An Bord macht sich Entspannung und Erschöpfung breit. Die meisten Besatzungsmitglieder dösen an ihren engen, blechernen Arbeitsplätzen vor sich hin wie Bauarbeiter, die auf einem Lastwagen ihrem Feierabend entgegenrumpeln. In ein paar Stunden werden sie wieder in Snetterton Heath landen, ihrer Base in Suffolk, dann werden sie essen und trinken und duschen und schlafen und hoffen, dass dieser verdammte Krieg bald zu Ende sein wird und sie nach Hause zurückkehren können.
»Glaubt ihr Juden eigentlich an ein Leben nach dem Tod?«, fragt Copilot Henderson, ein gläubiger Methodist, dessen Vater vor ein paar Wochen gestorben ist.
»Für die Gerechten soll es ein ewiges Leben geben«, sagt Mandell zögernd. »Ich bin nicht sehr religiös, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass nach dem körperlichen Sterben auch mein Geist für immer und ewig erloschen sein soll.«
Der Bomberschwarm fliegt nach Norden, parallel zum immer breiter werdenden Elbstrom, der sich behäbig durch das norddeutsche Bauernland windet. Am Horizont ist schon die Küste auszumachen. Das Wattenmeer glänzt im Widerschein der tief stehenden Sonne wie ein polierter Silberteller.
Um 19:46 Uhr tauchen die Jäger am Abendhimmel auf.
Hank, der MG-Schütze, sieht sie in seiner gläsernen Aussichtskanzel oberhalb des Cockpits als Erster. Er schreit gegen den Fluglärm an, als er die Position der feindlichen Flugzeuge durchgibt:
»Banditen auf fünf Uhr!«
Es sind drei. Drei winzige Punkte, die zunächst aussehen wie Fliegendreck auf der Verglasung des Cockpits. Doch schnell werden sie größer und größer.
»Drei ME 109«, meldet Hank.
Wie Pfeile schießen die Messerschmitt-Jagdmaschinen aus dem Hintergrund der dunkleren Erde.
»Verdammt, die greifen uns direkt an!«, ruft Copilot Henderson. Mandell versucht ruhig zu bleiben.
»Kann sein, dass wir bald wissen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt«, sagt er.
»Jesus Christ! Das sind Selbstmörder! Deutsche Kamikazeflieger!« Hendersons Stimme überschlägt sich.
Die ersten beiden Jäger rasen haarscharf durch Lücken des amerikanischen Bombergeschwaders hindurch. Ihre Bordkanonen sind dabei auf Dauerfeuer gestellt.
Die dritte Maschine schafft es nicht. Oder der Pilot rammt absichtlich einen der US-Bomber. Jedenfalls schlägt diese Messerschmitt wie eine Rakete seitlich in einen US-Bomber keine drei-, vierhundert Meter vor der Mandell-Maschine ein. Beide Flugzeuge explodieren gleichzeitig. Eine Salve von Wrackteilen schießt durch die Luft.
Mandell versucht der Katastrophe auszuweichen. Aber sein schwerfälliger Bomber kommt nicht aus der Gefahrenzone. Ein großes Trümmerteil rasiert die Turmkanzel ab und köpft Hank, den MG-Schützen. Ein anderes Stück reißt ein großes Loch in den Rumpf. Einer der Bordtechniker wird mitsamt seinem Stuhl wie von einem gewaltigen Staubsauger nach draußen gesogen. Der Bomber dreht sich wie ein schwerfälliger Brummkreisel und taumelt haltlos der Erde entgegen.
Menschliche Körper, Munitionskisten, Waffen, Sauerstoffflaschen schleudern durch den Innenraum, knallen gegen Metallwände, krachen gegen Decken und Böden. Und erschlagen den Funker. Zwei MG-Schützen sind wohl schon tot, als sie durch das Loch in der Außenwand nach draußen gerissen werden. Der Bombenschütze Wriggs klammert sich schreiend am aufgerissenen Bombenschacht fest. Es gelingt zwei Männern, ihn wieder hochzuziehen. Plötzlich geschieht ein Wunder. Die Maschine fängt sich. Der Absturz geht in einen wild schaukelnden Gleitflug über. Sie schalten das stotternde und qualmende vierte Triebwerk ab. Dann fallen auch die anderen Motoren aus. Durch ein Leck im Tank ist offenbar der Treibstoff ausgelaufen.
»Jetzt können wir jedenfalls nicht mehr explodieren«, schreit Henderson, der ewige Optimist. Den beiden Piloten gelingt es, die angeschlagenen Propeller in Segelstellung auszurichten.
Die Überlebenden drängen sich im Cockpit wie schutzsuchend aneinander. Pilot Mandell, Copilot Henderson und Navigator Simmons sind unverletzt. Der Maschinengewehrschütze Cunnings blutet aus einer Platzwunde am Kopf. Henderson klettert zum Arbeitsplatz des Funkers. Er sendet das Notrufsignal für 909 TB 35. Und gibt dreimal hintereinander die Namen der fünf noch lebenden Besatzungsmitglieder an das davonfliegende Geschwader durch:
»John Wriggs ...! – Bryan Simmons ...! – Albert Cunnings ...! – Paul Mandell ...! – Patrick Henderson ...!«
Eine Antwort ist nicht zu hören. Es rauscht und kracht und donnert im Äther wie bei einem Gewittersturm.
Im Cockpit sind die Instrumente ausgefallen. Nur einer der Höhenmesser scheint noch zu funktionieren. Wie ein Lastensegler schaukelt der schwere Bomber durch eine dünne Wolkenfläche der Erde entgegen, die noch von der gerade am Horizont untergegangenen Sonne in orangefarbenes Licht getaucht wird.
Mandell und Henderson haben keine Ahnung, wo sie sind und in welche Himmelsrichtung sie jetzt fliegen. Über ihnen taucht eine Maschine mit dem amerikanischen Hoheitszeichen auf und begleitet sie minutenlang.
»Hoffentlich haben sie unseren Notruf noch empfangen«, ruft Henderson.
Als der Höhenmesser nur noch 500 Meter anzeigt, dreht der andere Bomber ab.
Unter ihnen werfen im Mondschein Hochspannungsmasten und frei stehende, große Bäume diffuse Schatten. Felder und Weiden und Äcker und Baumplantagen tauchen auf. Unter ihnen ist ein kleiner Fluss oder ein Kanal zu sehen, auf dem Lastkähne ankern. Hinter den Deichen ducken sich strohgedeckte Bauernhäuser und klobige Fachwerkkirchen. Das flache Land vor ihnen ist von Entwässerungsgräben durchzogen. Angestrengt halten die Männer im fliegenden Flugzeugwrack Ausschau nach einem Platz für eine Notlandung. Endlich erreichen sie ein etwas ansteigendes, freies Gelände, das von weitläufigen, offenen Grasflächen bewachsen zu sein scheint.
Links und rechts davon erfasst der intakte Suchscheinwerfer der Maschine noch Teiche, Seen und kreisförmige sandgelbe Stellen.
»Ein Golfplatz!«, ruft Simmons, der golfspielende Navigator. »Das kann doch nicht wahr sein. Da vor uns, das scheint tatsächlich ein Golfplatz zu sein. Die gelben Sandlöcher sehen aus wie Bunker, und die breiten Grasbahnen sind vermutlich Fairways!«
»Ich glaube, du hast Recht«, sagt Henderson. »Das ist tatsächlich ein Golfplatz. Und ich dachte immer, die Deutschen spielen nur Fußball ...«
»Wir könnten versuchen, auf einer der langen Grasbahnen zu landen.«
»Ja, genau, auf einem Par 5!« Simmons, der Golfexperte, lacht jetzt sogar.
Mandell versucht, die klemmenden Landeklappen an beiden Flügeln einigermaßen gleichmäßig auszufahren.
»Macht euch fertig! Wir versuchen es!«
Die anderen nehmen die Positionen für eine Notlandung ein. Sie bergen ihre Köpfe schützend in den Armen.
Mandell blickt auf seine Fliegeruhr, die zwei Zeitzonen anzeigt. Es ist 20:19 Uhr abends in Deutschland – 14:19 Uhr mittags in New York.
»Bei null setzen wir auf«, ruft er und versucht noch eine letzte Positionsmeldung abzusetzen, dann beginnt er rückwärts zu zählen.
»Zehn, neun, acht, sieben ...«
Mandell starrt nach vorne. In ein paar hundert Metern Entfernung taucht rechts neben der breiten Golfbahn auf einer leichten Anhöhe der Umriss eines großen, altertümlichen Gebäudes auf. Ein Schloss oder Gutshaus mit Giebeln und Türmchen auf einem mächtigen roten Ziegeldach. Das nicht mehr zu kontrollierende Flugzeug schleudert mit einer Landegeschwindigkeit von mehr als hundert Stundenkilometern genau in diese Richtung. Verzweifelt versucht der junge Bomberpilot eine Bruchlandung in das Gebäude zu verhindern, doch die Steuerung reagiert nicht mehr. Mit aufgerissenen Augen sieht Mandell das Gebäude auf sich zurasen. Er erkennt ein großes Säulenportal und eine kreisrunde Auffahrt. Ein paar Hakenkreuzfahnen an hohen Masten flattern in einem starken Seitenwind. Nazifahnen! Kurz über dem Boden wird die schleudernde Maschine von einer starken Bö erfasst und von dem schlossartigen Gebäude weggedrückt. Die Fahnenmasten knicken wie angerissene Streichhölzer ab. Dann schlägt der Bomber mit der linken Tragfläche zuerst neben der Grasbahn auf. Der Flugzeugkörper pflügt eine mehrere hundert Meter lange Furche in den weichen Boden, dreht sich um die eigene Achse, rasiert mit dem rechten Flügel zwei Tannen ab und kracht gegen einen mannshohen Findlingsstein, bevor er in der Mitte auseinanderbricht. Die Wrackteile rutschen in eine flache Kiesgrube.
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