Er war damals endgültig von seiner Frau weggegangen. Hatte seine Familie, Frau und zwei Kinder, in München untergebracht. Er sorgte materiell sehr gut für sie. Aber er kümmerte sich wenig um sie. Das kann nicht verschwiegen werden. Er war sehr froh, als die Frau einen anderen Mann heiratete, mit dem sie sich ausgezeichnet verstand und der die Kinder sehr gut erzog. Er fand, er gehörte nicht zu diesen Kindern. Er fand, sie spiegelten beide ganz und gar die mütterliche Familie wider, und sie hatten nichts von ihm und wollten nichts von ihm außer Geld. Und das war ihr gutes Recht, und sie bekamen es.
Manchmal dachte er, es sei böse, so zu fühlen und nach diesem Gefühl zu handeln. Aber nachdem er einmal vier Wochen mit den beiden Kindern verreist gewesen war und mit ihnen gelebt hatte wie mit Menschen von einem anderen Stern, nachdem er gesehen hatte, daß sie in ihrer Welt wenigstens so glücklich waren wie er in seiner, trennte er sich endgültig und für immer von ihnen und sah sie höchstens ein-, zweimal im Jahr oder wenn sie zufällig in Berlin waren.
Er wollte damals vor allem ungestört arbeiten. Er kam plötzlich auf ganz neue Dinge. Farblich, technisch, thematisch.
Er begriff ganz neue Sachen. Er fing zum ersten Male in seinem Leben an, systematisch nachzudenken. Er hatte bis dahin den Aberglauben gehabt, daß Denken dem Künstler, dem Maler, dem Könner schaden müsse. Daß es die ursprüngliche Kraft lähmen oder zerstören könne. Er kannte doch Maler genug, die zu klug waren. Die tüftelten und theoretisierten, die Denksysteme auf die Leinwand brachten. Ergrübelte und erknobelte Probleme statt Gestaltungen. Keine Schauungen. Und nun merkte er: alles, was der vertrocknete Verstand, was der endlich gepflegte und aufgelockerte Geist aufnahm, das kam in den Farben wieder zum Vorschein. Geist malen kann man nicht. Aber vom Geist her über das Auge die Farben leuchtender, durchsichtiger, klarer, einfacher machen ... das kann man. Das hatte er erfahren.
So kam es, daß er nach dieser entsetzlichen Krise — nein, noch mitten drin — ganz neue, ihn selbst überraschende Dinge malte. Bilder, die alle seine Anhänger und Freunde befremdeten, bis auf Bigel, der damals wie immer bei ihm stand und ihm beistand. Bilder, die aber von ganz anderen Menschen, von Menschen, die ihm bisher fremd und aller Malerei fremd gewesen waren, verstanden wurden.
Eine Riesengebirgslandschaft war darunter gewesen. Vom Kamm ins Tal über Fichten weg, sehr kühn und sehr verkürzt gesehen, die Farben auf Sonnenstrahlen in die Tiefe gleitend, ein überraschend heiteres Bild. Ferner das Porträt eines drei Monate alten Kindes — Baby-Porträts, schrieb befremdet die Kritik, zeigen eine gewisse Neigung zum Auflösen aller Form —, in das nichts hineingeheimnißt war, in dem nur das klare, einfache Menschenstaunen, das Widerbild der erstaunlichen Welt, das ursprüngliche Leuchten der menschlichen Existenz Gestalt geworden war. Schließlich war damals der Löwenmaulgarten entstanden, von oben her, vom Menschenaugenstandpunkt aus gesehen, eine derbe Fülle von Farben, aufgetan in der ganzen Vibration des Lichtes.
Unter diesem Löwenmaulbild hatte er Renate getroffen, eine pommersche Landfrau mit dem feinknochigen Gesicht und der zarten Haut der Städterin, mit straffen Haaren, die über der Stirn wie Pferdehaare abgeschnitten waren. Er hatte gesehen, daß sie lange unter dem Bild stand und schließlich überwältigt weinte. Und er hatte sie einfach weggeholt, weggefangen wie ein junges Pferd von der Steppe. Er wußte es genau: damals, als er voll guter Ideen und Einsichten, aber mit geringen Verwirklichungen im schlimmsten Übergang steckte, da er unmutig, lebensunsicher und lebensüberdrüssig war, hatten ihn ihre Freudentränen zum Leben zurückgeholt.
Sie hatten ihn erschüttert wie ein Erdbeben, und es war endlich ans Licht gekommen, was an Lebensfreude, an Klarheit, an Heiterkeit und Klugheit in ihm gesteckt hatte.
Da kam die große Zylvercamp-Zeit, aus der das Porträt Nummer vier stammte. Es war um den fünfzigsten Geburtstag herum gemalt. Selbst die beginnende Glatze leuchtet auf diesem Bild. Die Augen, ein wenig malerhaft zusammengekniffen, funkeln vor Farblust, vor Lebensfreude. Welch ein Gefühl, auf der Höhe des Lebens zu leben! Welch eine rasende Lust, das zu gestalten, was schon lange gewartet hatte, gestaltet zu werden! Welche Kraft kommt daher, daß man Kraft ausgibt! Daß man sich in immer wieder neuen Schöpfungen verschwendet. Daß man sich in Gestaltungen ergießt, die bleiben, in armselige, viereckige Leinwandstücke voll Ewigkeit.
Das verdankte er Renate. Und er verdankte ihr, daß alles Schwere leicht wurde. Selbst das bedrückte Gewissen. Er nahm doch nicht gern einem Mann seine Frau weg. Er mochte diesen Scheffer aus Pommern gern, einen schweigsamen Mann, einen stolzen Herrn, dem nie und nirgends etwas zugestoßen war, was er nicht überwinden konnte. Aber dies überwand er nicht. Genau wie Renate erdbebenhaft Zylvercamp aufriß und — wörtlich — entdeckte, genau so stürzte ihr Weggehen das Leben des Gutsbesitzers Scheffer zu.
Renate wußte das. Sie sprach damals das tollkühne, das hochmütige Wort, daß in jeder Schöpfung Geburt und Tod stecke. Und daß man es sich darum genau überlegen müsse, ob man schöpferisch zu sein wage. Denn man könne nicht wissen, ob bei einer Schöpfung Leben herauskomme oder Tod. Sei man aber erst einmal in der Schöpfung drin, so müsse man es ganz sein und könne sich nicht mehr darum kümmern, ob man das Leben anderer gefährde. Ein zweischneidig-gefährliches Wort, das heißt, mit einer Schneide gefährlich für den, über den es gesprochen wurde, und mit einer Schneide für den, der es sprach.
Denn jetzt, vierzehn Jahre nachdem es gesprochen war, jetzt fiel es Zylvercamp wieder ein, und er erkannte, daß es auch ihr Leben zerschneiden konnte.
Er packte bei diesem Gedanken seine Bilder fröstelnd zusammen. Er sah wieder das letzte, das unvollendete Selbstporträt an. Das bedeutete einen Abstieg. Deutlich. Ein Herunterkommen, mindestens einen Stillstand. Wo war der Mut hin? Wahrscheinlich mit dem Hochmut davongegangen. Wo die Kraft, das ewig Wechselnde einzufangen? Starr blickte der Mann auf dem Bild. Griesgrämig, lauernd. Er wartete. Worauf wartete er? Auf einen Anstoß von außen. Auf einen Anruf. Auf die Stimme, die ihm den Weg weisen sollte.
Er nahm die Palette noch einmal auf, er legte sie still wieder hin. Er spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich.
Er saß fest. Das war ganz klar. Das Leben, das er führte, hatte ihn versandet. Mochte es nun zu satt, zu reich, zu erfolgreich, zu bequem, zu einfach sein oder war es in die unzähligen Bilder übergegangen und ihm war nichts mehr geblieben. Er war festgefahren. Mit seinem Lebensboot, mit der ganzen Fracht von Erkenntnis und Arbeit, von Familie und Freundschaft, von Kampf und Erfolg.
Er war festgefahren, und er konnte nicht loskommen, wenn nicht Hilfe von außen kam. Oder wenn er etwas von der Fracht seines Lebens über Bord warf. Das war klar. Er mußte bald loskommen. Er mußte bald wieder aufbrechen. Er konnte nicht liegenbleiben und mehr und mehr versanden.
Er wußte das schon seit einiger Zeit, und in diesem Augenblick meinte er nur genau zu spüren, daß er ohne Hilfe von außen, daß er ganz von sich aus nicht mehr die Kraft finden würde.
Von außen mußte das kommen, was ihn losriß. Darum hatte Maria von Nemesch diese helle und dunkle Gewalt über sein Herz und über sein Leben. Sie war zur rechten Zeit gekommen. Sie war ihm gesandt.
In der Nacht hatte es gestürmt. Der erste Herbstzyklon ging über die Stadt. Die Bäume des Bellevueparkes hatten geheult wie pommerscher Wald (fand Renate Zylvercamp). Am Morgen war es hellgrau, seefarben. Vom Altan aus sah man zum erstenmal die Umrisse von ein paar Dächern jenseits des Großen Sterns. Viele Blätter mußten gefallen sein.
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