Betty erhob sich von den Knien. Was lag ihr an der Vergebung der blonden Frau? Nichts, gar nichts! Bei dem Kinde wollte sie bleiben. Nur darauf kam es ihr an. Aber sie dachte nicht daran, sich nochmals zu demütigen vor der Frau, für die sie niemals Zuneigung und schließlich nur Haß empfunden. Und sie haßte sie nach Fred Lindners Tod noch mehr.
Diese blonde Frau durfte wenigstens seinen Namen tragen, den Namen, auf den sie selbst sich so sehr gefreut, aus Liebe, aber auch aus Ehrgeiz. Diese blonde Frau hatte hinter seinem Sarge hergehen dürfen; sie aber hatte nicht einmal daran zu denken gewagt, heimlich und von ferne der Feier beizuwohnen. Diese blonde Frau war die Mutter seines Kindes, war reich und sie — war ein Nichts, ein Niemand!
Sie ballte die Hände und drückte die Fingernägel fest in das Fleisch, um den Zorn zu unterdrücken, der sich aus ihrer Brust lösen wollte. Leidlich beherrscht antwortete sie:
„Ich werde also in zwei Wochen das Haus verlassen, gnädige Frau.“
Margot neigte den Kopf und erhob sich.
„Es ist gut, Betty, und nun soll dieses Thema von eben nicht mehr zwischen uns berührt werden, bitte. Ich will in den Park gehen und nehme das Kind mit. Ziehen Sie Hedi das weiße Mäntelchen an.“
Betty holte das Mäntelchen herbei und zog es der Kleinen in so netter spielerischer Art an, trieb dabei so zärtlich Scherz mit dem Kind, daß Margot überlegte, sie hätte Betty eigentlich doch nicht entlassen sollen. Eine ähnliche Pflegerin für Hedi fand sie kaum wieder. Mit dem Tod ihres Mannes war doch all der Unfug zu Ende. Wie vielen anderen Mädchen mochte der leichtsinnige Mensch die Ehe versprochen haben unter Hinweis auf seine bevorstehende Scheidung!
Aber eben hoben sich Bettys Lider. Ihr Blick, der kurz zuvor noch auf dem Gesicht des Kindes gehaftet, richtete sich jetzt auf Margot — dunkel, haßerfüllt.
Diese erschauerte vor dem Blick und dachte gequält, sie würde froh sein, wenn die zwei Wochen, die Betty noch blieb, vorüber waren.
Schnell verließ sie mit Klein-Hedi das Zimmer.
Und während sie das Kind durch den Park trug, es ab und zu auch ein Weilchen gehen ließ, es sorgsam vor dem Fallen schützend, dachte sie an Betty — wie falsch sie gewesen, als sie sich nach dem Sühnetermin noch erkundigt, ob die Scheidung nun bald erfolgen würde. Sie hatte die Frage für Teilnahme gehalten, und doch war sie nur der Selbstsucht entsprungen.
Die Köchin kam ihr in den Park nach.
„Gnädige Frau, zwei fremde Damen sind da, die Sie dringend sprechen wollen.“
Sie reichte Margot eine Karte, auf der stand: Ludwiga Zeidener, Berlin, Alexanderstraße 40.
Margot übergab der Köchin das Kind.
„Bringen Sie Hedi zu Betty, bitte. Ich werde zu den Damen gehen.“
„Sie sind unten im Empfangszimmer, gnädige Frau!“ rief Marie der schnell Davoneilenden nach, die sich nach einem Kuß auf die Stirn des Kindes entfernt hatte.
*
Margot ging erst in ihr Zimmer, bürstete noch einmal ihr leichtgewelltes kurzes Blondhaar, wusch sich die Hände und trank ein Glas Wasser zur Beruhigung, denn die Unterhaltung mit Betty schwang doch noch erregend in ihr nach.
Sie grübelte flüchtig darüber nach, was die fremden Damen, deren Namen sie bisher niemals gehört, von ihr wollen könnten, stieg die Treppe hinunter und stand bald vor der Tür des sogenannten Empfangszimmers, das wohl der am schönsten ausgestattete Raum des alten Nonnenhauses war. Er enthielt mit wertvollem Gobelinstoff überzogene Polstermöbel, köstliche alte Truhen und Kirchenschränke und vor allem kostbare Bilder von berühmten alten Malern.
Als Margot eintrat, drehten sich zwei Damen nach ihr um, die an einem Fenster standen — eine sehr dicke Frau, Mitte der Vierzig, und ein Mädchen von etwa zwanzig — beide schwarz gekleidet — die Gesichter von derbem Schnitt.
Margott trat näher und sagte einfach:
„Mein Name ist Margot von Lindner. Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, meine Damen, und mir mitzuteilen, was Sie zu mir führt?“
Die Besucherinnen setzten sich, und Margot ließ sich ebenfalls nieder. Sie saß nun zwischen den beiden. Der Älteren schien der Anfang schwer zu fallen, doch nachdem sie ihn einmal gefunden, rauschte ein Wortschwall auf, dem kein Einhalt geboten werden konnte, und Margot saß da, mußte anhören, was ihr neue Pein schuf.
Noch hatte sie die Enttäuschung mit Betty nicht verwunden, als schon wieder neuer Ärger, neue Aufregung ihr nahten.
Die Frau saß plump und gewichtig in ihrem Sessel und gestikulierte lebhaft. Ihre Hände schienen alles, was sie sagte, zu unterstreichen. Ihr Organ war hart und blechern.
Margot hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber sie mußte alles anhören, denn in dem, was ihr wie ekler Klatsch erschien, war ihr Mann wieder die Hauptperson.
Frau Zeidener erzählte gell und keifend:
„Herr von Lindner war mit meiner Tochter Ida verlobt.“ Sie zeigte auf das Mädchen, das verweint aussah und wiederholte: „Er war mit ihr verlobt. Ganz zufällig lernten wir ihn kennen — bei einem Jazzkonzert — und aßen dann zusammen in einem feinen Restaurant am Kurfürstendamm. Ich lud Herrn von Lindner ein, weil er uns gut gefiel und so unverheiratet aussah. Ich dachte gleich, er wäre so‘n Mann, wie ich ihn mir für mein Idelchen wünschte. Na ja, und dann haben wir uns öfter getroffen, und er kam auch zu uns in die Wohnung. Er hatte uns von seinem Gut erzählt und, daß er sehr unglücklich verheiratet wäre, daß seine Frau so schrecklich viel Geld verbrauchte und schon fast sein ganzes Vermögen verjuxt hätte. Daß er sich jetzt aber eine Frau wünschte wie mein Idelchen.
Das war nun ganz nach unserem Geschmack, denn Idelchen hatte sich mächtig verknallt in den schönen Mann. Ich auch, ich genau so! Und er erzählte, er läge schon seit langem mit seiner Frau in Scheidung, die bald ausgesprochen werden müßte. Dann wollte er wieder heiraten, aber diesmal nicht so unüberlegt. Danach lud er uns ein, wir sollten uns sein Gut einmal ansehen, und das haben wir auch getan, Idelchen und ich. Im Schloß, nach dem Kaffee, hat er mich gleich um Idelchens Hand gebeten, und Idelchen hat gestrahlt und war glücklich. Aber die Verlobung müßte vorläufig noch geheim bleiben, verlangte er, weil er doch noch nicht geschieden wäre. Darauf gingen wir ein, und weil er das Gut wieder etwas hochbringen wollte, wie er erklärte, gab ich ihm hunderttausend Mark in bar.
Doch mit einem Male hörten Idelchen und ich nichts mehr von ihm. Also fuhr ich mit ihr nach Lindenhof, und da erfuhren wir dann Schreckliches.“
Ida Zeidener fing an zu weinen, und ihre Mutter zeterte:
„Wir hörten Dinge, die wir erst nicht glauben wollten und doch glauben mußten. Ein Filou ist der saubere Herr gewesen, ein Mädchenjäger schlimmster Sorte, ein Geldvertuer und Liederjahn. Und Sie wären so was wie ‘n Engel, machte man uns klar. Er soll ja das Gut an allen vier Ecken angesteckt haben, und manche behaupten, er hätte den Tod im Feuer gesucht, weil er nicht mehr ein und aus wußte — allerdings, er wäre unfreiwillig mitverbrannt. Ist ja auch gleich, er ist jedenfalls ein Lump gewesen. Von dem Titel fegt ihn auch das Feuer nicht sauber.“
Endlich machte die Erregte eine Pause, und Margot hätte sprechen können. Aber jetzt war es ihr nicht möglich. In ihr war alles so wund, und ihr war es, als müsse sie sich selbst noch Schmerzen zufügen, wenn sie jetzt redete.
Inzwischen hatte die andere auch schon wieder Atem geschöpft, und die Sätze schnurrten weiter, als würde der Mund von einem Uhrwerk bewegt.
„Ich bin auf den Schwindler, Ihren Mann, reingefallen und mein Idelchen auch. Jetzt verstehe ich, wie dumm wir beide waren! Schon am ersten Tag haben wir dem Menschen unsere Verhältnisse erzählt. Er konnte ja alles so geschickt aus uns dummen Weibern herausholen. Ich erzählte ihm, daß mein Mann Bauunternehmer gewesen und uns eine halbe Million an Werten hinterlassen hatte. Die Auskunft genügte ihm wohl schon, seinen Plan zu machen, wie er uns schröpfen könnte. Ich blöde Gans gab dem Erstbesten, bloß weil er ein schöner Mann war und einen adligen Namen trug, bare hunderttausend Mark!“
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