Es war ein stürmischer Frühlingsabend, und Fred von Lindner hatte den Rockkragen aufgeschlagen, die Mütze tief in das Gesicht gezogen. Niemand erkannte in ihm den Gutsherrn von Lindenhof. Es regnete etwas; doch die beiden eifrig miteinander Sprechenden störte das nicht. Wohl eine Stunde lang gingen sie durch abgelegene Straßen, ehe sie sich endlich trennten, nachdem der Mann das verliebte Mädchen in einer dunklen Ecke fest an sich gezogen und geküßt hatte.
Die kleine Stadt besaß eine elektrische Straßenbahn, doch fuhr sie nur jede Stunde einmal vom Bahnhof bis zum Friedhof. Betty benutzte sie. Vom Friedhof an mußte sie gehen. Aber sie war nicht furchtsam. Und bald kam auch schon das Nonnenhaus in Sicht, in dem Frau Werner mit ihrer Tochter, Frau von Lindner, wohnte.
Der große langgestreckte Bau hieß noch immer das Nonnenhaus, weil er einmal das Hauptgebäude eines Nonnenklosters gewesen. Das Gebäude, das man als Lagerhaus benützte, war vor etwa hundert Jahren von einem reichen Fabrikbesitzer namens Werner der Stadt abgekauft und in ein Wohnhaus umgewandelt worden. Seitdem lebten die Werners im Nonnenhaus wie in einem alten Schlosse. Lange verzweigte Gänge gab es darin und tiefe geheimnisvolle Keller, Nischen mit den Heiligenfiguren und sogar noch einige Klosterzellen, die der Bauherr in ihrem früheren Zustand gelassen. Es war interessant, das alte Nonnenhaus, in dem man trotz allem Alten und Spukhaften doch so bequem und traulich wohnte.
Und eine Sage gab es im Nonnenhaus auch, eine Sage aus jener längst verschollenen Zeit, als noch grau gekleidete Nonnen hier durch lange Gänge geschritten oder vor den Heiligenbildern um gnädigste Fürsprache im Himmel gefleht. Es ging die Sage, daß eine Nonne, von irdischer Liebe zu einem Manne erfaßt, aus dem Kloster habe fliehen wollen und daß sie auf diesem Wege etwas Furchtbares gesehen haben müsse. Sie habe zweimal einen markerschütternden Schrei ausgestoßen und sei dann tot umgesunken.
Es hieß nun, sie fände keine Ruhe im Grabe, und zuweilen in stiller Nacht ertönten wieder ihre gellenden Verzweiflungsschreie durch das Nonnenhaus, wie einstmals vor fast dreihundert Jahren.
Dieser und jener behauptete, früher die Schreie gehört zu haben; aber alle, die jetzt im Nonnenhaus wohnten, lächelten über die alte Sage. Niemand von ihnen glaubte daran.
*
Frau Werner und Margot saßen beim Abendbrot und redeten darüber, daß sie, sobald die Scheidung ausgesprochen, nach Nauheim reisen wollten. Der Arzt hatte der alten Dame dringend geraten, auch in diesem Jahr eine Kur in Nauheim zu machen, wie seit langem alljährlich.
„Die Kur wird dir bestimmt gut tun, Mutter“, meinte Margot; „du wirst dich in Nauheim sehr erholen. Doktor Breitschwert sagte auch letzthin, wenn du vor großem Schreck und vor Aufregungen bewahrt bleibst, sei dein Leiden gar nicht gefährlich.“
Frau Werner lächelte dankbar.
„Du hältst mir ja alles Erregende fern, meine liebe Margot, und wachst äußerst sorgfältig darüber, daß mein Leben glatt und ruhig verläuft.“
Das unregelmäßige, feine, nur etwas zu blasse Gesicht der jungen Frau rötete sich.
„Ich konnte dir leider den Schmerz meiner unglücklichen Ehe nicht ersparen, Mutter, aber jetzt liegt das alles hinter uns. Ich freue mich schon darauf, mit dir und Klein-Hedi nach Nauheim zu reisen. Betty nehmen wir natürlich mit. Sie ist anhänglich und zuverlässig.“
Die grauhaarige Frau zuckte leicht die Achseln.
„Ich möchte Betty kein Unrecht zufügen; aber sie ist mir nicht besonders sympathisch.“
Margot schüttelte den Kopf.
„Betty ist treu und zuverlässig, Mutter, glaube mir, und sorgt für das Kind, als sei es ihr eigenes.“
„Du wirst schon recht haben, Margot“, gab Frau Werner zu, „aber man hat manchmal gegen jemand ein Vorurteil, ohne erklären zu können, weshalb. So geht es mir in diesem Fall wohl auch.“
Fast im gleichen Augenblick horchten beide Frauen auf und wechselten entsetzte Blicke.
Ein Mark und Bein durchdringender Schrei gellte durch das Haus, aus allernächster Nähe scheinbar, draußen auf dem Gange, hallte schaurig von den Mauern wider.
Frau Werner kannte die alte Sage; ihr Verstand glaubte nicht daran; aber ihr Herz schlug plötzlich ganz toll, um danach beinahe stillzustehen. Angst überfiel und schüttelte sie.
Ihre Linke zuckte nach dem Herzen.
Margot war aufgesprungen. Sie beugte sich über die Mutter und flüsterte angstvoll:
„Was ist dir, liebes, gutes Mütterchen? Sei ruhig, bitte! Ich hole dir deine Tropfen.“
In diesem Augenblick klopfte es an die Tür.
Sie rief mechanisch herein.
Die Köchin trat ein und fragte erregt
„Ich wollte nur sehen, was es gibt. Sie haben so furchtbar laut geschrien, gnädige Frau.“
Margot schüttelte den Kopf.
„Ich habe nicht geschrien, Marie, und meine Mutter auch nicht. Aber jetzt halten Sie mich nicht auf. Meiner Mutter ist nicht wohl. Ich muß ihre Tropfen holen. Bleiben Sie indessen bei ihr.“
Sie verließ schnell das Zimmer.
Man hatte im Erdgeschoß gegessen, und die Schlafzimmer lagen im ersten Stock. Von dort holte Margot die Tropfen, die ihre Mutter einnehmen mußte, wenn das Herz zu sehr erregt war. Sie flog förmlich die Treppe hinauf und wieder hinunter.
Die Mutter saß jetzt mit geöffneten Augen da, lächelte ihr entgegen.
„Habe ich dich erschreckt, Margot? Aber der Schrei hat mich so konfus gemacht.“
Die Köchin trat zurück, als Margot in ein halb gefülltes Glas ein paar Tropfen der Medizin mischte und es der Mutter an die Lippen führte.
Aber gerade, als Frau Werner trinken wollte, gellte ein zweiter Schrei auf — ein Schrei, der imstande war, die ruhigsten Nerven aus der Fassung zu bringen — ein Schrei, so entsetzlich, daß die Köchin mit dem Ausruf „Himmlischer Vater!“ in eine Ecke des Zimmers flüchtete, dort Schutz suchend vor einer unbekannten Gefahr. Margot aber mußte das Glas auf den Tisch stellen, um den Inhalt nicht zu verschütten. Auch hatte ihre Mutter fast heftig abgewehrt.
*
Die Tür sprang auf. Das Hausmädchen Else stürzte ins Zimmer wie auf der Flucht, das Kind im Arm. Sie hatte an diesem Abend Betty vertreten und am Bettchen des Kindes gesessen. Sie rief zitternd vor Aufregung:
„Wer hat denn schon zum zweiten Male so furchtbar geschrien? Wer?“
Sie blickte sich ganz verstört um. Die Köchin gab ihr Antwort.
„Niemand von uns, Else, niemand. Es ist die Nonne gewesen. Die alte Sage ist wahr. Gott behüte uns alle! Der Schrei im Nonnenhaus bedeutet Unglück!“
„Unken Sie nicht so törichtes Zeug zusammen, Marie!“ verwies sie Margot, die sich jetzt zusammenriß. Sie fuhr fort:
„Wir werden herausbringen, wer die Schreie ausgestoßen hat.“ Sie nahm das Glas wieder auf. „Trink‘, bitte, Mutter, trinke!“
Sie neigte sich über die Mutter, und dann fiel ihr plötzlich das Glas aus der Hand.
„Mutter!“ rief sie angstvoll, „Mutter, höre mich doch!“
Doch kein Laut antwortete ihr, kein Blick der geliebten Mutteraugen. Starr lagen die Lider darüber. Der Ausdruck des Schreckens hatte sich auf dem Antlitz der Regungslosen festgehängt.
„Mutter! Mutter, bitte, sieh mich doch an! Sprich nur ein einziges Wort zu mir!“ flehte Margot, an allen Gliedern bebend, von einer furchtbaren Ahnung bedrängt.
Die alte Köchin näherte sich langsam und blickte forschend in die regungslosen Züge ihrer Herrin, der sie seit vierzig Jahren eine treue und ergebene Dienerin gewesen. Sie atmete dabei so laut, daß es in der Stille des Zimmers klang, als arbeite ein kleiner Blasebalg. Dann aber sank sie wie niedergerissen in die Knie, schluchzte laut auf und begann zu beten: „Vater unser, der du bist im Himmel!“
Margot faßte sie rauh an einer Schulter.
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