Nele konnte sich vor lauter Schreck nicht einmal eine Notlüge zusammenbasteln, sie stammelte: „Ich hatte eine Liste von Männern, Bekanntschaften aus meiner Vergangenheit. Ich hoffte, dadurch wieder einen Ehemann zu finden, was im Nachhinein gesehen sehr naiv war, denn Julian stand auch auf dieser blöden Liste.“
Nikolaos hörte einfach nicht auf, Nele mit offenem Mund anzublicken. In ihr stieg Panik hoch. Wie konnte sie einem Geistlichen nur so etwas sagen? Was dachte er jetzt bloß? Natürlich musste er schockiert sein. Der Fluchtinstinkt meldete sich in ihr, Nele machte auf dem Absatz kehrt und ließ den erstaunten Priester einfach stehen. Hoffentlich würde er ihr irgendwann dieses peinliche Gespräch verzeihen, aber für den Moment musste sie einfach nur weg, es war besser so.
Nachdem sich alles etwas gesetzt hatte und genügend Zeit vergangen war, verbrannte Nele die Liste, die ihr eindeutig kein Glück gebracht hatte, und beschloss, sich mehr ihren Söhnen zu widmen. Sie entschuldigte sich auch bei Martha. Sie war eine sehr gute Freundin, denn sie war kein bisschen böse, hatte sich nur große Sorgen gemacht und das zu Recht – Julian saß im Gefängnis und wartete auf seinen bevorstehenden Prozess.
Außerdem organisierte Nele eine gemütliche Gartenparty zur Taufe von Lisas Baby. Die frischgebackene Mutter freute sich riesig über dieses besondere Geschenk der Taufpatin ihrer Tochter. Die Feier rundete die gelungene Taufe harmonisch ab und die Stimmung war glänzend. Die kleine Nele, die der Mittelpunkt der Feierlichkeiten war, schlief gerade seelenruhig in ihrem Kinderwagen und bekam von dem Trubel um ihre Taufe gerade nichts mit.
Nach ein paar Gläsern Wein hielt Nele eine Rede. Sie dankte darin Gott für die Ehe von Lisa und Noah und für das Mädchen, das aus dieser Verbindung hervorgegangen war und das heute getauft wurde, weil es Gottes geliebtes Kind war.
„Ich hoffe für dich auch, dass du noch einmal die Chance bekommst, zu heiraten“, sagte Lisa dankbar und merkte erst, als sie es vor allen ausgesprochen hatte, dass sie, ohne es zu wollen, wahrscheinlich einen wunden Punkt im Herzen von Nele getroffen hatte.
Aber diese reagierte souverän: „Ich bin eine starke Frau und komme ebenso gut allein zurecht. Meine beiden jungen Männer sind mir Geschenk genug, außerdem hatte ich eine wunderbare Ehe mit Jan. Prost auf die kleine Nele. Möge ihr ein glückliches, langes und vor allem gesegnetes Leben bevorstehen.“
Alle klatschten, nur einer war sichtlich unzufrieden. Nikolaos stand plötzlich eindeutig empört auf, sodass nur die gratulierende Nele und er standen, alle anderen blickten sie an und fragten sich wahrscheinlich, was das sollte. Unerwartet ergriff er ebenfalls vor versammelter Feiergemeinde das Wort: „Und was ist mit mir, Nele? Ich liebe dich und möchte mit dir zusammen sein.“
Ein schockiertes Tuscheln ging durch die Reihen. Nele war es peinlich, dass der Priester ihr öffentlich seine Liebe gestand, noch dazu im Beisein ihrer Söhne. Aber sie beschloss trotzdem, ehrlich zu sein: „Ich liebe dich auch, aber du bist doch Priester. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen dein Gelübde brichst. Die Menschen brauchen dich.“
Die Anwesenden hatten nun jede Aufmerksamkeit auf die beiden gerichtet. Es entging niemandem, dass Nikolaos aus vollstem Herzen auflachte. Keiner konnte sich dieses eigenartige Verhalten erklären. Ratlos blickten sich alle an. Aber er löste Gott sei Dank mit seiner Erklärung die peinlich anmutende Situation umgehend auf: „Nele, ich habe mich keinem Zölibat verpflichtet. Ich bin nicht römisch-katholisch, sondern griechisch-katholisch und gehöre somit zu den wenigen katholischen Priestern, die heiraten dürfen.“
„Es gibt in der katholischen Kirche verheiratete Priester?“, fragte Nele ungläubig nach.
„Ja, es sind sehr wenige, aber es gibt sie“, sagte er lächelnd.
Nele brauchte einen Moment, ehe sie begriff, was Nikolaos gesagt hatte. Dann stürmte sie auf ihn zu. Sie fielen sich in die Arme und küssten sich. Ein unbeschreiblich gutes Gefühl erfüllte Neles Herz. Alle um sie herum applaudierten lautstark. Nele fand in diesem besonderen Augenblick ihr Glück wieder, alles ergab plötzlich einen Sinn. Gottes Schönheit hatte sich schon immer im Spiegel ihrer eigenen Seele gezeigt, nur war Nele das bis jetzt nicht ganz klar gewesen. Sie spürte deutlich das Geschenk eines wunderschönen Lebens, sie war wieder bei sich selbst angekommen.
Es war sogar fast so, als berührte Jan sanft ihre Schulter und flüsterte ihr zu: „Gut gemacht, Liebling. Du warst schon immer im Herzen Gottes zu Hause, darin liegt die wahre Schönheit des Lebens, im Lieben und Geliebt-zu-werden.“
*
„Emilia, du hast mich ernsthaft überrascht. Ich dachte anfänglich, dass du unheilbar psychisch krank bist. Aber das kann nicht sein, sonst würdest du nicht so schöne Geschichten schreiben. Es gibt eindeutig Heilungschancen für dich“, erzählte Frau Dr. Gabriel mit meinen Papieren in der Hand, die ich eigenhändig mit Neles Geschichte beschrieben hatte.
„Ihr hattet nicht das Recht, das zu lesen, meine Gedanken gehören mir. Diese Erzählung gehört mir. Ich habe es nicht erlaubt, dass ihr das an euch nehmt“, schrie ich aufgebracht.
„In deiner Akte steht, dass du eine Gefahr für die Menschheit bist, deshalb habe ich sehr wohl das Recht, deine Geschichten zu lesen“, sagte die Psychologin trocken.
Die Wut kochte siedend heiß in mir, aber ich wollte die Galle nicht ausspucken, die mir bitter auf der Zunge lag, und blieb lieber stumm. Was brachte es schon, zu reden? So starrte ich Frau Dr. Gabriel nur zornig an und versuchte, ihre Ausführungen über meinen geistigen Gesundheitszustand zu ignorieren. Was für ein Schwachsinn. Was wusste sie schon über mich? Nichts! Trotzdem musste ich mir ihr dummes Geschwafel anhören, sonst nahmen die Wärter mir Papier und Stifte weg, denn sie wussten genau, dass mich das am härtesten traf. Damit hatten sie mich in der Hand.
„Emilia, ich habe dich etwas gefragt?“, drang es zu meinem Ohr.
Ich zuckte mit den Schultern, die Psychologin seufzte.
„Emilia, warum schweigst du?“, setzte sie erneut an.
„Schweigen ist das Schlimmste, was man mir antun kann“, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung. Ich biss mir auf die Zunge. Warum hatte ich das bloß getan?
„Das musst du mir erklären. Es tut dir nichts mehr weh, als etwas nicht verstehen zu können? Und deshalb schweigst du auch?“, fragte sie nach.
„Ich weiß es nicht – eigentlich will ich nicht so sein, aber ich kann mich nur auf mich verlassen. Es versteht mich sowieso keiner“, kämpfte ich mit den Tränen. Diese Unterhaltung war schrecklich.
„Bist du dir da ganz sicher? Emilia, da steckt mehr hinter deinem Schweigen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass man sehr viel Heilung erfahren kann, wenn man etwas anspricht, sich sozusagen von der Seele redet. Ich bin sogar so sehr davon überzeugt, dass ich es zu meinem Beruf gemacht habe“, ergänzte Frau Dr. Gabriel.
„Ansonsten hätten Sie kein Interesse an mir, wenn es nicht um Ihre Bezahlung ginge?“, schrie ich, schnellte in die Höhe und schmiss wütend den Stuhl um, auf dem ich gerade noch gesessen hatte. Mein Gegenüber schreckte zurück. Der Wärter, der im Raum stand, um aufzupassen, hielt mich umgehend fest. Aber es war gar nicht mehr notwendig, denn ich wehrte mich nicht.
„Emilia, ich werte das als ersten positiven Schritt, aus dir herauszugehen. Das war ein guter Anfang, um weiterzuarbeiten. Überlege es dir gut, ob du mir nicht doch deine Geschichte erzählst. Ich verspreche dir, dass ich dir helfen kann. Ja, ich werde dafür bezahlt, aber ich würde diesen Beruf nicht ausüben, wenn mir nicht der Mensch hinter seiner Geschichte an erster Stelle stehen würde. Es ist mir wichtig, dir zu helfen“, schloss die Psychologin ab, ehe ich abgeführt wurde.
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