Fast das ganze Dorf hatte sich eingefunden, um dem Begräbnis beizuwohnen, auch Leute aus dem Städtchen. Neugierde, Gutmütigkeit und Sensationslust waren versammelt, und alle die vielen Augen schienen sich nur auf die schwarzgekleidete schlanke Frau zu richten, die am offenen Grabe den Schleier zurückschlug und ihre schmalen, feinen Züge ernst allen Blicken preisgab.
Man sah in ihr blasses junges Antlitz und hörte den Pfarrer beginnen mit seiner Rede. Er sprach nicht lange, aber sehr eindringlich und legte seiner Rede das Bibelwort zugrunde: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!
Da war manchem, der noch kurz zuvor verächtlich von dem Entseelten gesprochen, als würde alles in ihm wach, was er selbst je Unrechtes getan, und das Urteil über den Toten milderte sich.
Weil Fred Lindners Frau, obwohl er sie abscheulich behandelt, an seinem offenen Grabe stand, und weil der Pfarrer so gütig und hinreißend redete, dachte man plötzlich anders als eben noch über den Toten, den man „Brandstifter“ und „Selbstmörder“ genannt. Ein paar Dorffrauen konnten ihre Rührung nicht unterdrücken; sie schluchzten laut auf; die Taschentücher kamen in Bewegung.
Margot hielt sich mit aller Kraft aufrecht, die feierliche Handlung riß an ihren ohnedies nicht mehr widerstandsfähigen Nerven. Und ihr schien, als schwelle die Stimme des Geistlichen zu unerhörter Stärke an ihr Ohr: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!
Sie schwankte ein wenig, aber sofort hatte sie sich wieder in der Gewalt. Nur den Neugierigen kein weiteres Schauspiel geben!
Die Beerdigung war zu Ende. Margot mußte viele Händedrücke des Beileids über sich ergehen lassen, bis sie endlich ihr Auto besteigen durfte. Mit einem tiefen Seufzer sank sie in die Kissen. Dem Himmel sei Dank! Jetzt lag wohl das Schwerste hinter ihr. Sie konnte zufrieden sein. Der Vater ihres Kindes war gut und christlich in die Erde gekommen. Sie nahm sich vor, fortan alle bitteren Gedanken an ihn nach Möglichkeit zu verbannen. Sein furchtbarer Tod war eine große, eine übergroße Strafe für die Sünden, die er begangen.
Die Grabrede klang in ihr nach, schien sich in ihr festzuklammern wie mit schmalen, harten Fingern: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!
Margot saß in ihrem behaglichen kleinen Wohnzimmer im ersten Stock. Die Fenster gingen nach hinten hinaus in den nicht besonders umfangreichen Park, der noch ein Stückchen Föhrenwald mit einschloß. Ihr Vorfahre, jener Werner, der das Nonnenhaus von der Stadt gekauft, hatte auch den Park anlegen lassen. Und er war schön und eigenartig geworden. Margot liebte ihn und erging sich gern in ihm. Sie verspürte auch jetzt Lust, ein wenig unten herumzuspazieren. Aber Klein-Hedi sollte mit hinunter in Sonne und Luft.
Sie rief nach Betty; doch diese kam nicht gleich, und so suchte Margot das Kinderzimmer auf.
Sie fand Klein-Hedi auf dem Teppich sitzend und vergnügt mit ein paar Wolltieren spielen, daneben Betty anscheinend ganz geistesabwesend und in Tränen gebadet.
Margot näherte sich ihr, hüstelte. Das Kind hob das Köpfchen, krähte jauchzend: Mama!
Erschreckt fuhr Betty zusammen, erhob sich sofort und versuchte mit dem Taschentuch die Tränenspuren zu verwischen, was ihr aber nicht gelang und auch zwecklos gewesen wäre, denn Margot hatte sie weinen sehen.
Die blonde Frau nahm das Kind auf den Arm, ließ sich auf einen Stuhl nieder und fragte teilnehmend:
„Was für Kummer haben Sie, Betty? Es fällt mir schon seit Tagen auf, daß Sie sehr verstört sind. Hat es irgendein Unglück in Ihrer Familie gegeben?“
Betty versuchte zu lächeln, aber es mißlang jämmerlich.
„Nein, gnädige Frau, und mir fehlt auch nichts. Ich bin eben mal in trauriger Stimmung, ich — bin —“
Sie stockte, und jedes weitere Wort erstarb in Schluchzen.
Margots Rechte streichelte sanft das Köpfchen des Kindes, das sich so vertrauend an ihre Brust drückte und entgegnete sanft:
„Es handelt sich bei Ihnen nicht nur um eine vorübergehende traurige Stimmung, sondern um mehr. Ich will nicht in Sie dringen, Betty; aber Sie tun mir leid, und wenn ich Ihnen helfen kann, ich bin gern bereit dazu.“
Betty war völlig zerrüttet, seit sie erfahren, Fred von Lindner war bei dem Brande, den er so sorgfältig vorbereitet, umgekommen. Sie litt wahre Folterqualen, weil sie zu niemand, zu keinem einzigen Menschen darüber sprechen durfte. Oft glaubte sie wahnsinnig werden zu müssen von dem Ansturm der entsetzlichen Gedanken.
Wie so ganz anders war alles beabsichtigt gewesen! Das Feuer sollte Fred Lindner zu einer guten Versicherungssumme verhelfen, mit der er die böse drängenden Gläubiger abfinden und billig wieder aufbauen wollte. Später, nachdem die Scheidung mit der blonden Frau ausgesprochen, hätte er sie dann geheiratet.
Aber nun war das über alle Maßen Gräßliche geschehen. Der Mann, den sie anbetete, war ein Opfer seiner Tat geworden. Überall, wo sie ging und stand, sah sie Flammen — hochschlagende, grelle Flammen — und sah den schlanken Mann in der Lohe, sah, wie die furchtbaren Flammen ihn vernichteten.
Gräßliche Bilder zeigte ihr die erregte Phantasie.
Margot wiederholte:
„Liebe Betty, wenn ich Ihnen helfen kann, bin ich gerne bereit dazu.“
Betty lachte rauh auf, und unbeherrscht drängte es sich über ihre Lippen:
„Sie wären die allerletzte, die mir helfen könnte!“ Erschrak jedoch alsbald selbst und stammelte: „Verzeihung, gnädige Frau, ich meinte natürlich nur, mir kann niemand helfen, auch Sie nicht.“
Margot aber hatte der Satz Bettys, sie sei die allerletzte, die ihr helfen könnte, plötzlich die Augen geöffnet. Sie sah das Mädchen lange an und ihr fiel erst jetzt richtig auf, wie hübsch es war mit den großen dunklen Augen, dem dichten, dunklen Haar — wie vorteilhaft sie die tadellose volle Figur zu kleiden verstand, trotz aller Einfachheit.
Sie vermochte im ersten Moment der Erkenntnis kaum zu sprechen, dann aber drückte sie das Kind fest an sich und sagte leise:
„Mein Mann hat vielen hübschen Mädchen von Liebe geredet, doch sein Herz war niemals dabei. Vielleicht hat er Ihnen dasselbe gesagt wie alle den anderen. Ich glaube Sie zu verstehen.“
Betty erwiderte mit blitzenden Augen:
„Er hat mir bestimmt nicht dasselbe gesagt wie den anderen! Ich galt ihm mehr! Er wollte mich heiraten!“
Ihr war gleich, was nun kam, aber sie konnte nicht auf sich sitzen lassen, daß sie Fred Lindner nicht mehr gegolten als die vielen anderen Mädchen, mit denen er seine Frau betrogen.
Margot brachte auf diese Antwort sogar ein schwaches Lächeln fertig; auch ihre Stimme ließ keine Erregung merken. Sie hatte ja ihre Liebe schon längst zu Grabe tragen müssen, lange, bevor der unselige Mann eines so furchtbaren Todes starb. Sie antwortete:
„Ich möchte Ihnen keine Illusionen rauben, Betty. Denken Sie an Fred Lindner so gut, wie Sie nur können, es gibt nicht allzu viele, die das tun. Aber ich glaube, es ist doch ratsam, wir beide trennen uns.“
Betty starrte ganz entgeistert auf die Herrin und schrie dann auf:
„Nein, nein! Nur das nicht!“ Sie stürzte auf die Knie, rang die Hände: „Verzeihung für meine dummen Reden, gnädige Frau, Verzeihung für alles! Aber schicken Sie mich nicht fort. Ich kann nicht leben ohne das Kind. Klein-Hedi ist doch sein Kind, ist ein Stück von ihm, und wenn ich es hergeben, es nicht mehr täglich sehen soll, gehe ich zugrunde. Es ist ja gar nicht auszudenken, wie das werden sollte.“
Über Margots Gesicht glitt es wie Mitleid, und Mitleid gab ihr auch die Antwort ein:
„Sie brauchen ja nicht sogleich fort, Sie haben Zeit, sich nach einer guten neuen Stelle umzusehen. Ich werde Ihnen ein ausgezeichnetes Zeugnis ausstellen, das Sie als Kinderfräulein ja auch verdienen.“ Dann wurde ihr Ton hart: „Daß Sie mich mit meinem Mann hintergingen, war häßlich von Ihnen, aber ich vergebe Ihnen, weil Sie an Klein-Hedi hängen.“
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