Alle Bewohner des Nonnenhauses waren wach geworden von dem nervenzermarternden Geheul der Feuersirenen.
Margot stand am geöffneten Bodenfenster und fragte die neben ihr stehende Köchin:
„Wo mag das Feuer nur sein?“
Die behäbige Alte erwiderte etwas gepreßt:
„Ich glaube fast, es brennt auf Gut Lindenhof.“
Margot erschrak doch. Wenn sie auch nichts mehr von Fred wissen wollte, so hatte sie ihn doch einmal geliebt, obwohl sie das kaum noch begreifen konnte. War er ihr jetzt auch widerwärtig, so wünschte sie, im Andenken an glücklichere Tage, doch nicht, daß sein Besitz Schaden erleiden sollte. Lindenhof war ein so schönes kleines Gut, und sie dachte in diesem Augenblick fast mit Sehnsucht an das hübsche weiße Herrenhaus mit der breiten Freitreppe, auf der zwei steinerne Panther Wache hielten.
Man hörte die Tür der Garage gehen. Margot fragte hinunter:
„Sind Sie es, Stefan?“
Der Chauffeur gab Antwort:
„Ich wollte mal sehen, wo es brennt, gnädige Frau.“
Sie rief ihm zu:
„Nehmen Sie das Auto, und bringen Sie bald Nachricht, wo das Feuer ist.“
Fünf Minuten später fuhr Stefan vom Hofe.
Betty schlief im Zimmer bei dem Kinde. Auch sie war aufgestanden; der Feuerlärm hatte sie aufgeweckt, wie die anderen Hausbewohner. Sie fragte nicht, wo es brannte. Sie hatte es nicht nötig, danach zu fragen. Sie wußte es schon. Aber sie war sehr aufgeregt. Tausend wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf.
Ob der Plan glücken würde?
Der Lindenhof war gut versichert. Hoffentlich gelang alles planmäßig. Dann war Fred mit einem Male alle seine drängenden Gläubiger los.
Ein stolzes Lächeln glitt über ihr hübsches Gesicht. Dann wurde sie Fred von Lindners Frau. Er hatte es ihr versprochen, fest versprochen. Und er würde sein Wort halten, er liebte sie ja — liebte sie anders als die verwaschene blonde Frau, deren Scheidung von ihm vor der Türe stand.
Die Köchin kam leise und flüsterte, um das Kind nicht zu wecken:
„Es scheint auf dem Lindenhof zu brennen. Die Gnädigste ist ganz aufgeregt.“
Betty antwortete so ruhig, wie sie nur konnte:
„Ich verstehe nicht, wie sich die Gnädige darüber aufregen kann. Der Lindenhofer Herr geht sie doch gar nichts mehr an.“
„Sie ist aber noch nicht geschieden. Sie hat es noch nicht schwarz auf weiß“, entgegnete die alte Köchin.
Sie ging wieder nach oben. Der Blick vom Bodenfenster war interessanter als die Unterhaltung mit Betty.
Eine Stunde später hörte man ein Auto sich nähern. Margot sagte dem Hausmädchen Bescheid, Stefan solle, sobald er in den Hof gefahren, zu ihr ins Zimmer kommen. Sie suchte ihre Wohnstube auf, setzte sich dort in einen der hohen Ledersessel und wartete.
*
Stefan, ein junger Mensch von vierundzwanzig Jahren, trat ein. Er blieb an der Tür stehen, die Mütze in der Hand.
„Das Feuer ist auf dem Lindenhof, gnädige Frau. Zwei Scheunen sind abgebrannt und zwei große Ställe. Das Vieh ist mit Mühe und Not gerettet worden. Auch das Herrenhaus brennt. Alles soll gleich an verschiedenen Stellen lichterloh in Flammen gestanden haben. Die Leute munkeln, es handele sich um Brandstiftung.“
Er senkte den Kopf, sichtlich verlegen und verwirrt.
„Was haben Sie sonst noch gehört?“ fragte Margot. „Sie sehen aus, als möchten Sie noch etwas sagen.“
Der junge Chauffeur druckste. Es fiel ihm sichtlich schwer, zu antworten.
Margot redete ihm zu:
„Warum wollen Sie mit irgend etwas hinter dem Berge halten? Sie wissen doch so gut wie alle, die mich kennen, daß ich mit meinem Mann in Scheidung liege.“
Stefan drehte verlegen seine Mütze.
„Man sagt, Herr von Lindner wäre mitverbrannt, und man hätte ihn bereits gefunden!“
Margots Gesicht war entsetzlich blaß geworden. Diese Mitteilung hatte sie nicht erwartet; das traf sie doch wie etwas Elementares, Überwältigendes und Furchtbares.
Sie winkte dem Manne, er möge sich entfernen. Zu reden vermochte sie nicht.
Als Stefan gegangen war, falteten sich ihre Hände, und sie betete leise und innig:
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“
Sie dachte jetzt milde und versöhnend über alles, was Fred von Lindner ihr angetan. Er tat ihr leid, und Tränen drängten sich in ihre Augen. Der Vater ihres Kindes war eines grausamen und jammervollen Todes gestorben.
Mit einem Male aber fielen ihr die Worte ihres Mannes ein, die er zu ihr gesagt, als er sie, nach dem Begräbnis ihrer Mutter, auf dem Friedhof mit der Bitte behelligte, sich wieder mit ihm auszusöhnen. Silbe für Silbe war in diesem Augenblicke wieder da und fand sich zusammen zu dem Satz: „Wenn mir etwas zustößt, trägst du die Schuld und die Verantwortung!“
Der Satz beschwerte sie, setzte ihren armen Nerven böse zu.
Als Betty durch Marie von dem Geschehenen erfuhr, brach sie beinahe zusammen; die alte Köchin mußte sie stützen. Erst nach geraumer Zeit gab sie den hilfreichen Arm frei; sie sah entsetzlich bleich aus. Doch auf Maries teilnehmende Fragen antwortete sie nur:
„Mir fehlt nichts, gar nichts! Es ist nur zu gräßlich, das mit dem Verbrennen.“
Marie schüttelte den Kopf.
„Wenn es auch noch so gräßlich ist, wundert mich doch, daß Sie bei der Nachricht beinahe zusammenbrachen.“
Marie machte sich ihre eigenen Gedanken. Herr von Lindner hatte ja kein hübsches Mädchen in Ruhe lassen können. Betty gehörte wahrscheinlich auch zu denen, die Gnade vor seinen Augen gefunden hatten — vor seinen oft so leichtsinnig und übermütig blitzenden Augen.
Aber Betty tat ihr nicht so leid wie ihre junge Herrin. Der hatte die Unglücksbotschaft fast einen schwereren Schlag versetzt als der jähe Tod der Mutter. Sie schien völlig abwesend, als sänne sie ständig über etwas nach, was sie nicht fassen konnte.
Marie hatte richtig beobachtet, Margot von Lindner grübelte fortwährend, ob sie die Schuld daran trug, daß ihr Mann so entsetzlich geendet hatte.
Die letzten Worte, die er an sie gerichtet, waren zu lebendig in ihr. Sie quälte sich mit ihnen herum: Wenn mir etwas zustößt, trägst du die Schuld und die Verantwortung.
Stunde auf Stunde sann sie darüber nach: Hatte er die Gutsgebäude angezündet und freiwillig den Tod in den Flammen gesucht? Hatte er sie, trotz allem, doch vielleicht so sehr geliebt, daß er das Leben ohne sie nicht mehr ertragen konnte?
O, wer ihr diese marternde Frage beantwortet hätte! Aber sie wußte niemand, mit dem sie darüber hätte sprechen können.
In ihrer Not fiel ihr der Justizrat Dr. Lenz ein. Sie fuhr zu ihm und klagte ihm mit Tränen in den Augen, was sie so sehr bedrängte.
Die beiden saßen einander im Privatbüro des Justizrats gegenüber, und dieser hörte aufmerksam zu, was ihm Margot von Lindner erzählte.
Als sie zu Ende war, machte er mit der Rechten eine Bewegung der Abwehr.
„Liebe gnädige Frau, verzeihen Sie, aber Sie verrennen sich in Einbildungen. Sie müssen sich selbst Halt gebieten.“ Er sah Margot teilnehmend und freundlich an. „Man soll über Tote nur Gutes reden. Aber das geht manchmal nicht, wenn sie keine guten Menschen waren. Fred von Lindner war ein durch und durch selbstsüchtiger Charakter, der nur seine eigene Person liebte. Wenn er sich freiwillig das Leben nahm, geschah es aus schwerwiegenden Gründen. Dann muß er nicht mehr ein und aus gewußt haben. Aber aus Verzweiflung, weil Sie nichts mehr von ihm wissen wollten, geschah es bestimmt nicht. Sie haben ja leider die traurige Erfahrung gemacht, daß er nur Ihr Geld liebte. Sie dürfen keinen Gedanken mehr an Ihre Einbildung verlieren. Was er Ihnen auf dem Friedhof zugerufen hat, war eine Drohung, um Sie zu erschrecken, damit Sie nachgeben oder sich mindestens schwere Gedanken machen sollten.“
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