„Was soll das, Marie? Was soll das?“
Die alte Köchin schluchzte lauter als bisher.
„Lassen Sie mich beten. Tote haben Gebete nötig Der Weg in die Ewigkeit wird einer armen Seele leicht, wenn man hier unten für sie betet!“
Margot fuhr sich mit einer Hand über Stirn und Augen.
Ach, Unsinn! Es war ja gar nicht wahr, was Marie gesagt hatte! Ihre Mutter war nur ohnmächtig, nicht tot! Nein, nicht tot!
Sie stürzte an das Telefon, rief den Hausarzt an. Er war zu Hause und versprach, sofort im Auto zu kommen.
Doch als Margots Blick wieder die Mutter suchte, schwand ihre Hoffnung. Ihr war, als hätte sich das geliebte Gesicht in wenigen Minuten unsäglich verändert. Ein fahler Schein breitete sich darüber aus, wie der Abglanz eines seltsam blauen Lichtes, und der Kopf lag schlaff, kraftlos da.
Sie kniete neben dem Stuhl nieder und weinte fassungslos. Sie zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß ihre Mutter tot war.
In einem Stuhl hockte das Hausmädchen mit dem Kinde im Arm. Auch die Kleine fing an zu weinen, als ahne sie etwas von dem Schmerz, der nun in das stille, trauliche Nonnenhaus Einkehr gehalten.
Das Mädchen versuchte Klein-Hedi zu beruhigen, die sie vorhin aus dem Schlaf gerissen, weil der zweite Schrei sie aus dem Zimmer getrieben, nach unten, zu den anderen Hausbewohnern.
Die Klingel am Eingang schrillte, und die Köchin erhob sich langsam.
„Es wird Doktor Breitschwert sein. Ich werde ihm öffnen.“
Sie fragte, ehe sie das tat, erst durch die Haustür: „Wer ist draußen?“
Eine bekannte Stimme gab Antwort. Da öffnete Marie. Es war Betty Fellner, die heimkam. Sie lachte Marie vergnügt entgegen:
„Fein war es bei meiner Freundin. Wir haben uns glänzend unterhalten und —“
Marie legte ihr eine Hand auf den Mund.
„Still, Betty, still! Die alte Gnädige ist eben gestorben. Vor Schreck, glaube ich. Zweimal haben wir vorhin alle einen entsetzlichen Schrei gehört. Sie kennen ja die Sage vom Nonnenhaus! Der furchtbare Schrei hat der alten Gnädigen den letzten Rest gegeben. Ihr Herz war für dergleichen nicht mehr widerstandsfähig genug.“
Betty machte eine Bewegung nach der Stirn.
„Das mit dem Schrei ist doch heller Blödsinn, Marie. Eine Sage ist eine Sage! In Wirklichkeit kann doch kein Mensch den Schrei gehört haben.“
„Zweimal haben wir ihn gehört, wir alle, im Hause“, berichtete Marie eifrig, „und die arme alte Gnädige hat den Tod davon gehabt.“
„Frau Werner ist wirklich tot?“ fragte Betty und klammerte sich an das Treppengeländer.
„Ja, wirklich!“ versicherte Marie. „Und nun wartet die junge Gnädige auf Doktor Breitschwert; er muß gleich kommen.“
Betty sah ganz fassungslos aus.
„Das ist ja schrecklich!“ murmelte sie. „Das ist ja unglaublich!“
Das Ereignis schien ihr sehr nahe zu gehen. Marie sah, wie sie zitterte. Sie klopfte ihr auf die Schulter.
„Zusammennehmen! Sonst regen wir die junge Gnädige noch mehr auf. Gehen Sie, und holen Sie das Kind! Else wird doch nicht so damit fertig wie Sie. Sie ist mit dem Kind auch im Eßzimmer. Dort ist nämlich die alte Gnädige gestorben.“
Man hörte das Anfahren eines Autos. Marie ging öffnen. Es mußte der Arzt sein.
Der alte Doktor Breitschwert trat ein, und Marie erzählte ihm flüsternd unter neuen Tränen, was geschehen war.
Er ging neben ihr den Gang entlang nach dem Eßzimmer.
Betty folgte in Mantel und Hut und trat mit in das Zimmer hinein.
Margot schwankte dem alten Hausarzt entgegen; aber zu sprechen vermochte sie nicht.
Doktor Breitschwert brauchte nur einen einzigen Blick auf das Gesicht der im Lehnstuhl Sitzenden zu werfen, der genügte, den Tod der alten Dame festzustellen.
Er nahm Margots Hände.
„Liebe gnädige Frau, Ihre gute Mutter ist für immer von Ihnen gegangen. Mein herzlichstes Beileid!“
Margot schwankte. Sie hatte nicht mehr an der Wahrheit gezweifelt, daß ihre Mutter tot war, aber eine ganz, ganz winzige Hoffnung war doch noch in ihr gewesen.
Lautlos brach sie zusammen.
Frau Werner wurde beerdigt. In tiefe Trauer gehüllt, stand Margot am Grabe der Mutter, ihre Augen brannten von den vielen Tränen, die sie vergossen. Als die Feier vorüber war, blieb sie zurück. Sie hatte alle gebeten, sie noch ein paar Minuten hier ganz allein zu lassen. Ihr Auto wartete vor dem Friedhof.
Da stand sie nun und starrte auf den frisch aufgeworfenen Hügel, unter den man die eingebettet, die ihr das Leben gegeben.
„Mutter, liebe, liebe Mutter!“ flüsterte sie — „lebe wohl, Mutter — nein, auf Wiedersehen!“
Sie blickte zum blauen Frühlingshimmel auf, der heute so wundervoll rein und klar war, an dem die Sonne wie ein goldener, strahlender Ball hing. Der herrliche Himmel paßte nicht zu dem Gedanken an Tod und Vergehen.
Wie aus dem Boden gewachsen, stand plötzlich ein Mann neben ihr. Zärtlich klang seine Stimme:
„Nun stehst du allein in der Welt, Margot, und brauchst wieder einen Menschen, der zu dir gehört, mit dem du dich aussprechen kannst. Ich schwöre dir, ich will dir fortan die Hände unter die Füße legen. Sei wieder mein! Ich flehe dich an. Ich gehe zugrunde vor Sehnsucht nach dir!“
Sie wendete sich mit Widerwillen ab und ging, ohne ihn auch nur einer Antwort zu würdigen, dem nahen Ausgangsportal zu.
Er blieb an ihrer Seite.
„Wenn mir etwas zustößt, trägst du die Schuld und die Verantwortung“, raunte er ihr zu.
Erregt erwiderte sie: „Zerstöre mir durch deine Gegenwart nicht die Trauerstimmung um meine geliebte Mutter. Ich will nie und nimmermehr etwas von dir wissen.“
Er blieb jetzt zurück, rief ihr aber nach:
„Was nun Böses geschieht, ist dein Werk! Vergiß das nicht, Närrin!“
Sie beeilte sich, den Ausgang des Friedhofes zu erreichen. Dort wartete Dr. Breitschwert, der den Autoschlag vor ihr öffnete und nach ihr in den Wagen stieg.
Er schien Fred von Lindner nicht bemerkt zu haben und sagte sanft:
„Denken Sie an Ihr Kind, und seien Sie stark, liebe gnädige Frau.“
Margot fuhr sich mit dem Tuch über die Augen.
„Sie haben recht, Herr Doktor, ich will an mein Kind denken, nur an mein Kind!“
Damit schob sie den letzten Gedanken an ihren Mann zurück. Nach einem Weilchen meinte sie:
„Wenn ich nur das Rätsel der beiden Schreie lösen könnte! Immer noch liegt mir ihr Klang marternd im Ohr.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich muß wohl an die Schreie glauben, gnädige Frau, weil Sie nicht die einzige sind, die sie vernahm. Schade nur, daß der Chauffeur Stefan und seine Mutter, die in dem angebauten Garagenhäuschen wohnen, nichts hören konnten. An schreiende Geister glaube ich nicht. Es muß sich jemand einen Unfug erlaubt haben.“
Margot macht eine verneinende Bewegung.
„Das ist völlig ausgeschlossen, Herr Doktor, beim ersten Schrei befand sich die Köchin, beim zweiten auch das Hausmädchen bei meiner Mutter und mir im Eßzimmer. Das Kinderfräulein hatte ein paar Stunden Urlaub erbeten und kam erst nach Hause, nachdem Mutter schon gestorben war. Ins Haus aber kann sich niemand heimlich einschleichen, es wird streng verschlossen gehalten. Sogar der Chauffeur Stefan und seine Mutter müssen klingeln, wenn eins von beiden Einlaß begehrt.“
Dr. Breitschwert wußte nichts darauf zu erwidern, er murmelte nur nochmals, was er vorhin laut gesagt: „An schreiende Geister glaube ich nicht!“
Die Tage vergingen. Margot verbrachte sie sehr einsam und zurückhaltend. Selbst ihre besten Bekannten bat sie, ihr jetzt keine Besuche zu machen. Sie mußte erst ein wenig über den großen Verlust, der sie betroffen hatte, hinwegkommen.
Acht Tage waren seit der Beerdigung verflossen, als die Bewohner des Nonnenhauses eines Nachts — die Uhr ging schon auf zwölf — von Feuerlärm geweckt wurden. Vom obersten Stockwerk sah man ferne den Schein eines Feuers in der Umgebung der Stadt.
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