dass ich mich schwergetan habe, richtig selbstständig zu werden, denn ich wusste ja, dass mir im Zweifel nichts passieren konnte.«
Mit Uli und ein paar weiteren Freunden hat er zudem eine Thekenmannschaft gegründet: Blau-Gelb Schonnebeck. Eine Zeitlang spielt Michael samstags in der Essener Thekenliga auf Asche und sonntags im Nachwuchs bei Schalke. In der Thekenliga ist er der unumstrittene Star, und bald spricht es sich herum, dass bei den Blau-Gelben ein Nachwuchsspieler vom FC Schalke 04 mitmischt.
»Einmal hat eine gegnerische Mannschaft alle Spieler gegen die eines Bezirksligateams ausgetauscht«, erinnert sich Scherwinski. »Als wir uns beschwert haben, haben die gesagt: ›Ihr habt doch auch einen von Schalke dabei.‹ So viel war der wert. Denn der hat ja immer gegoalt wie ein Verrückter.«
Doch als die Schalker von Michaels zweiter Karriere erfahren, bestellt ihn Präsident Siebert in sein Büro und droht ihm mit dem Rausschmiss, wenn er nicht sofort damit aufhört. Michaels Onkel kontrolliert von nun an ab und zu den Käfig, um zu sehen, ob sein Neffe auch keine Dummheiten macht. Doch ab dem Zeitpunkt spielt er nur noch für Schalke.
Im Sommer 1977 darf er zum ersten Mal bei den Profis mitspielen. Trainer Friedel Rausch hat ihn für ein Testspiel in Meppen nachnominiert. Erst mittags kommt er im Mannschaftshotel an, und bis die Spieler zum Stadion fahren, soll er so lange zu Torwart Volkmar Groß aufs Zimmer. Als Michael Tönnies das Zimmer betritt, sitzt Groß, fast zwei Meter groß, auf seinem Doppelbett, in der einen Hand hält er den Telefonhörer, in der anderen eine Zigarette.
Wo bist du denn hier gelandet, der raucht ja auf dem Zimmer, denkt sich Michael, und setzt sich in einen Sessel am anderen Ende des Raums. Zu der Zeit raucht Michael auch, schon mit 13 hat er angefangen. Silvia Gehrke hieß der Grund. Er wollte ihr auf dem Schulhof imponieren, doch sie hat ihn abblitzen lassen. Und obwohl es bei ihr nicht geklappt hat, hat er weiter geraucht. In der Westfalenauswahl hat er mit drei anderen Spielern mal heimlich auf dem Zimmer in der Sportschule geraucht. Prompt sind sie vom Trainer erwischt worden. Anschließend musste Michael wieder bei Siebert antanzen. Davon hat er vorerst genug.
Groß und er reden kaum. Drei Stunden sitzt Michael im Sessel, vor lauter Ehrfurcht traut er sich kaum, sich zu bewegen.
Auf der Ersatzbank fühlt er sich deutlich wohler als bei Groß auf dem Zimmer, in der zweiten Halbzeit wird er eingewechselt:
»Es ging sofort gut los, ich hatte eine super Aktion, habe den Ball bekommen, einen Gegner aussteigen lassen und den Ball direkt weitergespielt. ›Boah, ist der gut‹, hat Trainer Rausch gerufen. Normalerweise läuft’s dann, wenn man so ins Spiel startet, aber ich war durch das Lob irgendwie verunsichert und habe danach nichts mehr auf die Kette gekriegt.«
Nach der zehnten Klasse verlässt Michael die Hauptschule und beginnt eine Ausbildung zum Sportartikelverkäufer. Die Stelle hat ihm der Verein besorgt; die Nachwuchsspieler sollen ein zweites Standbein haben, um nach der Karriere weiter Geld verdienen zu können oder für den Fall, dass es mit der Karriere doch nichts wird. Drei Jahre lernt er bei Sport Sepp in der Gelsenkirchener Innenstadt. Für den schriftlichen Teil seiner Abschlussprüfung bekommt er die Note drei. Außerdem muss er vor der Prüfungskommission ein Verkaufsgespräch führen. Michael Tönnies erhält die Aufgabe, einen Campingkocher vorzustellen.
Einen Campingkocher hat er vorher noch nie gesehen, und er weiß auch nicht, was er darüber sagen soll.
»Das ist ein Campingkocher«, sagt er nur.
Er hat Glück: Die Prüfer geben ihm eine fünf, weil das Sportgeschäft in dem er gelernt hat, keine Campingabteilung hat. So besteht er die Prüfung gerade noch.
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