„Da siehst du es. Das ist nicht normal“, ermahnte Martha sie.
„Aber er hat sich hundert Mal entschuldigt. Außerdem waren wir fast noch Kinder“, rechtfertigte sich Nele.
„Wie du meinst, ich habe dich gewarnt“, sagte Martha mit strengem Blick. Damit war das Thema Julian für diesen Tag abgehakt. Doch das ungute Gefühl in Neles Herzen war ein Stück weit gewachsen. Hatte ihre Freundin doch recht? Sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte.
Zwei Tage später gab es die nächste Überraschung. Lisa rief Nele aufgeregt in der Pfarre an und berichtete, dass ein Aushilfspriester für die Pfarrgottesdienste und ein paar weitere seelsorgliche Pflichten heute noch zu ihr kommen würde, um Lisas Mutterschutz zu überbrücken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es immer geheißen, dass kein Personal für die Vertretung zur Verfügung stünde.
Na gut, dann musste sich Nele nun neu arrangieren, damit der Geistliche seine Arbeit machen konnte und sie ihm nicht in die Quere kam. Leise schickte sie ein Stoßgebet zu Gott, er möge einen aufgeschlossenen, offenen Priester schicken und keinen verbohrten, der die Zusammenarbeit erschweren würde.
Als es am späten Vormittag dann an der Tür klopfte, meldete sich Nele laut mit einem einfachen: „Herein!“
Als der Geistliche den Raum betrat, blieb Nele unbeabsichtigt der Mund offenstehen. Damit hatte sie nicht gerechnet, vor ihr stand ein junger, dunkelhaariger und hübscher Mann, der höchsten fünf Jahre älter war als sie selbst. Er passte keineswegs in das Bild, das Nele bislang von Priestern hatte. Alle, die sie bis jetzt kannte, waren mindestens über fünfzig Jahre alt.
„Ich bin Pater Nikolaos“, stellte sich der junge Mann schüchtern vor. Nele, die erst jetzt bemerkte, dass sie den Geistlichen peinlich anstarrte, ohne ein Wort zu sagen, löste sich aus ihrer unpassenden eingefroren wirkenden Körperhaltung, gab ihm höflich die Hand und nannte freundlich ihren Namen. Lächelnd und sichtlich erleichtert, dass Nele doch noch reagiert hatte, fügte er hinzu: „Ich bin der Aushilfspriester, ich soll einige Aufgaben der Pastoralassistentin übernehmen, die gerade ein Baby bekommen hat.“
Nele schoss der Gedanke in den Kopf, dass sein Akzent irgendwie süß war. Schnell ermahnte sie sich innerlich, dass man über einen Geistlichen nicht so dachte. Trotzdem fragte sie: „Woher kommen Sie? Also, woher stammt Ihr Akzent?“
„Ich komme ursprünglich aus Griechenland. Darf ich Ihnen das Du anbieten? Es ist mir lieber, weil es persönlicher ist“, sagte er förmlich.
„Ja natürlich. Ich bin Nele.“
Dann zeigte sie ihm das Pfarrheim und die Kirche, damit er seine Arbeit aufnehmen konnte. Sie erklärte die wichtigen und weniger wichtigen Details, wie immer war sie nervös, wenn etwas neu war. Pater Nikolaos machte es Nele aber leicht, seine ungezwungene und lockere Art beeindruckte sie. Er erzählte ihr sogar eine Geschichte über die heilige Lucia, deren Darstellung sich in einem Seitenaltar der Kirche befand. Die Legende über die Lichtbringerin, die schon in so jungen Jahren die Armen versorgte, Trost spendete und ihnen Gottes Wort nahebrachte, beeindruckte Nele noch mehr. Der Priester konnte so lebendig erzählen, dass die Botschaft der Geschichte direkt ins Herz ging. Das war eine Gabe, die ihn sicher zu etwas ganz Besonderem machte. Nele konnte sich vorstellen, dass die Menschen, die hier wohnten, ihn sehr gernhaben würden.
Und Nele behielt recht, Nikolaos begeisterte bereits in den wenigen Tagen, die er da war, die Pfarre und deren Mitglieder. Er war warmherzig und hörte den Menschen zu, ehe er mit seinen guten Worten Zuwendung und Vertrauen schenkte. Dadurch wurde er bei den meisten mit offenen Armen empfangen. Die paar, die ihn noch argwöhnisch anblickten, würden sich auch noch an seine Anwesenheit gewöhnen, da war sich Nele ziemlich sicher. Sie selbst hatte endlich jemanden gefunden, der ihr Gottes Gegenwärtigkeit in ihrem Leben sehr bildhaft erklären konnte. Sie verbrachte gerne Zeit in seiner Nähe, um ihm zu helfen, sich einzuleben, denn sie profitierte selbst davon. Sogar ihre Söhne fanden den neuen Priester cool. Nur die Tatsache, dass Nikolaos sehr hübsch war, irritierte Nele. Deshalb war sie mehr als erleichtert, als es endlich zum Date mit Julian kam.
Das Zusammentreffen mit Julian lief im Großen und Ganzen gut. Nele war bei ihm zu Hause in seiner prunkvollen Villa. Er hatte sie im Vorfeld gebeten, einen Bikini mitzubringen. Und so sonnten sie sich gemeinsam am Pool, tranken Cocktails und gingen im lagunenartigen Blau schwimmen. Im Wasser benahmen sich die beiden albern, bespritzen sich gegenseitig mit Wasser und begannen, wie Jugendliche zu rangeln.
Plötzlich drückte Julian Nele an sich und küsste sie. Nele freute sich über diese zärtliche Berührung, dieses Mal sprach ja nichts dagegen. Doch die Begeisterung war von kurzer Dauer, denn Julians Hände wanderten gleich zu ihren Brüsten und er flüsterte ihr ins Ohr: „Ich will mit dir schlafen.“
Nele löste die Umarmung und erwiderte: „Julian, das geht mir zu schnell.“
Unvermittelt schrie er hysterisch los: „Was soll das? Küssen lässt du dich und dann machst du einen Rückzieher?“
Nele starrte ihn schockiert an, seine Reaktion war eindeutig überzogen.
Julians Miene hellte sich aber wieder auf, reumütig gestand er: „Entschuldigung, Nele, das war dumm von mir. Mein Stress in der Arbeit steigt mir viel zu sehr zu Kopf. Ich hatte heute schon einen schrecklichen Tag. Natürlich darfst du das Tempo bestimmen.“
Nele war hin- und hergerissen, als er sie erneut vorsichtig küsste. Aber dieses Gefühl auf ihren Lippen, das sie seit Jahren nicht gespürt hatte, entfachte die Sehnsucht in ihrem Herzen nach Zuneigung und zärtlicher Nähe. So ließ sie ihn gewähren, verzieh ihm innerlich seinen eigenartigen Wutausbruch. Doch das ungute Gefühl, das sich in ihr ausgebreitet hatte, fand trotzdem weitere Nahrung und war keinesfalls aufgehalten.
Pater Nikolaos überraschte Samuel und Jonas mit einem Ausflug zu einem Fußballspiel. Die Jungen freuten sich riesig und ihre Mutter war glücklich, dass sie es im Vorfeld dem Priester erlaubt hatte, ihre Jungs mitzunehmen. Er kümmerte sich rührend um die beiden. Sie schlossen ihn sofort in ihr Kinderherz, da sie endlich ein männliches Vorbild hatten, welches ihnen seit dem Tod ihres Vaters so sehr gefehlt hatte. Nele freute dieser Anblick, wie sehr hatten ihre Söhne es verdient, dass es ihnen gut erging nach alledem, was sie in der Vergangenheit hatten durchmachen müssen, als sie ihren Vater verloren.
Nele fuhr inzwischen zu Julian, um mit ihm zu sprechen. Die Zweifel, dass sie die Finger von ihm lassen sollte, verstummten nicht in ihr. So löcherte sie ihn mit Fragen, die er charmant und zuvorkommend beantwortete. Er küsste sie erneut und die Hoffnung auf ein Happy End keimte in Nele wieder auf. Er versprach sogar, sie nie wieder zu bedrängen. Fröhlich machte sie sich auf den Nachhauseweg und wischte die übrig gebliebenen Zweifel weg. Vielleicht konnte es wirklich sein, dass sie einfach einmal Glück hatte.
In Neles Garten wurde gegrillt, als sie zu Hause ankam, ihre Söhne und Nikolaos schrien lautstark und euphorisch: „Überraschung!“
Und der Priester fügte noch hinzu: „Die gemeinsame Zeit beim Fußballspiel war so kurz, jetzt dachten wir, dass ein gemeinsamer Grillabend nett wäre. Ich hoffe, du freust dich.“
„Und wie!“, strahlte Nele übers ganze Gesicht.
Gemeinsam mit ihren Jungen deckte sie den Tisch und stellte ein paar dekorative Kerzen dazu, die herrlich dufteten, als man sie entzündete. Das gesellige Essen war kurzweilig und lustig. Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen. Die vier hatten fast den Anschein einer glücklichen Familie. Wenn man nicht wusste, dass Nikolaos Priester war, würde man ihn als Außenstehender in diesem besonderen Moment für den Familienvater halten.
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