Es war sein größtes Spiel und das Spiel meines Lebens. Damals dachte ich, es ginge immer so weiter. Aber von da an ging es bergab. Mehr als zwei Jahrzehnte später frage ich ihn nun: »Wissen Sie eigentlich, was Sie damals angerichtet haben?« Er zieht die knöchrigen Schultern hoch, die viel zu breit wirken für seinen abgemagerten Körper. »Was will man da machen?«, antwortet er, »da läuft das Schicksal.« Und dann, fast entschuldigend, sagt er noch: »Ich hab’ mich in die Herzen der Fans geschossen.«
Er sagt es, als würde er sich dafür genieren, als zweifle er daran, ob er das wirklich verdient habe. Wie einer, der sich auf der Kirmes überreden lässt, ein Los zu kaufen, dann sogar gewinnt, aber am Ende nicht weiß, was er mit dem sperrigen Hauptgewinn anfangen soll. Mit den Toren vom 27. August 1991 scheint es wie mit seinen Schultern zu sein. Sie sind ihm zu groß geworden.
Damals im Sommer 2013 siezen wir uns noch, ich ahne nicht, dass aus diesem Gespräch mal ein Buch entstehen würde. Es soll eigentlich nur ein Randaspekt sein in einer Reportage über die Situation des MSV Duisburg, der in diesem Sommer 2013 vor dem Absturz in den Amateurfußball steht. Schon während unseres Gesprächs merke ich, dass diese Lebensgeschichte zu groß ist, um sie in ein paar Sätzen abzuhandeln.
Doch bis auf ein Online-Magazin interessiert sich niemand für die Geschichte des Michael Tönnies. Ich verstehe es nicht, denn ich hatte nie zuvor einen Menschen erlebt, der so schonungslos und offen über sich und sein Leben urteilt, ohne dabei jedoch verbittert zu klingen. Ein Mann, der dem Tod nach schwerer Krankheit entronnen war und sich dennoch die entwaffnende Unbedarftheit eines Kindes bewahrt hat. Mir ist sofort klar, dass diese Geschichte zu groß ist, um sie in irgendeiner Schublade verstauben zu lassen. Als ich ihn einige Wochen später anrufe und frage, ob er schon mal darüber nachgedacht habe, seine Biografie zu schreiben, sagt er: »Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt jemanden interessiert.«
Ich gebe ihm Bedenkzeit, und zum Glück dauert es nicht lange, bis er es sich anders überlegt. »Ich will das machen, solange ich noch ein bisschen berühmt bin«, sagt er. Mitte September 2013, knapp drei Monate nach unserem ersten Treffen, einigen wir uns darauf, dass ich die Geschichten seines Lebens aufschreibe. »Auf der Kippe.« Der Titel gefällt ihm auf Anhieb.
Kindheitshelden können zerbrechen, wenn man sie von dem Sockel herabsteigen lässt, auf den man sie einst gestellt hat. Weil der Mensch hinter dem Helden kaum mit dem Bild mithalten kann, das man sich von ihm gemacht hat. Weil der Mensch hinter dem Helden selten heldenhaft ist.
Die Giraffen sind nie wieder so groß gewesen wie beim ersten Mal. Und Michael Tönnies hat nie wieder so einen Tag erwischt wie damals im August 1991, als ich ihn zum ersten Mal sah.
Aber zum Staunen bringt er mich noch immer.
Jan Mohnhaupt, Berlin, im März 2015
Fünf auf einmal
»Die Handlungen eines Furchtsamen, wie die eines Genies, liegen außerhalb aller Berechnungen.«
Heinrich Heine: Französische Zustände
Fünf Stufen – dann ist Schluss, dann muss sich Michael Tönnies setzen. Seine Lunge fühlt sich an, als würde sie gleich rausfliegen. Erschöpft schaut er über seine linke Schulter hinauf zum Mount Everest. Dreizehn Stufen sind es bis zum Gipfel. Michael Tönnies ist 1,86 Meter groß. Wenn er vor der Treppe steht, reicht ihm die dritte Stufe bis zum Knie und die fünfte bis zur Hüfte. Heute ist ein guter Tag, denn meistens schafft er nur drei.
Er muss hinauf, jeden Tag, denn dort oben wohnt er, wie ein Eremit auf einem Berg. Mount Everest – so nennt er die Treppe zwischen dem Erdgeschoss und ersten Stock im Haus seiner Eltern, weil es jeden Tag für ihn eine Qual ist hinaufzusteigen, so als müsse er täglich auf den höchsten Berg der Welt klettern – ohne Sauerstoffgerät. Er ist wieder da, wo er als Kind schon war. Ein Mann von Anfang 50, auf dem Weg in sein Kinderzimmer. Dort oben wohnt er seit einigen Jahren, seitdem alles den Bach runtergegangen ist – die Karriere, die Kneipe, die Ehe, die Gesundheit, alles. Wie lange das her ist, weiß er nicht. Er zählt die Jahre nicht mehr und denkt auch nicht daran, wie es vorher war.
Das Einzige, an das er denken kann, ist das Atmen. Einfach atmen, das ist für ihn das Schwierigste. Er atmet flach, das Ausatmen fällt ihm besonders schwer, die Luft will nicht aus seiner Lunge heraus. Michael Tönnies hat ein Lungenemphysem, eine chronische Erweiterung der Lunge. Die Veranlagung für diese Krankheit steckt schon in seinen Genen, doch er hat alles dafür getan, um sie ausbrechen zu lassen.
Morgens und nach dem Essen ist das Treppensteigen am schwierigsten, dann schafft er nur drei Stufen auf einmal. Bis er oben angelangt sein wird, muss er mindestens zweimal anhalten und sich hinsetzen. Die fünf Schritte am Anfang der Treppe sind das Äußerste dessen, was sein Körper noch leisten kann, bis ihm die Luft wegbleibt und ihn seine Lunge in die Knie zwingt.
Es gab mal eine Zeit, als die fünf in anderer Form sein Leben geprägt hat. Fünf Tore in einem Spiel schießen nur ganz wenige Fußballer. Und wenn überhaupt, dann passiert so etwas nur einmal im Leben. Michael Tönnies ist es zweimal gelungen, zum ersten Mal im Dezember 1977, damals war er Jugendnationalspieler. In seinem ersten Länderspiel für die deutsche U18-Auswahl schoss er beim 8:0 gegen Dänemark fünf Tore, drei davon in zehn Minuten. Seine Mitspieler haben ihm auf die Schulter geklopft und sein Trainer hat durch die Kabine geschrien, der Tönnies, das ist ein Genie. Eine große Karriere haben sie ihm damals vorausgesagt.
Das zweite Mal war im August 1991. Für den MSV Duisburg schoss er beim 6:2 gegen den Karlsruher SC fünf Tore, drei davon in etwas mehr als fünf Minuten. Bis heute traf in der Bundesliga niemand schneller hintereinander als er. Ob er so etwas schon einmal geschafft habe, wurde er danach gefragt. »Nein«, hat er geantwortet, »bis jetzt einmalig.«
Das erste Mal hatte er vergessen.
Beinahe 5.000 Tage liegen zwischen diesen beiden Spielen, aber keine große Karriere. Der Dezember 1977 war ein Versprechen auf eine Zukunft, die es nie gegeben hat. Der August 1991 war ein später Höhepunkt einer Karriere voller Umwege, und eine Ahnung von dem, was hätte sein können, wenn – ja, wenn Michael Tönnies nicht der gewesen wäre, der er nun mal eben war. Ein Spieler. Einer, der sich das Leben gern so leicht wie möglich gemacht hat. Bis ihm irgendwann das Leichteste auf der Welt, das Atmen, so unendlich schwergefallen ist.
Mehr als fünf Minuten sitzt er nun schon auf der Treppe. So lange hat er früher für drei Tore gebraucht. An seine Tore – sowohl die im Dezember 1977 als auch die im August 1991 – denkt er schon lange nicht mehr. Dafür bleibt keine Zeit. Das Atmen ist anstrengend genug. Bei jedem Atemzug horcht er in sich hinein, er will wissen, wie seine Lunge reagiert – gelingt das nächste Atemholen noch oder bleibt ihm die Luft weg? Wie ein aufgeblasener Ballon fühlt sich seine Lunge an, und es ist, als ob ihm nur ein Strohhalm zum Atmen geblieben ist.
Michael Tönnies rafft sich wieder auf, setzt den linken Fuß auf die nächste Stufe und zieht den rechten nach. Ein Fuß vor, der andere nach – er nimmt die Stufen wie ein Kleinkind, das noch nicht gelernt hat, Treppen zu steigen. Aber anders geht es nicht mehr. So wie er sich von Atemzug zu Atemzug wagt, so tastet er sich auch die Treppe hinauf. Nach drei Stufen ist wieder Schluss.
Sein Bruder Dirk kommt in den Flur und schaut, ob er noch auf der Treppe sitzt. Ab und zu wirft jemand aus seiner Familie einen Blick auf die Treppe, ob er noch dasitzt oder ob ihm vielleicht etwas passiert ist. Wenn Dirk an Michael denkt, sieht er ihn auf der Treppe sitzend.
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